GA-Serie "Bonn baut"

BSI baut auf Zirkuswiese

Die Wiese an der Ecke Ludwig Erhard Allee/Kennedyallee soll bald bebaut werden.

Die Wiese an der Ecke Ludwig Erhard Allee/Kennedyallee soll bald bebaut werden.

Bonn. Auf einer Brache gegenüber der Rheinaue entsteht das Herzstück für IT-Sicherheit in Deutschland. Die Bundeswehr zieht in frühere Kanzleiräume, das BSI baut neu. In der Stadt entstehen damit zahlreiche neue Arbeitsplätze.

Freizeitpark Rheinaue, Amerikanische Siedlung, Institutionen von Wissenschaft, Wirtschaft und Medien: Um charakteristische Merkmale war das Viertel, in dem die Stadtteile Hochkreuz und Plittersdorf aneinanderstoßen, noch nie arm. In diesem Jahr steht eine Art von Zuwachs vor der Tür, der auf Dauer deutschlandweite, wenn nicht gar globale Beachtung und Bedeutung erhalten wird. Gegenüber dem Forschungszentrum Caesar siedelt sich das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) in einem Neubau an.

Gleich daneben zieht das neue „Kommando Cyber- und Informationsraum“ (Kdo CIR) der Bundeswehr ein. Neben der Deutschen Telekom, dem bestehenden Informationstechnikzentrum (ITZ) des Bundes mit Sitz Am Probsthof und zahlreichen kleinen Unternehmen der Sparte lässt die Ansiedlung die Bedeutung Bonns für die IT-Branche rasant wachsen.

So sieht es auch Oberbürgermeister Ashok Sridharan: Im Herbst verwies er bei einer Tagung auf eine Studie der EU-Kommission, der zufolge Bonn neben München, Darmstadt und Karlsruhe zu den vier wichtigsten IT-Standorten in Deutschland gehört. „Für unsere Stadt wird der digitale Wandel auf jeden Fall eine große Rolle spielen“, sagte er.

Der Neubau des BSI entsteht im Wortsinn auf der grünen Wiese. Eigentümerin ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima). Aufmerksam wurde man auf die Fläche an der Ecke Kennedyallee/ Ludwig-Erhard-Allee in den vergangenen Jahren immer nur dann, wenn dort gerade ein Zirkus sein Zelt aufgeschlagen hatte. Ansonsten passierte dort wenig – sieht man davon ab, dass der Rasen auf der 35 000 Quadratmeter großen Fläche regelmäßig gemäht wurde.

Für das BSI endet mit dem Neubau eine langjährige Zerrissenheit in drei verstreute Bonner Standorte. Von mittelfristig 900 Mitarbeitern ist die Rede, die dort künftig die zentrale deutsche Anlaufstelle für IT-Sicherheit bilden werden. Erst vor sechs Wochen war mit Verabschiedung des Bundeshaushalts für 2017 die Aufstockung des BSI um 146 neue Stellen genehmigt worden. Und das hat prompt Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt in Bonn: Auf der Internetseite des BSI waren zuletzt immer wieder Stellen ausgeschrieben, die meisten für den höheren Dienst.

Klagen über Verkehrsbelastung und Parkplatznot

Mit Blick auf das Großprojekt bereitet die Stadt derzeit eine Bürgerinformationsveranstaltung vor, die im Februar stattfinden soll. Der genaue Termin steht noch nicht fest. In der örtlichen Bürgerschaft hat die Belebung der Brachfläche unter dem Gesichtspunkt des Standortfaktors einerseits Freude ausgelöst.

Andererseits klagen die Anwohner der umliegenden Viertel schon länger über starke Verkehrsbelastung und Parkplatznot, weil dort bereits jetzt viele Mitarbeiter der großen Arbeitgeber ringsum ihre Autos abstellen. Eine Forderung, die zuletzt noch bei einem Bürgertreff der Plittersdorfer CDU laut wurde, zielt beispielsweise auf kostenpflichtige Parkplätze – und Anwohnerausweise für die Anlieger.

Dass das neue BSI eine Tiefgarage erhält, steht zumindest schon fest. Welche Gestalt der Neubau haben wird, ist noch nicht klar. Die Kommunalpolitik beschäftigt sich zurzeit mit den drei Varianten „Campus“, „Blockstruktur“ und „Riegelbau“. Benötigt wird für den Neubau nicht nur die Wiese, sondern auch das bebaute Areal daneben.

In den 1970er Jahren beherbergten die Gebäude an der Johanna-Kinkel-Straße den Fuhrpark der „Gärtnerischen Versuchsanstalt Friesdorf“, die 1979 Teil der Bundesgartenschau war. Später nutzte eine Fahrbereitschaft der Bundeswehr das Gelände. Inzwischen weckt das Äußere der Gebäude Assoziationen an die Spätphase der DDR. Nun sollen sie bald weichen. Für den BSI-Neubau werden sie demnächst abgerissen.

"Cyber- und Informationsraum" der Bundeswehr bezieht Zentrale

Auf der gegenüberliegenden Seite der Johanna-Kinkel-Straße zieht im April eine weitere Institution ein, mit der Bonn den Titel Cyberzentrum verdient. Bislang prangte an der weißen Fassade an der Johanna-Kinkel-Straße 2-4 das Schild der Kanzlei Flick Gocke Schaumburg, die es an den neuen Trajektkreisel an der B 9 zog. Mit seiner Gründung Anfang April bezieht hier das neue Kommando „Cyber- und Informationsraum“ der Bundeswehr seine Zentrale.

Das Kdo CIR steht dann als eigener militärischer Organisationsbereich – früher nannte man dies Waffengattung, später Teilstreitkraft – auf Augenhöhe neben Heer, Marine und Luftwaffe. Mit Generalmajor Ludwig Leinhos führt es folgerichtig auch ein eigener Inspekteur. Gestartet wird mit 260 Personen, die auf die nächsten Jahre gesehen auf rund 400 anwachsen sollen.

Langfristig soll das Kommando insgesamt rund 13.500 Soldaten in ganz Deutschland führen und damit fast so groß sein wie die Marine. Von der „hybriden Kriegsführung“ bis zur Bundeswehr-internen IT werden von der Rheinaue aus schließlich sämtliche digitalen Bereiche der Bundeswehr gesteuert.

Einer ihrer zahlreichen Aufträge besteht beispielsweise darin, Angriffe auf Bundeswehreinrichtungen und die eigenen Waffensysteme, aber auch auf gefährdete Infrastruktur wie Stromversorgung oder Kommunikationsnetze zu verhindern. „Die zunehmende Digitalisierung macht uns auch verwundbar und angreifbar, das gilt insbesondere für die Bundeswehr“, ließ Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen 2016 in einem Tagesbefehl an die Truppe mitteilen.

Was im ungünstigen Fall passieren kann, lernten beispielsweise die Amerikaner, als vor einigen Jahren ihre hochmoderne Drohne „RQ-170 Sentinel“ im Iran „elektronisch gekidnappt“ und inzwischen nachgebaut wurde. Ein eigenes Cyber-Kommando betreiben die US-Streitkräfte allerdings schon seit einigen Jahren.