Interview zu Bonner Bauten

Auch das Stadthaus hat noch eine Chance

Architekt Nikolaus Decker

Architekt Nikolaus Decker

Der Bonner Architekt Nikolaus Decker, seit vielen Jahren im Vorstand des Bundes Deutscher Architekten (BDA) Bonn Rhein-Sieg, ist derzeit bei einem Projekt in Oberhausen intensiv mit der Revitalisierung von Bauten aus den 1970er Jahren befasst. Mit ihm sprach Thomas Kliemann.

Öffentliche Bauten der 1970er Jahre gelten häufig als ästhetisch überholte Energieschleudern. Warum soll man sie nicht gleich abreißen?

Nikolaus Decker: Jedes Gebäude hat einen ökonomischen und einen städtebaulichen sowie architektonischen Wert, der mit Blick auf Nachhaltigkeit und Vernichtung von Werten vor einer solchen Entscheidung überprüft werden sollte. Jeder Abbruch bedeutet zunächst Verlust, Zerstörung von Substanz und neuen Müll. Bei einer solchen Prüfung sind verschiedene Blickwinkel zu beachten. Erstens: Analyse der städtebaulichen Situation und Strategien zur möglichen Verbesserung. Zweitens: die Struktur des Gebäudes (die unsere Verordnungsgeber mit immer fantasievolleren Visionen von Katastrophen permanent verschärfen). Drittens: Technischer Zustand und damit verbunden der finanzielle Aufwand einer Revitalisierung im Vergleich mit einem Neubau.

Wie schätzen Sie die Situation in Bonn ein, welche Bauten der 70er Jahre sollte man unbedingt retten?

Decker: Ich glaube nicht, dass es um ein Retten geht, wir sollten immer wieder, wie aufgelistet, analysieren, welche Potenziale in welchem Gebäude stecken. Selbst ein Denkmal ist nicht erhaltungswürdig, wenn man es keiner ökonomisch tragfähigen Nutzung zuführen kann. Als typische Bauten der 1970er Jahre halte ich etwa das Ortszentrum Dottendorf, das ehemalige Bundeskanzleramt, die Kreuzbauten und das Wissenschaftszentrum, auch die U-Bahnhöfe in ihrer ursprünglichen Gestalt, durchaus für erhaltenswert.

Ein spektakuläres Objekt ist das Landesbehördenhaus. Wo liegen die Probleme, wo die Chancen?

Decker: Das Landesbehördenhaus hat nach unserer Auffassung im BDA ein großes Potenzial für eine Revitalisierung. Die Strukturen und Grundrisse sind absolut tauglich für die Unterbringung verschiedenster Nutzungen in einem riesigen Komplex. Eine Revitalisierung wäre unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit wünschenswert.

Und geben Sie dem Bonner Stadthaus eine Chance?

Decker: Der Studierendenwettbewerb des AIV hat gezeigt, dass man die städtebaulichen Mängel des Stadthauses durch eine ebenerdige Öffnung in Verbindung mit einer sogenannten Mantelbebauung, das heißt Wiederherstellung der Blockrandbebauung entlang der umgebenden Straßen, deutlich abmindern kann. Auch die Gebäudestruktur bietet eine Menge Optionen für eine Revitalisierung. Voraussetzung dafür dürfte aber sein, das Gebäude nahezu in den Rohbau zurückzuführen und mit neuen technischen Konzepten, vor allem im Fassadenbereich, neu aufzubauen.

Vor zehn Jahren hätte man solche Bauten möglicherweise gleich abgerissen. Woher kommt das Umdenken?

Decker: Ich denke, dass die Sensibilisierung für ein nachhaltiges und Ressourcen schonendes Wirtschaften zunehmend als gesamtgesellschaftliche Erkenntnis ins Bewusstsein rückt. Ich nehme auch wahr, dass man nicht immer nur das Neueste sucht, sondern Dinge mit Geschichte, die unter ganz anderen Voraussetzungen entstanden sind, interessant findet. Es ist ja vor allem die Generation der heute um die 30-Jährigen, die sich für diese Bauten wieder interessiert und darin ganz andere Werte erkennt, als die der Bauzeit nachfolgende Generation.