Neuer Architekturführer

Blick in die modernen Kirchen der Bonner Nordstadt

Der Innenraum der Kirche St. Franziskus in der Adolfstraße ist wie ein Zelt gestaltet.

Der Innenraum der Kirche St. Franziskus in der Adolfstraße ist wie ein Zelt gestaltet.

Bonn. Wer nicht zum Kreis der Kirchgänger gehört, der wird sie bislang häufig übersehen haben: die modernen Gotteshäuser der Bonner Nordstadt. Junge Kunsthistoriker erschließen die Kirchen in einem neuen Architekturführer.

Die durch Fluchtbewegungen stark gewachsene Stadt und der Wille zum Neubeginn in veränderten Formen hatten zu Beginn der 1960er-Jahre auch die Ausgründung zahlreicher Stadtteil-Pfarreien zur Folge. Auf die eigene Qualität der in dieser Zeit des Aufbruchs entstandenen Kirchen verweist die Bonner Werkstatt Baukultur in ihrer jüngsten Publikation, die jetzt in St. Franziskus in der Adolfstraße vorgestellt wurde.

Die Kunsthistoriker Daniela Bennewitz, Martin Bredenbeck und Alexander Kleinschrodt haben sich dazu neben St. Franziskus auch St. Helena und die evangelisch-lutherische Lukaskirche näher angesehen.

Auch wenn Architekt Karl Band in seiner Wirkungszeit rund 100 Kirchen im Erzbistum Köln geschaffen habe, zeige St. Franziskus doch eine eigene Handschrift, betonte Kleinschrodt bei seiner architektonischen Führung. Abweichend von früheren Raumkonzepten sei die Kirche bewusst nicht parallel zum Straßenmuster angelegt worden.

Ihr zeltartiges Inneres ist typisch für die Zeit, ebenso die unverputzten Wände und das Lichtband unter dem Dach. Dabei sei es erstaunlich, wie viele religiöse Bezüge sich trotz der auf den ersten Blick nüchternen Industriebauweise finden lassen. So erinnerten die Y-förmigen Betonpfeiler in der Wochentagskapelle an das T-förmige Kreuz der Franziskaner.

Während sich die höhlenartig beschützende Raumwirkung von St. Franziskus den Besuchern spätestens auf der Empore erschließe, müsse man St. Helena einen zweiten Blick gönnen, warb Martin Bredenbeck. Hier werde die alltägliche Form einer Werkshalle zu einem sakralen Ort überhöht. An der Lukaskirche mit ihrer vorgesetzten Bruchsteinfassade entdeckte er dagegen interessante Verweise etwa auf Entlastungsbögen in römischem Mauerwerk – allerdings ohne tragende Funktion.

Der verantwortliche Architekt Heinrich Otto Vogel hatte in den 1950er Jahren den Wiederaufbau der römischen Konstantinsbasilika in Trier verantwortet. Mit einem Seitenblick auf die benachbarte neugotische Marienkirche befasst sich das präsentierte Heft auch mit der Frage nach Modernität.

Während die Betonbauten der 1960er Jahre in Kastenform oder architektonischen Skulpturen offensichtlich den Wunsch nach neuen Ausdrucksformen illustrieren, seien auch diese neugotischen Kirchen in der Rückbesinnung auf die mittelalterliche Gotik in ihrer Zeit durchaus modern gewesen. Dabei seien die Bonner Kirchen abgesehen von ihrem Äußeren technisch zudem mit neuesten Erkenntnissen und Materialien geplant worden. Das Strebwerk von St. Marien sei deshalb mehr Ornament als statische Notwendigkeit. An der Stiftskirche wurde ganz darauf verzichtet.

Der Architekturführer „Kirchen der Nordstadt“ enthält zahlreiche Abbildungen und kostet fünf Euro. Erhältlich ist er im Bonner Buchhandel sowie auf Bestellung mit einer E-Mail an bestellung@dreiviertelhaus.de.