Aktionstag

Auf breiter Front gegen den Schmerz

Dr. Annette Graff zeigt einem Patienten die Handhabung eines neuen "Rückenbandes", das bei der Therapie von Rückenschmerzen helfen soll.

Bonn. Hunderte Bürger informierten sich am "Aktionstag gegen Schmerz" bei Experten in der Bonner Uniklinik und in einem Fachzentrum.

Zwölf Millionen Menschen in Deutschland leiden nach Angaben der Deutschen Schmerzgesellschaft (DGSS) an chronischen Schmerzen. Da ist es kein Wunder, dass Hunderte von ihnen am "Aktionstag gegen Schmerz" der Einladung der Bonner Uniklinik folgten, um sich gründlich über Schmerzentstehung und Möglichkeiten der Schmerzbekämpfung zu informieren.

Auch Christine Zapf war gekommen. Die contergan-geschädigte Röttgenerin leidet unter ständigen Schmerzen beim Gehen und Stehen. Um am Leben teilnehmen zu können, hat sie von klein auf mit ihren Beinen und Füßen Bewegungen durchgeführt, die für diese Körperteile eigentlich nicht vorgesehen waren.

Jetzt, Jahrzehnte später, rächt sich das. "Wir Geschädigten haben inzwischen alle massiv Wirbelsäulen- und Hüftprobleme. Immerzu Schmerz zu verspüren, wenn man nicht gerade liegt oder sitzt, ist eine schreckliche Aktivitätsbremse."

Gemeinsam mit vielen anderen Teilnehmern bekam Zapf im Uniklinik-Workshop einen Einblick in die "progressive Muskelentspannung". Dabei werden die Muskelpartien des Körpers kontrolliert angespannt und wieder lockergelassen. Patienten, die dieses Verfahren beherrschen, können ihre Körper gezielt dazu bringen, sich zu entspannen, und auf diese Weise auch ihre Schmerzzustände verringern - ganz ohne Medikamente.

Von Dr. Annette Graff und Dr. Carolina Link erfuhren die Besucher etwas über die "multimodale" Behandlung in der Schmerzambulanz. Den Oberärztinnen geht es darum, den Schmerz auf breiter Front in Angriff zu nehmen. Link: "In unserer Therapie führen wir deshalb mehrere Disziplinen zusammen. Die Arbeit der Schmerztherapeuten wird von Krankengymnastik, Akupunktur und psychologischer Betreuung flankiert."

Gelegentlich waren auf dem Flur der Uniklinik Besucher mit ungewöhnlich aussehenden grau-grünen Gürteln zu sehen. Sie hatten ein neuartiges "Rückenband" angelegt, mit dem per Elektrostimulation das Schmerzgedächtnis der Patienten dazu gebracht werden soll, schädliches gelerntes Empfinden wieder zu vergessen. Das gemeinsame Projekt von Uniklinik und Bonner Forschungspartnern wird zurzeit im Haus erprobt.

Auch im Regionalen Schmerzzentrum DGS in Bad Godesberg nutzen Neugierige das Infoangebot des leitenden Arztes Dr. Michael Küster. Der Schmerztherapeut gab aber nicht nur in Vorträgen und bei einer Praxisführung Auskunft, sondern beantwortete auch zwei Stunden lang telefonische Fragen an der bundesweiten Hotline.

Nach den ausführlichen Beratungsgesprächen sah Küster zugleich seine Vorurteile bestätigt: "Beinahe jeder, der wegen chronischer Rückenschmerzen anrief, hatte vorher eine dieser typischen Drei- bis Fünf-Minuten-Untersuchungen beim Orthopäden durchlebt. Keiner ist mal komplett ausgezogen worden, damit der Arzt den kompletten Bewegungsapparat in den Blick kriegt."

Auf diesen Missstand will auch die Deutsche Schmerzgesellschaft mit ihrem jährlichen Aktionstag hinweisen: In den Augen der DGSS gibt es eine drastische Unterversorgung - sowohl was die Gründlichkeit angeht, mit denen Patienten untersucht und behandelt werden, als auch bei der bundesweiten Zahl von Schmerztherapeuten.

Interdisziplinäres Schmerzboard

Anfang des Jahres hat die Bonner Uniklinik ein "interdisziplinäres Schmerzboard" gegründet. Ziel ist es, Informationen und Therapiemöglichkeiten für Patienten so zu bündeln, dass sie nicht mehr gezwungen sind, mit ihren Problemen zwischen verschiedenen Spezialisten hin und her zu pendeln.

Statt dessen verständigen sich die Fachärzte gemeinsam über die Notwendigkeiten einer kombinierten Behandlung. Eine Terminvereinbarung für die Schmerzambulanz und die Klinik für Anästhesiologie ist unter der Telefonnummer 0228/28714148 möglich, die Funktionelle Neurochirurgie ist unter der Telefonnummer 0228/28716508 zu erreichen.