Serie "100 Köpfe: Wir sind Bonn"

Beatrice Treydel: Auf der Suche nach Gesichtern der Stadt

Beatrice Treydel fotografiert für ihr Projekt "Gesichter Bonns" Menschen im Studio und an ihren Lieblingsorten in der Stadt. Der ihrige ist der Pranger vor dem Hauptportal des Münsters.

BONN. Die Fotografin porträtiert in einem Projekt Menschen, die Bonn lieben. Dass ihr Projekt so viele Menschen zum Mitmachen bewegen würde, hätte sie nicht für möglich gehalten. "Ich habe es mir aber natürlich gewünscht."

Angefangen hat alles vor mehr als einem Jahr mit der Idee, Menschen aus Bonn zu fotografieren. Menschen, die wie Treydel selbst von außerhalb gekommen sind, und hier ihre Heimat gefunden haben. Menschen, die als echte Bonner Urgesteine schon hier geboren wurden. Menschen, die alle eines verbindet: Ihre Liebe zur gemütlichen Stadt am Rhein.

Inzwischen hat die 29-Jährige mehr als 35 Bonner für ihr Porträtprojekt "Gesichter Bonns" fotografiert, darunter auch Prominente wie den Komiker Bernhard Hoëcker, Baskets-Spieler Andrej Mangold und zuletzt Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch. Einige davon hat sie gezielt angesprochen, andere haben sich bei ihr gemeldet. 80 Weitere haben schon Interesse angemeldet. Am Ende sollen eine Ausstellung und ein Fotoband entstehen.

Für die junge Frau, die 41 Stunden pro Woche als Wirtschaftsinformatikerin bei einer IT-Beratung arbeitet, bedeutet der Erfolg des Projekts jede Menge Stress. Erst seit einigen Jahren hat sich die Autodidaktin neben ihrem Beruf ein zweites Standbein als Fotografin aufgebaut.

"Jetzt gehen die Abende und Wochenenden halb für Auftragsarbeiten, halb für das Projekt drauf." Ohne die Unterstützung ihres Freundes sei das gar nicht zu schaffen. Er assistiert ihr auch, wenn Leute, um sich fotografieren zu lassen, in die gemeinsame Wohnung in Endenich kommen - oft zu Sammelterminen gleich mehrere, die sich untereinander und auch die Fotografin noch nie gesehen haben.

"Es ist faszinierend, wie schnell wildfremde Leute untereinander ins Gespräch kommen, erst über die gemeinsame Begeisterung für Bonn, und dann zu allen möglichen, auch sehr privaten Themen." Dabei ist die zierliche Frau von Natur aus schüchtern. "Ich habe drei Monate in Dublin gewohnt und bin vor Angst kaum rausgegangen." Das würde ihr nach diesem Projekt nicht mehr passieren, fügt sie hinzu.

Treydel selbst wohnt erst seit zwei Jahren in Bonn, seit rund sechs Jahren im Rheinland. "Ich habe vorher an vielen Orten gelebt - unter anderem in Mannheim, Mainz, Frankfurt - aber so ein intensives Heimatgefühl hatte ich sonst nirgends." Aufgewachsen ist Treydel im thüringischen Saale-Holzland-Kreis, "genau zwischen Jena und Gera".

Auch wenn sie vieles mit dieser Heimat verbindet: Die Menschen dort seien eher verschlossen, sagt sie. "Saale-Holzland-Köpfe eben, wie meine Mutter immer sagt." An Bonn schätzt sie dagegen die Offenheit der Menschen. "Die Stadt hat auf der einen Seite ganz einfach diese rheinische Mentalität, auf der anderen Seite ist sie auch Schmelztiegel für Menschen aus ganz Deutschland und der Welt."

Diese Vielfalt möchte Treydel auch in ihrem Fotoprojekt abbilden. "Ich möchte Bonn in all seinen Facetten darstellen, mit Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und Alter, aus unterschiedlichen Bereichen und Schichten." Zwei Fotos schießt sie von jedem, der mitmachen möchte: Ein Studioporträt in Schwarz-Weiß und ein buntes Bild am Bonner Lieblingsort des Porträtierten - für die einen liegt der am Rheinufer, für andere im Museum Koenig oder auf dem alten Friedhof.

Als Sammlerin der Gesichter knüpft Treydel an die dokumentarischen Traditionen des bekannten deutschen Fotografen August Sanders an, würzt dessen systematische Sachlichkeit aber mit einer ordentlichen Brise Herz - denn jedes der Bilder ist auch eine Liebeserklärung an Bonn.

Wer mitmachen möchte, ist herzlich eingeladen. Alle Informationen zum Projekt gibt es unter www.gesichter-bonns.de.

Typisch bönnsch

Das sagt Beatrice Treydel über ihre Heimat:

An Bonn gefällt mir, dass es so multikulturell ist.

Ich vermisse die Rheinkultur und insgesamt mehr Toleranz gegenüber Konzerten und Ähnlichem.

Mein Lieblingsplatz ist der Pranger am Münster, weil er der Treffpunkt war für das erste Date mit meinem Freund.

Typisch bönnsch ist, offen auf andere zuzugehen.