Bonner Köpfe

Bonn aus einer ganz anderen Perspektive

Pützchens Markt zu Füßen: Roland Goseberg, hier in seinem Atelier an der Friedrichstraße, hat die Lichter der Kirmes in den Abendstunden im Bild festgehalten.

Pützchens Markt zu Füßen: Roland Goseberg, hier in seinem Atelier an der Friedrichstraße, hat die Lichter der Kirmes in den Abendstunden im Bild festgehalten.

Bonn. Der Fotograf Roland Goseberg setzt seine Heimatstadt mit einer Panoramakamera aus dem 20. Jahrhundert in Szene. Eines seiner Projekte heißt „Bonn bei Nacht“.

40 mal 2,60 Meter, das ist ein recht ungewöhnliches Format für ein Foto. Ungewöhnlich, aber nicht unmöglich. Wer schon einmal auf dem Einsatzgruppenversorger „Bonn“ gewesen ist, konnte sich davon überzeugen. Denn im Bauch des größten deutschen Marineschiffs schmückt der riesige 360-Grad-Rundumblick über Bonn die Wände des Hangars. Geschaffen hat ihn Roland Goseberg.

Vier Tage hat er dafür im Frühherbst 2013 auf dem Dach des Stadthauses verbracht und ahnte dabei noch nicht, dass er mit dem Bild zu einem Botschafter seiner Stadt werden würde. „Bei einem internationalen Empfang des Schiffs in New York standen die örtlichen Diplomaten vor dem Bild und erinnerten sich an ihre Dienstzeit in Bonn. Das war genau das, was wir erreichen wollten“, erzählt Goseberg. Mit Berlin oder Hamburg hätte die Idee vermutlich nicht so gut funktioniert, weil das Ergebnis als zu gewöhnlich erschienen wäre. Bonn sei etwas für Insider; von denen aber gebe es auf der Welt reichlich.

Der 43-Jährige führt die Internetagentur Rheinline, mit dem Comedy-Autor Claus Vaske teilt er sich die Räume. Die vielen Panoramabilder im Raum beantworten schon die Frage nach Gosebergs Hauptberuf. Eine Idee, auf die er während des Studiums kam. Damals fand er Anschauungsunterricht bei seinem Professor Jaroslav Poncar, der durch Tibet gereist war und eindrucksvolle Bilder aus dem Himalaya mitgebracht hatte. „Ich dachte mir: Das Rheinland ist ja auch nicht so verkehrt“, erzählt Goseberg. Seitdem durchstreift er Stadt und Region auf der Suche nach geeigneten Blickwinkeln und günstigen Lichtverhältnissen. Bei seiner Arbeit nutzt er überwiegend eine russische Panoramakamera aus den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Seine Bilder der Serie „Rheinblicke“ präsentiert er regelmäßig in Ausstellungen.

Stadt erleuchtet

Bei seinen Nachmittagen auf dem Stadthaus erlebte er im letzten Abendlicht, wie die Stadt allmählich erleuchtet – und prompt war mit „Bonn bei Nacht“ ein neues Projekt geboren. Das Ergebnis ist eine gestochen scharfe Aufnahme der Innenstadt von oben. Und ganz hinten, am Horizont, grüßt zur blauen Stunde das Riesenrad von Pützchens Markt. Eine Reminiszenz an seinen Heimatstadtteil. Dass ihm die linke Rheinseite seit jeher ebenso am Herzen liegt, hat familiäre Grunde. Die Großeltern betrieben an der Maximilianstraße am Bahnhof ein Schmuck- und Uhrengeschäft. Für Roland Goseberg wurden auf diese Weise bönnsche „Stiefkinder“ wie Südüberbauung und Bonner Loch zur frühen Kindheitserinnerung.

Unzumutbare Veränderungen stellt er in Bonn nicht fest. Zwar habe der Berlin-Umzug der Regierung einen Wandel mit sich gebracht, das „Altvertraute“ sei aber zumindest entlang seiner gewohnten Wegstrecken erhalten geblieben. „In Bad Godesberg“, überlegt er, „ist die Veränderung sicher rasanter verlaufen“. Und das vielzitierte Potential dieser Stadt? „Ich glaube, da ist noch viel Luft nach oben, man müsste stärker an einem Strang ziehen und seine Visionen verfolgen“, meint Goseberg, der sich neben seiner fotografischen Arbeit ebenfalls im Standortmarketing engagiert: Zum einen in der Immobilien- und Standortgemeinschaft Friedrichstraße, zum anderen beim Aufbau eines neuen Internet-Einkaufsportals für Bonner Einzelhändler.

Braucht es den speziellen „Bonner Blick“ auf die Dinge, um die optischen Reize der Stadt auch herauskitzeln zu können? „Ich denke schon, dass wir im Vergleich zu anderen Städten ein besonders schönes Fleckchen Erde haben. Wenn man dauerhaft hier wohnt, verstellt das mitunter den Blick darauf“, sagt er. Apropos Blick: Einmal hat er selbst zwei Wochen „Urlaub in Bonn“ gemacht – mit Stadtrundfahrt und Museumsbesuchen. „Wenn man sich darauf einlässt, entdeckt man sehr schöne Ecken einer Stadt, die man zu kennen glaubt“. Auf eine besondere Ecke der Stadt blickt er selbst von seinem Schreibtisch. Die Fenster in der obersten Etage eines Hauses an der Friedrichstraße geben den Blick frei auf das Karree zwischen Bonngasse, Sternstraße und Friedensplatz mit seinen Hinterhäusern und Durchgängen – eines der ältesten Fleckchen Bonns. Der richtige Ort für Fotografen und Schatzsucher.