Bonner Tierschutzverein droht mit Kündigung

Autobahnsanierung bringt Tierheim in Existenznot

Bonn. Die Sanierung des Tausendfüßlers bringt das Bonner Tierheim in Existenznot. Barbara Töpfer, die seit 39 Jahren Vorsitzende des Bonner Tierschutzvereins ist, sieht sich gezwungen, den Vertrag mit der Stadt notfalls zum Jahresende aufzulösen.

Bei der Sanierung des Tausendfüßlers wird das Grundstück des Tierheims dauerhaft verkleinert. Wenn die Stadt Bonn nicht kurzfristig Ersatz zur Verfügung stellt, will das Tierheim keine Fundtiere mehr aufnehmen. Dann müsste die Kommune zeitnah selbst ein Tierheim betreiben, glaubt Vereinsvorsitzende Barbara Töpfer. GA-Mitarbeiter Martin Wein hat mit ihr gesprochen.

Frau Töpfer, das Albert-Schweizer-Tierheim kümmert sich am Probsthof im Auftrag mehrerer Kommunen unter anderem um Fundtiere. Ihr Grundstück ist bis zum Rand mit Gebäuden und Auslaufboxen bestellt. Demnächst soll ein Teil aber dem Neubau des Tausendfüßlers – also der A 565 – weichen.

Barbara Töpfer: In der vergangenen Woche wurden uns von Straßen NRW in einem Gespräch die fertigen Pläne dafür vorgelegt. Demnach verlieren wir die Hälfte unseres Tierheims.

Was würde dem Bau zum Opfer fallen?

Töpfer: In der zweiten Bauphase würden unser Quarantänehaus, das Taubenhaus und auch viele Auslaufboxen und Laufgehege verschwinden müssen. Die Straßenbauer meinten, wir könnten das Haus für die Hunde ohne Boxen betreiben. Aber die Amtsveterinärin hat gleich erklärt, sie würde dann sofort die Betriebsgenehmigung entziehen.

Können Sie damit ihre Aufgaben noch erfüllen?

Töpfer: Nein, das geht nicht. Bisher haben wir nicht nur für die Stadt Bonn, sondern auch für die Gemeinden Swisttal, Wachtberg und die Stadt Wesseling die Verwahrung von Fundtieren übernommen. Ich habe vorsorglich alle diese Verträge zum Jahresende gekündigt. Wenn wir bis Ende des Jahres keine Zukunftsperspektive haben, werde ich auch den Vertrag mit der Stadt Bonn kündigen. Wir müssen dann sehen, dass wir unseren Tierbestand soweit verringern, dass wir auch mit einem halben Tierheim noch arbeiten können.

Welche Konsequenzen hätte das für die Stadt?

Töpfer: Die Stadt ist gesetzlich verpflichtet, Fundsachen zu verwahren. Dazu hat sie ein Fundbüro. Und dann müsste sie auch ein Tierheim bauen und betreiben.

Das wird bei der Stadt niemand wollen. Sie hätten als Ausgleichfläche gerne das Kleingartengelände in direkter Nachbarschaft?

Töpfer: Das ist die einzige Lösung, die ich sehe. Die Pachtverträge des Vereins lassen sich jährlich kündigen. Natürlich müsste man Ersatzgrundstücke ausweisen. Und die Betroffenen würden finanziell komplett entschädigt. Aber die siedeln sie viel einfacher zum Beispiel am Rande eines Wohngebiets oder im Meßdorfer Feld neu an als ein Tierheim. Wir liegen hier im Gewerbegebiet zwischen den Bahngleisen. Da stören wir niemanden. Die Züge sind lauter als unsere Hunde. In einem Wohngebiet ist ein Tierheim dagegen unzulässig.

Und die Kleingärtner hätten weniger Krach.

Töpfer: Der Naherholungswert hier ist sowieso gleich null. Alle fünf Minuten donnert ein Zug vorbei. Dazu kommen die Emissionen der Autobahn.

Sie nehmen die Pläne von Straßen NRW also hin und hoffen auf eine Erweiterung in Richtung der Kleingärten?

Töpfer: Wir brauchen spätestens 2024, wenn die Brückenständer gesetzt werden sollen, einen Wechsel vom jetzigen Tierheim in ein neues. Dazu müssten wir allerspätestens Mitte nächsten Jahres mit Bauarbeiten beginnen. Wenn dies nicht gewährleistet ist, werden die Herrschaften von Straßen NRW sich durch das gesamte Enteignungsverfahren quälen müssen.

Das kann mit allen Widerspruchsrechten ein paar Jahre dauern.

Töpfer: Ja, der aufgestellte Zeitplan ist dann Makulatur. Zunächst soll ja die uns abgewandte Seite gebaut werden. Die Brücke ist also immer benutzbar, aber womöglich über viele Jahre nur mit einer Hälfte und drei Spuren.

Wir haben uns schon 2016 über das Problem unterhalten. Seither hat sich nichts getan. Sind Sie von der Stadt enttäuscht?

Töpfer: Natürlich – maßlos! Durch das zögerliche Verhalten der Stadt Bonn haben wir zwei Jahre verloren. Die haben nur beschwichtigt und wollten auf die Pläne warten. Die sehen heute genauso aus wie damals. Wenn man uns für den schlimmsten Fall frühzeitig das Schrebergartengelände zugesagt hätte, hätten wir jetzt schon fertige Pläne für einen Neubau in der Schublade. Wir könnten dann sofort ins Genehmigungsverfahren einsteigen, welches bei der Stadt ja erfahrungsgemäß auch länger dauert.

Haben sich die Parteien mit der Angelegenheit beschäftigt?

Töpfer: Bei uns war seit Jahren kein Ratsvertreter mehr zu Besuch. Auch nicht die Grünen, die Tierwohl ja als eines ihrer Ziele angeben.

Aber die Zuwendungen der Stadt wurden vor zwei Jahren auf 240 000 Euro im Jahr erhöht.

Töpfer: Das stimmt. In einer finanziell angespannten Lage ist das bemerkenswert. Allerdings ist das auch gerade so der Betrag, den wir für Fundtiere ausgeben. Unser Gesamtbedarf liegt um die 800 000 Euro.

Wie viele Tiere betreuen Sie im Jahr?

Töpfer: Insgesamt gehen rund 2500 Tiere im Jahr durch unser Haus. Fast alle werden vermittelt. Nur ganz wenige sehr alte Tiere bleiben bei uns. Darunter waren neben Hunden, Katzen und Kleintieren zum Beispiel im letzten Jahr auch viele sterbende Enten und Schwäne aus der Rheinaue. Auch verletzte Wildtiere werden immer wieder einmal abgegeben.

Sie bemühen sich also um eine schnelle Weitervermittlung?

Töpfer: Es ist ein lang gepflegtes Gerücht, wir würden Menschen Tiere vorenthalten. Das Wunschtier muss es beim neuen Halter eindeutig besser haben. Und seine Versorgung muss bis ans Lebensende gesichert sein. Allerdings behalten wir für ein Jahr das Eigentumsrecht und prüfen auch mit Besuchen nach, ob die Tiere artgerecht gehalten werden. Auch verlangen wir beispielsweise, dass junge Hunderüden kastriert werden, wenn sie alt genug sind. Es gibt genug Hunde auf der Welt.

Dafür holen Sie Fundtiere aus anderen Ländern vor allem Süd- und Osteuropas. Ist das sinnvoll, wenn Ihnen der Platz künftig fehlt?

Töpfer: Wir können nicht auf allen Klaviaturen die Europa-Hymne spielen und ausgerechnet beim Tierschutz wegsehen. Es ist überhaupt nicht einzusehen, dass in Spanien, Griechenland oder Bulgarien Tiere getötet werden, die wir hier leicht vermitteln können. Aber wir steuern das natürlich nach unseren Kapazitäten.

Die sich ja kurzfristig ändern können, wie der Fall aus der Eifel in der vergangenen Woche zeigt.

Töpfer: Da hatte ein potenzieller Hundekäufer einen Tierhändler und Züchter unterster Schublade angezeigt. Der Amtsveterinär hat dann entdeckt, dass der Mann sogar Hunde in Meerschweinchenkäfigen gehalten hat. Wir haben dann elf der 136 Hunde abgeholt – eine konzertierte Aktion von neun Tierheimen. Es ist eine Schande, dass das ganze Dorf dort das offenbar über Jahre toleriert hat. Es war ja nicht zu überhören.

Haben Sie häufiger mit solchen Fällen zu tun, in denen Menschen mit Tieren gar nicht umgehen können?

Töpfer: Zum Glück nicht in diesem Ausmaß. Sehr oft werden unkastrierte Katzen zusammen gehalten. Dann holen wir mal schnell 30 Katzen aus einem Einraumappartement.

Die Urlaubszeit ist dagegen kein großes Problem mehr?

Töpfer: Früher wurden ja punktgenau zum Ferienbeginn exzessiv die Tiere ausgesetzt. Das gibt es zumindest in Bonn heute nicht mehr. Wir haben viel aufgeklärt. Und wir bieten auch an, Hund oder Katze in Pension zu nehmen. Das wird durchaus genutzt. Das ist ein sehr positives Ergebnis unserer Arbeit.