Jüdischer Professor attackiert

Bonn reagiert mit "Tag der Kippa" auf antisemitischen Angriff

BONN. Nach der Attacke auf einen jüdischen Professor hat die Bonner Polizei ein Disziplinarverfahren gegen die vier beteiligten Beamten eingeleitet. Am Donnerstag findet vor dem Rathaus der "Tag der Kippa" statt.

Nach dem antisemitischen Angriff auf den jüdischen Professor Yitzhak Melamed möchte Oberbürgermeister Ashok Sridharan ein Zeichen für gesellschaftlichen Zusammenhalt und gegen wachsenden Antisemitismus setzen. Am Donnerstag, 19. Juli, findet daher um 15 Uhr vor dem Alten Rathaus auf dem Marktplatz ein "Tag der Kippa" statt, wie die Stadt am Dienstag mitteilte. Die Veranstaltung war ursprünglich für den kommenden November geplant, nach der Attacke am Hofgarten findet dieser in Abstimmung mit der Jüdischen Gemeinde nun vorher statt. "Niemand, keine Bonnerin und kein Bonner und erst recht kein Gast, sollte sich in unserer Stadt vor Tätlichkeiten fürchten müssen, auch nicht wegen eines religiösen Symbols", so Sridharan.

Beim "Tag der Kippa" werden neben dem Oberbürgermeister auch Margaret Traub, Vorsitzende der Synagogengemeinde Bonn, sowie Martin Frick, Senior-Direktor für Politik- und Programmkoordination beim Klimasekretariat der Vereinten Nationen (UNFCCC), sprechen. Teilnehmer werden gebeten, eine Kippa mtzubringen.

Disziplinarverfahren eingeleitet

Am Montag hatte die Bonner Polizei ein Disziplinarverfahren gegen die vier Beamten im Alter von 25 bis 28 Jahren eingeleitet, die offenbar nach einer Verwechslung den jüdischen Professor Yitzhak Melamed verfolgten und schlugen. Der Beamte, der die Schläge gegen den am Boden liegenden Wissenschaftler ausgeteilt haben soll, ist innerhalb der Behörde von der Einsatzhundertschaft in eine andere Abteilung versetzt worden, teilte Polizeisprecher Robert Scholten mit.

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) sieht zum jetzigen Zeitpunkt keinen Grund für weitere personelle Konsequenzen und setzt auf eine lückenlose Aufklärung. Staatsanwaltschaft und Kölner Polizei ermittelten, so Reul. „Bisher sieht allerdings alles nach einem verhängnisvollen Missverständnis aus. Es wird nichts vertuscht, im Gegenteil: Wir tun alles, um den Fall rückhaltlos aufzuklären. Das sind wir der Öffentlichkeit, aber auch Professor Melamed schuldig“, sagte Reul. Am Wochenende meldete sich Melamed, der als Gastprofessor an der Uni Bonn einen Vortrag gehalten hattet, zu Wort. Er zeigte sich empört über die Darstellung der Polizei und hielt ihr vor, „haltlose Lügen“ zu verbreiten. Er habe sich beim Einsatz der Polizei nicht gewehrt, wie die Behörde mitteilte. „Ich war bewegungsunfähig und konnte nicht atmen“, erklärte Melamed. Die vier Polizisten hätten sich von zwei Seiten auf ihn gestürzt.

Er schrieb von „wenigen Dutzend Schlägen“, die er abbekommen habe, gegenüber anderen Medien sogar von 60 bis 80 Schlägen. Ein Zeuge, der namentlich nicht genannt werden will, schilderte dem GA, der Zugriff sei „äußerst brutal“ gewesen. Er hatte allerdings aus rund 15 Meter Entfernung beobachtet, dass nur einer der Polizisten den Professor im Sprung zu Boden brachte, als der dem flüchtenden Angreifer hinterherlief. Der Zeuge beschrieb schnelle Armbewegungen des Polizisten, einen „Kampf nach unten“ über mehrere Sekunden; Schläge ins Gesicht aber habe er aus der Distanz nicht wahrgenommen. Die anderen drei Polizisten hätten darum herum gestanden. Ob der Professor sich gewehrt habe, habe er nicht erkennen können.

Melamed schildert, dass er nach dem Vorfall zweimal aussagen musste. Beim ersten Kontakt habe man ihm eine Beschwerde gegen die Polizisten im Einsatz ausreden wollen. Erst bei einer zweiten Vernehmung sei er „höflicher“ behandelt worden. Laut Scholten ist die zweifache Vernehmung, zunächst in der Wache und anschließend im Polizeipräsidium zur genaueren Anhörung kein außergewöhnlicher Vorgang. Aus Neutralitätsgründen ermittelt die Kölner Polizei  gegen die Beamten wegen des Verdachts der Körperverletzung.

Polizeibeamte verwechselten Opfer und Täter

Bonns Polizeipräsidentin Ursula Brohl-Sowa hatte sich am Tag nach dem Angriff am frühen Donnerstagmorgen mit Melamed getroffen, um sich vor dessen Abflug nach Baltimore persönlich zu entschuldigen. Der habilitierte Philosoph äußerte nun seine Vermutung, dass sie sich nur entschuldigt habe, weil er „ein Professor und kein Underdog“ sei.

Mittlerweile befasst sich die Bonner Staatsanwaltschaft mit den Fällen. Gegen den 20-Jährigen, der den US-Amerikaner beschimpft, angegriffen und ihm die Kippa vom Kopf geschlagen haben soll, prüft die Staatsanwaltschaft laut Behördensprecher Sebastian Buß die Straftatbestände Körperverletzung, Beleidigung und Volksverhetzung. Er war nach dem Irrtum der Polizei festgenommen, am Folgetag aber wieder freigelassen worden. Ob die Polizisten sich durch ihr Verhalten der Körperverletzung schuldig gemacht haben, werde in einem zweiten Verfahren geprüft.

Insgesamt vier Polizisten waren am Mittwochnachmittag zum Hofgarten beordert worden. Als sie dort eintrafen, verwechselten sie Täter und Opfer, streckten den jüdischen Professor nieder. Ein Beamter schlug ihm ins Gesicht, weil er sich gewehrt habe, so die Darstellung der Polizei. Udo Schott, Vorsitzender der Bonner Polizeigewerkschafter, sagte am Montag: „Das ist nun die Stunde der Ermittler. Es gibt einige Widersprüche, die nun aufgeklärt werden müssen.“ Auf die Frage, warum ausschließlich junge Beamte im Einsatz waren, sagte er, es sei „wünschenswert“, wenn stets ein erfahrener Polizist mit dabei sei, aber es gebe keine entsprechende Dienstvorschrift. Auch der Bonner CDU-Landtagsabgeordnete Christos Katzidis fordert eine „ruhige sachliche Aufklärung“. Katzidis arbeitete zuletzt als Dezernatsleiter für Personal, Aus- und Weiterbildung bei der Polizei.

Staatsanwaltschaft und Polizei suchen Zeugen, um den Einsatz besser rekonstruieren zu können, und fragen, wer am Mittwochnachmittag gegen 14.20 Uhr den Vorfall beobachtete. Hinweise unter 02 28/150.

So schildert Melamed den Zugriff der Polizisten

Das Opfer Yitzhak Melamed, Forscher an der Johns Hopkins Universität, beschreibt den Zugriff der Beamten als sehr brutal und aus seiner Sicht völlig überzogen. Als der Gastforscher, der für einen Vortrag an der Uni nach Bonn gereist war, am Donnerstag früh in den Flieger Richtung USA gestiegen sei, habe er nach einer zuvor ausgesprochenen Entschuldigung von Bonns Polizeipräsidentin Ursula Brohl-Sowa gedacht, sie seien „als Freunde auseinander gegangen”.

Während des Fluges habe Melamed dann in den ersten Pressemitteilungen - basierend auf den Angaben der Polizei - gelesen, dass er Widerstand geleistet haben soll und ihn die Beamten deshalb „ins Gesicht schlagen mussten”, so der Forscher. Darüber habe er sich sehr geärgert, weil das aus seiner Sicht eine Verdrehung der Geschehnisse und "grundlose Lüge" sei. In der Pressemitteilung der Polizei hieß es wörtlich: „Er (Melamed, Anm. der Redaktion) wurde von den Polizisten überwältigt, zu Boden gebracht und fixiert. Nach Angaben der Beamten wehrte er sich gegen die Maßnahmen - die Polizisten schlugen ihm hierbei auch ins Gesicht.“

Als die Polizisten nach der Alarmierung am Hofgarten angekommen seien, hätten sie sich zunächst sehr langsam auf ihn und seine Begleiterin zubewegt. Da der 20-jährige Angreifer mit deutschem Pass und palästinensischen Wurzeln, aufgescheucht durch die Polizeisirenen, davon gelaufen sei und schon einigen Vorsprung hatte, habe der Professor gezögert, sei ihm dann aber hinterher gelaufen. Zuvor habe der junge Mann ihm mehrmals die Kippa vom Kopf geschlagen, ihn beleidigt ("I fuck Jews", "Keine Juden in Deutschland") und geschubst. Während der Verfolgung am Bonner Hofgarten habe der Professor irgendwann realisiert, dass die Polizisten, die ihm entgegenkamen, auf ihn zusteuerten und nicht auf den tatverdächtigen 20-jährigen Bonner.

Zeuge bezeichnet Zugriff als "äußerst brutal"

Dann sei alles ganz schnell gegangen. Die Polizisten hätten ihn von vorne und hinten in die Zange genommen und niedergestreckt. „Sie haben mich auf den Boden gedrückt. Ich war bewegungsunfähig.” Dann seien „wenige Dutzend Schläge” ins Gesicht gefolgt, sodass er geblutet habe. Er habe währenddessen auf Englisch geschrien, er sei der falsche Mann, erst danach hätten die Beamten von ihm abgelassen. Einer der Polizisten habe zu ihm auf Englisch gesagt: „Don’t get in trouble with the German Police!” („Leg' dich nicht mit der Deutschen Polizei an!”) Er habe erwidert, dass er Familienangehörige während des Holocaust verloren habe und keine Angst vor der deutschen Polizei habe.

Zur Polizeipräsidentin habe Melamed beim Zusammentreffen am Folgetag gesagt: „Menschliche Fehler können passieren, aber die Schläge waren keine Fehler, ich lag bewegungsunfähig am Boden und konnte kaum atmen.” Ein Augenzeuge hatte dem General-Anzeiger den Zugriff der Polizei auf den mit Anzug bekleideten Professor ebenfalls als „äußerst brutal“ beschrieben.

Den Angaben des früheren höheren Beamten zufolge, der dem GA namentlich bekannt ist, sei einer der Polizisten im Sprung auf den Wissenschaftler los und habe ihn fixiert. Die restlichen Beamten seien schnell dort gewesen, aber hätten nicht eingegriffen. „Das muss äußerst schmerzhaft gewesen sein”, beschrieb der Pensionär aus Bad Breisig der Zugriff.

Aus rund 15 Meter Distanz habe er keine Schläge durch Polizisten beobachten können. Er konnte die Rangelei sehen, aber auf Nachfrage des GA nicht sicher sagen, ob Melamed sich gewehrt habe. "Ich sah schnelle Armbewegungen des Polizisten, der auf dem Mann drauflag, aber das Gesicht des anderen war von mir abgewandt", erklärte der Zeuge am Samstag.

Widersprüchliche Aussagen

Einige Sekunden habe dieser "hollywoodreife Kampf nach unten" gedauert. Es sei möglich, dass der uniformierte Beamte mehrere Schläge ins Gesicht ausgeteilt habe. Der Zeuge beobachtete allerdings nur, dass ein Polizist mit dem Geschädigten rang. Die anderen hätten nicht eingegriffen. "Das deckt sich mit unseren Erkenntnissen", erklärte dazu Polizeisprecher Robert Scholten auf Nachfrage. Dieses Detail steht im Widerspruch zu den Angaben Melameds, der einen Angriff durch mehrere Polizisten beschreibt.

Der Professor unterstellt den Polizisten keinen Antisemitismus, beklagt jedoch den Ablauf des Einsatzes. Die amerikanische Polizei sei für ihr äußerst brutales Vorgehen bekannt, schreibt er. Er bezweifle nach dem Vorfall, dass es in Deutschland besser sei.

Schläge ins Gesicht

Die Bonner Polizeipräsidentin Brohl-Sowa und NRW-Innenminister Hebert Reul hatten sich am Donnerstagmorgen bei dem Professor für die Verwechslung persönlich entschuldigt. Brohl-Sowa räumte „ein schreckliches und bedauerliches Missverständnis im Einsatzgeschehen” ein. Nach Auskunft der Polizei kamen die Beamten von zwei Seiten auf den Professor zu, weil sie ihn versehentlich für den Täter hielten. Bevor sie den 50-Jährigen Familienvater erreichten, sollen sie ihn aufgefordert haben, stehen zu bleiben. Dem soll er nicht nachgekommen sein. Als die Polizisten ihn niedergestreckt hatten, habe er sich gewehrt. Deshalb hätten ihn die Beamten ins Gesicht geschlagen, so die Bonner Polizei.

Der Augenzeuge hat vor dem Zugriff zwar Rufe gehört, konnte sie aber nicht verstehen. Der Bonner Polizeigewerkschafter Udo Schott hatte gegenüber dem GA gesagt, es habe sich um unerfahrene Polizisten gehandelt, die erst seit Kurzem ihre Ausbildung beendet haben.

"Schockiert über das Ausmaß"

Nach Melameds Brief vom Wochenende hat sich der Rektor der Universität Bonn, Michael Hoch, erneut zu Wort gemeldet: „Sein Bericht über die antisemitische Attacke und die Brutalität der Polizei, die während seiner fehlgeleiteten Festnahme gegen ihn angewandt wurde, entsprechen nicht dem, was bisher berichtet wurde. Wir sind schockiert über das Ausmaß der ihm zugefügten Verletzungen.“ Die Universität begrüße die Initiative des Innenministers, eine unabhängige Untersuchung einzuleiten, und verurteile jegliche Form von Gewalt und Diskriminierung.