Röttgen

Auf den Spuren der alten Tongrubenbahn

RÖTTGEN. Alle Welt redet über das frühere Schloss Herzogsfreude und wie es wohl im Detail ausgesehen haben mag. Doch Röttgen hat noch ein weiteres Relikt zu bieten, das heute kaum weniger Zeug zu einer Attraktion hätte. Quer durch das Dorf führte früher eine Schienenstrecke.

Und auf ihr fuhr von 1925 bis 1945 die Tongrubenbahn. Jochen Harzem wusste lange Zeit auch nicht viel mehr als das. Bis sein Schwiegervater ihm ein altes Aquarell des Koblenzer Malers Hans Reifferscheid schenkte, auf dem eben diese Feldbahn vor den Betriebsgebäuden der "alten" Röttgener Tongrube zu sehen ist. Und die stand nicht, wie man vermuten könnte, dort, wo heute der Tongrubensee ist, sondern etwa dort, wo heute die Tennisplätze liegen.

Erst später wurde dann auch das Areal des heutigen Sees abgebaut, und zwar bis vor etwa 25 Jahren noch. "Ich kenne noch die kleine Bahn und die Lkw-Laderampe, die es an der Villiper Allee gab", sagt Harzem, der sich in seiner Freizeit daraufhin an die Recherche gemacht hat. "Ich bin eben sehr an Geschichte interessiert."

Anhand einiger bis heute erhaltener Spuren kann man sich noch gut vorstellen, wie die kleine Lokomotive mit den angehängten Muldenkpippern durch den Ort und über die Flerzheimer Alle schnaufte - voll beladen mit einem Tempo von vier Stundenkilometern und leer mit doppelter Geschwindigkeit. Für die ganze Strecke benötigte ein beladener Zug rund eine Stunde und leer 30 Minuten.

Die beiden Loks vom Typ Jung EL 105 mit zwölf PS, die nachweislich 1942 gekauft wurden, besaßen an der Front eine Pflugvorrichtung. Damit konnten im Wald auf den Gleisen liegende Äste von den Schienen geschoben werden. Das alles weckte Harzems Interesse, und der Ingenieur wälzte nicht nur alte topographische Karten, sondern hörte sich auch bei älteren Dorfbewohnern um.

Einer erzählte ihm, an der Lok seien immer genau zwölf Kipploren angehängt gewesen, daran könne er sich aus seinen Kindertagen noch erinnern. Und Harzem entkräftete die vorherrschende Meinung, die Bahn sei nach Witterschlick gefahren. "Das stimmt nicht, sie fuhr zum Bahnhof Kottenforst. Das wurde mir von einem Zeitzeugen bestätigt." Auch die topographischen Karten bestätigten das. Allerdings habe es bis zum Ersten Weltkrieg noch eine Waldbahn für Holztransporte gegeben, die vom Bahnhof Kottenforst nach Villip/Pech führte.

Zurück zu der Tongrubenbahn, die am Ende des Zweiten Weltkrieges bei Bombenangriffen so zerstört wurde, dass sie nicht mehr instand gesetzt werden konnte. Dann stellte die Betreiberfirma die Tonförderung ein, womit das Schicksal der Strecke endgültig besiegelt war.

Viel war aus dieser Zeit bisher nicht bekannt. "Aber ich habe im Stadtarchiv auch viele Baupläne von Gebäuden gefunden", erzählt der Spurensucher. Eines davon steht heute noch, ein Teil des ehemaligen Verwaltungsgebäudes der Firma "Kottenforster Tongrube Paul Reppel" an der Röttgener Straße 197-199.

Heute hängt dort am Haus ein Schild, das auf die "Schreinerei Dunkel" hinweist. Einer der Lokführer der Bahn, ein Jupp Schmitz, soll zwei Häuser links neben der Venantiuskapelle gewohnt haben. In der Gegend sieht man heute noch Schienen, die allerdings als Zaunpfosten genutzt werden. Auch als Türstürze und als Unterbauten für Überdachungen seien sie eingesetzt worden.

Arbeiter der Tongrubenwerke nutzten die Loren auch, um für den Bau ihrer Häuser an der Blumenstraße in ihrer Freizeit Kies heranzubringen. Allerdings wurden die Kipper dabei von Hand geschoben, glaubt Harzem nach der Sichtung von alten Fotos. Die Arloffer Tonwerke hätten das wohl kostenlos erlaubt. Sie seien den Mitarbeitern gegenüber immer sehr sozial eingestellt gewesen, auch was eine Betriebsrente anging.

Von der Bahn ist sonst nicht viel geblieben. Obwohl: Es gibt Leute, die beim Radfahren über die Flerzheimer Allee noch den Ausspruch kennen: "Loss mer et Bähnche fahre." Aber kaum einer weiß, dass er wohl aus dieser Zeit stammt und bis heute überdauerte.