Exklusive Führung für GA-Leser

Bönnsches vom Bonner Nachtwächter

Mit der Hellebarde im Anschlag: Der Nachtwächter alias Karl- Friedrich Schleier erklärt Wissenswertes am Alten Zoll.

Bonn. Wenn der Bönnsche Nachtwächter streng in die Runde schaut und fragt, ob etwa ein Trupp Wegelagerer oder gar einige Protestanten hier Einlass in die Stadtmauern begehren, dann ist Karl-Friedrich Schleier in seinem Element. Mit Hut, Hellebarde und Horn entführte er als Nachtwächter 30 GA-Leser ins 17. Jahrhundert und gab manche Geheimnisse der alten Stadt Bonn preis.

Wegelagerer waren jedenfalls keine dabei, auch keine Kölner Fischweiber, die damals schlecht gelitten waren. Bonn war im Mittelalter eine kleine Stadt, die Dreikönigsbastion schloss sie ein, und Zutritt gab es nur über die Stadttore. Außerhalb lagen Äcker und Wiesen, vor der heutigen Universität ein Teich. Unser Weg führt uns aber heute erst mal durch das Stockentor und vorbei am Bürgerhaus (Rathaus), wo früher das Stadtsäckel verwaltet wurde. Der Turmwächter, der die Ankömmlinge sonst misstrauisch beäugt, schien gerade nicht da zu sein. Dafür weist Schleier die Gäste an: "Wenn der Türmer in sein Horn bläst, laufen wir sofort ins Rathaus und nehmen uns Spieße. Oder lederne Eimer, wenn es brennt."

Weinbau war damals - man höre und staune - die Haupteinnahmequelle der Leute, die den Wein verdünnt sogar ihren Kindern zu trinken gaben. "Weil der Alkohol die Bakterien abtötete", sagte der Nachtwächter und zeigte in der Pisternenstraße (heute Sternstraße) nach oben. Dort hängen Emailleschilder und sagen uns, wie die Häuser damals hießen und wann sie erstmals erwähnt wurden. Hausnummern gab es damals nämlich noch keine.

Was Schleier und seine Frau Elisabeth da präsentieren, ist weit weg von einer üblichen Touristen-Stadtführung. Man könnte es eher unter historisches Straßentheater fassen, was eine äußerst unterhaltsame Variante darstellt. Als am Sterntor sogar Brot und Schwein sowie Kölner Bier verteilt werden, gefällt das den Gästen. Nach einer kurzen Pause verspricht der Nachtwächter, man werde auch "die dunklen Ecken" besuchen. Und tatsächlich: Vor der Stadtmauer, im Florentiusgraben, wo heute noch große Teile der Stadtmauer zu sehen sind, wohnten früher Tagelöhner, Abdecker, Latrinenreiniger und Kohlenhändler. Und zwischen Mülheimer Platz und Bahnhof waren die Ärmsten der Stadt zu Hause. So arm, dass sie bei Verbrechen nicht wie die reichen Leute enthauptet, sondern gehenkt und tagelang hängen gelassen wurden.

Nach zwei Stunden ist die Nachtführung vorbei, als Zugabe hat der Nachtwächter noch erklärt, wo alte Sprichwörter über die Torschlusspanik, das Kerbholz und das Schlitzohr herkommen. Fazit: Selbst alte Bonner erfahren auf dieser Tour etwas Neues über ihre Stadt.