Migration

Bildung für ein besseres Leben

Bonn. Zwei junge Frauen mit türkischen Wurzeln berichten über ihren steinigen Weg zum erfolgreichen Schulabschluss.

"Abitur muss sein." Wie oft hat Nur-Nilay Cansiz diesen Satz schon von ihrer türkischen Großmutter zu hören bekommen. Und auch der Satz einer Lehrerin ihrer ehemaligen Grundschule in Tannenbusch geht der heute 17-jährigen Deutsch-Türkin nicht aus dem Kopf: "Nicht jeder muss Akademiker werden."

Die Lehrerin schickte Nur-Nilay wegen ihrer schwachen Rechtschreibung auf die St.-Hedwig-Hauptschule. Zu mehr reiche es nicht, meinte die Lehrerin damals. Sie behielt nicht Recht. Die junge Frau hörte auf die Oma, war fleißig und wechselte auf die Realschule.

Heute besucht sie erfolgreich die Oberstufe der Bertolt-Brecht-Gesamtschule. Sie ist ein Beispiel der jungen türkischen Frauen, die in der jüngsten Studie des Berlin-Instituts als Integrationsgewinnerinnen bezeichnet werden.

Die 1988 in Kurdistan geborene Nurcan Pire ist schon einige Schritte weiter. Sie hat in Bonn Jura studiert und absolviert zurzeit ihr erstes Staatsexamen. Die junge Frau kam kurz nach ihrer Geburt 1988 mit ihrem Vater Mustafa und ihrer Mutter Hikmet nach Deutschland. Der Vater half zunächst seinem Bruder in dessen Gastro-Betrieb in der Altstadt. Heute besitzt Mustafa Pire einen eigenen Imbiss in Endenich.

Er spricht inzwischen ganz passabel Deutsch, seine Frau dagegen immer noch nur gebrochen. "In unserer Familie hat niemand einen akademischen Hintergrund. Vor diesem Hintergrund traute mir in der Grundschule doch niemand zu, dass ich das Gymnasium besuchen könnte, obwohl meine Noten gut waren", erzählt die Studentin. Immerhin erhielt sie die Empfehlung für die Realschule, die sie als Klassenbeste abschloss.

"Das waren schwierige Zeiten. Aber ich war ehrgeizig", erinnert sich Nurcan, "und ich habe mir alle Hilfen geholt, die ich kriegen konnte." Das Abitur absolvierte sie auf einem Gymnasium. Für ihre drei jüngeren Geschwister wurde sie zum Vorbild. Ein Bruder und eine Schwester haben ebenfalls das Abitur in der Tasche und studieren.

Der Jüngste besucht noch die Gesamtschule in Beuel. Vater Mustafa ist stolz auf seine Kinder. Ihn ärgert es, dass viele glauben, dass türkische Väter ihre Töchter am liebsten nur verheiratet und als Mütter sähen. "Wie dumm", sagt er und tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.

Nur-Nilays Wurzeln liegen in einem kleinem Dorf in der Türkei am Schwarzen Meer. Die in Bonn geborene Schülerin war neun Jahre alt, als ihre Eltern sich trennten. Sie wuchs bei ihrer Mutter, einer Tante und der Oma auf. Die Großmutter kam als junge Frau mit ihrem Mann, einem Gastarbeiter, nach Bonn.

Um die Familie mit fünf Kindern zu ernähren, ging sie nebenbei putzen. Ein hartes Leben. "Für sie ist Bildung der Schlüssel zu einem besseren Leben", erzählt die Schülerin. Die Großmutter, eine gläubige Muslimin, die ihre Enkelin sonntags regelmäßig zur Koranschule schickt, sei so etwas wie der Bildungsmotor der Familie, sagt sie.

Sybille Düning-Sommer kennt kaum Familien mit Migrationshintergrund, die ihren Kindern nicht eine gute Ausbildung wünschten. Für die stellvertretende Leiterin der Matthias-Claudius-Grundschule ist vor allem die Sprache "das Eingangstor für eine erfolgreiche Schul- und Berufskarriere". Doch wer nicht gut Deutsch lerne, habe später Riesenprobleme. Betroffen seien vor allem Kinder mit Migrationshintergrund, die keine Kita besuchten oder deren Mütter kein Deutsch sprächen und kaum Kontakte außerhalb der Familien pflegten. "Viele dieser Kinder werden nach Unterrichtsschluss nicht gefördert, weil die Eltern dazu nicht in der Lage sind. Deshalb glaube ich, dass Ganztagsschulen eine Lösung sein könnten."

Reinhold Pfeifer, Leiter der Tannenbuscher Gesamtschule, sieht das ähnlich. In der Oberstufe seiner Schule mit Ganztagsbetrieb habe gut die Hälfte der Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund. "Sie sind fast alle sehr fleißige Schüler", sagt er, "sie erfahren Schule als Chance und die meisten absolvieren das Abitur".