Südüberbauung und Nordfeld

Areal am Bonner Hauptbahnhof ist gigantische Baustelle

Rund 30 Mitarbeiter von Abbruch- und Rohbauunternehmen haben die Baugrube gesichert und schaffen die Grundlage für die Errichtung neuer Geschäftsläden in der Untergrund-Passage.

Rund 30 Mitarbeiter von Abbruch- und Rohbauunternehmen haben die Baugrube gesichert und schaffen die Grundlage für die Errichtung neuer Geschäftsläden in der Untergrund-Passage.

Bonn. Auf dem Areal am Hauptbahnhof werden zurzeit die zwei größten Projekte der City umgesetzt. Das Gebiet zwischen Busbahnhof und Thomas-Mann-Straße ist eine gigantische Baustelle, die sensible Koordination erfordert.

Dieser Tage steht Karl Heinz Rettich gelegentlich im Strom der Menschen der Fußgängerzone auf der Maximilianstraße und betrachtet ein Bild. Es ist in den Bauzaun für das künftige Maximilian-Center integriert und zeigt den Bonner Hauptbahnhof samt Vorplatz. Die Schwarz-Weiß-Aufnahme bildet das Areal vor dem Bau der U-Bahn in den 70er Jahren ab: ein Parkplatz auf dem Gelände der späteren, im vergangenen Jahr abgerissenen Südüberbauung, die Bebauung an der Poststraße mit hübschen Altstadthäusern bis an die Straße „Am Hauptbahnhof” heran. „So hat es hier mal ausgesehen. Ich bin gespannt, was nun folgt“, sagt Rettich. In grauer Vorzeit hat er an der Maximilianstraße gewohnt, das ist Jahrzehnte her.

Die Baukräne im Hintergrund drehen sich. Und die Spitzhacken der Bauarbeiter im „Bonner Loch“ auf dem Nordfeld heben und senken sich in unregelmäßigem Takt. Rettich, einer, der mit dem Wort Alt-Bonner ganz gut beschrieben ist, jubelt das nicht hoch. Er verurteilt die künftige, viel engere Bebauung auch nicht: „Ich bin einfach neugierig, was hier entsteht.“ Umstritten war die Planung nicht nur wegen der großflächigen Bauten. Bürger störten sich vor allem daran, dass ins Maximilian-Center als Hauptmieter der Textildiscounter Primark einziehen soll, der in Niedriglohnländern produzieren lässt.

"Hochkomplexe" Großbaumaßnahmen

Rettich ist nicht der einzige aufmerksame Beobachter der Baustellen. Wer sich zwischen dem Busbahnhof und der Thomas-Mann-Straße bewegt, der kann beobachten, wie die Menschen stehenbleiben, zwischen den Bauzäunen einen Blick auf die Gruben erhaschen und versuchen zu verstehen, was da vor sich geht. Das zu begreifen, ist gar nicht einfach. Egal, mit welchem Projektleiter der beiden Großprojekte, mit welchem städtischen Mitarbeiter aus welchem zuständigen Amt auch immer wir sprechen, das Wort „hochkomplex“ fällt eigentlich immer. Und ein zweites Wortgebilde in Bezug auf die Großbaumaßnahmen benutzt fast jeder, der damit zu tun hat: Es gehe um das „Bonner Herzstück“.

Das trifft durchaus zu. Allein die Zahl der Beteiligten bei den Absprachen, was auf der Baustelle passiert, zeigt das. Da wären Ten Brinke als Investor für das Maximilian-Center (auf dem Areal der früheren Südüberbauung), „Die Developer”, als Investor für Urban Soul (auf dem Nordfeld nebenan), die Stadt mit diversen Schnittstellen vom Tiefbauamt bis zum Liegenschaftsamt, die Deutsche Bahn und die Stadtwerke, deren Bahnen und Busse entlang der Straße „Am Hauptbahnhof“ fahren. Betroffen sind Anwohner und anliegende Händler, tägliche Pendler, Obdachlose, die nachts im Durchlass zwischen den Rolltreppenzugängen etwas Wärme suchten und nun nach anderen Plätzen Ausschau halten müssen, weil der Durchlass gesperrt ist.

Gerade am vergangenen Montag hat Ten Brinke eine neue Treppe freigegeben. Sie führt von der U-Bahn-Ebene direkt auf die Poststraße. Im Februar wollen „Die Developer“ eine weitere Treppe an der Straße Am Hauptbahnhof in Laufrichtung Thomas-Mann-Straße freigeben. Eine Rolltreppe wird auf das Bahnhofsfoyer zulaufen. Ein kleines, nicht unwesentliches Beispiel, wie detailliert die Baustellen aufeinander abgestimmt sein müssen. Denn vor der Öffnung dürfen die Bauarbeiter auf dem Nordfeld das „Bonner Loch” nicht überdecken. Sonst wäre die Entfluchtung, Entrauchung und Evakuierung im Fall eines Brandes nicht gewährleistet.

Befestigungswand mit Bohrpfählen

Am weitesten gediehen sind die Bauarbeiten für das spätere Maximilian-Center. Christian van de Loo, Projektleiter für Ten Brinke vor Ort, blickt in ein tiefes Loch, die frühere unterirdische Rampe zum Busbahnhof, die nach dem Umbau wieder als Einkaufspassage genutzt wird. Schwere Stahlträger stützen die Wände zur Maximilianstraße ab, um sie vor dem Einbrechen zu bewahren. „Etwa dort, wo ursprünglich der Imbiss City-Pick stand, errichten wir in den kommenden drei Monaten den unter Straßenniveau liegenden Shop 12“, sagt van de Loo. Nach der Fertigstellung des Gesamtprojekts wird dieser Teil über die U-Bahn-Passage zugänglich sein. Für den Einbau hat die Stadt die Genehmigung für eine dreimonatige Sperrung der Maximilianstraße erteilt, die vor anderthalb Wochen zur Unterbrechung des Cityrings führte. Die Nähe der Bebauung zur Volksbank und einem Biomarkt (ehemaliges Gangolf-Kino) macht das Einbringen einer Befestigungswand mit Bohrpfählen notwendig.

Ten Brinke hatte zunächst ein halbes Jahr für den mit der Sperrung verbundenen Eingriff veranschlagen wollen – ausgerechnet während der Weltklimakonferenz und in der Vorweihnachtszeit. „Das konnten wir so nicht zulassen“, sagt der städtische Tiefbauamtsleiter Peter Esch. Die Zusammenarbeit mit den Investoren funktioniere reibungslos, sagt Esch. Aber er betont zugleich, „dass die Stadt den wirtschaftlichen Interessen der Investoren die Interessen der Bürger entgegenzustellen hat“. Jede Auswirkung auf die Verkehrswege der Bürger im öffentlichen Straßenraum werde eingehend auf Notwendigkeit und Alternativen geprüft, versichert Esch.

Für die Operation am offenen Herzen der Innenstadt ist im Bonner Planungsdezernat ein Koordinierungsteam zusammengestellt worden, das sich alle zwei Wochen mit Projektverantwortlichen trifft. Leiter ist Oliver Neitzel aus dem Tiefbauamt. „Knifflig wird es schon bei der Statik und der Gründung“, sagt Neitzel. Die Gründung ist der Übergang zwischen Boden und Bauwerk.

 

Lifestyle House mit Büro- und Handelsflächen

Am Beispiel Nordfeld (Projekt „Urban Soul“ des Investors „Die Developer“ mit drei Gebäudeteilen) lässt sich die schwierige Gemengelage des Untergrunds erklären: Das sogenannte Lifestyle House mit Büro- und Handelsflächen an der Poststraße wird zu einem Viertel seiner Fläche auf dem „Bonner Loch“ stehen. Auch künftig wird es einen unterirdischen Zugang über die vorhandenen Rolltreppen in die Cassius-Bastei geben, und ein tief gelegenes Ladenlokal entsteht ebenfalls. Zurzeit sind die Bauarbeiter, die nach dem Sommer mit den ersten Vorbereitungen begonnen haben, dabei, mit Spitzhacken die Bodenplatten auszuheben.

Andreas Reichau, Projektmanager der „Developer“ für „Urban Soul“, sitzt über einer Planungsskizze. Mit einem Bleistift zeichnet er statische Elemente ein. Es ist der Plan der derzeit geschlossenen Bahnhofstiefgarage, die der Investor der Bonner Parkraum GmbH abgekauft hat und die mit ihren etwa 100 Parkplätzen später wieder in Betrieb gehen wird. Der Architekt skizziert ein schmales Rechteck entlang der Maximilianstraße auf Höhe der Sparkasse: eine entwidmete Bunkeranlage. Sie liegt allerdings so tief, dass sie auf die Statik keinen Einfluss hat. Und dann wäre da noch der U-Bahn-Schacht, durch den während der ganzen Bauzeit weiterhin die Bahnen der Stadtwerke rollen. Die Stadt misst im Auftrag von Ten Brinke regelmäßig, ob sich der Tunnel aufgrund der Bauarbeiten bewegt.

Mittlerweile sind die Gewerke auf dem Nordfeld mit Baggern an vielen Stellen bis zur Tiefgaragendecke vorgedrungen. Auf diesem Fundament errichten „Die Developer“ ihr Hotel zur Thomas-Mann-Straße hin. Ein Teil der 100 Millionen Euro für die Gesamtinvestition fließt in ein sogenanntes City Office mit Parkhaus an der Rabinstraße schräg gegenüber. „Wir werden mit dem Bau von Lifestyle House und City Office etwa zeitgleich starten und wollen mit dem Parkhaus möglichst vor der Fertigstellung im Herbst 2019 fertig sein“, sagt Reichau. Das war ausdrücklicher Wunsch der Stadt, um die Ausfälle der Parkplätze für Autos und Fahrräder auf dem Nordfeld und die Schließung der Bahnhofsgarage möglichst schnell kompensieren zu können.

Keine weitere Vollsperrung geplant

Zurzeit sind die Stadtwerke damit befasst, die Abspannpfähle entlang der Bahngleise für die Straßenbahnen durch neue zu ersetzen, weil die bisherigen auf dem Grundstück der Investoren stehen. Die Oberleitungen werden anschließend wieder an den Gebäudefassaden befestigt, um den Bürgersteig neben Laternen nicht noch mit weiteren Hindernissen bebauen zu müssen.

Verkehrstechnisch, so sagt Tiefbauer Neitzel, sei keine weitere längere Vollsperrung geplant, wie die Stadt sie gerade in der Maximilianstraße genehmigt hat. Aber die Koordinierung bleibe anspruchsvoll. „Es wird sicher immer mal wieder zu Verkehrsbehinderungen kommen, auch weil die Baustelle der Deutschen Bahn am Hauptbahnhof hinzukommt“, erklärt Neitzel. Die DB investiert einen hohen Millionenbetrag in die Erneuerung des Bahnhofs. Sie saniert gerade das Dach.

 

Ausbau der Straße steht noch aus

Die Baustellenanfahrt für die Südüberbauung erfolgt hauptsächlich über die Wesselstraße. Das Nordfeld wird dagegen über den neu geschaffenen Kreisel am Alten Friedhof und die Rabinstraße beliefert. Der notwendige Ausbau der Straße zwischen Hauptbahnhof und den neuen Gebäuden mit Schutzstreifen für Fahrräder erfolgt durch die Stadt und steht noch aus. Er ist nach einem politischen Beschluss aus dem vergangenen Jahr im Plangenehmigungsverfahren. Über den Umbau des Busbahnhofs debattieren Politik und Verwaltung noch.

Rettich steht nun schon fast eine halbe Stunde vor dem Schwarz-Weiß-Bild. Er äußert noch einen Gedanken: „Hoffentlich halten die neuen Ensembles länger als die alte Südüberbauung.“ Sie ist nach dem U-Bahn-Bau entstanden und war die längste Zeit ihres Lebens ein ebenso ungeliebtes Kind wie das Bonner Loch und die U-Bahn-Passage mit ihren 38 verschiedenen Eigentümern. Rettich hofft, dass die Sauberkeit zunehmen wird, wenn die Vermietung aus einer Hand erfolgt. Für ein Gebäude war die Südüberbauung nicht sonderlich alt. Die Zeit hatte den Bau indes schnell überholt. Das, meint Rettich, sollte nicht ein weiteres Mal geschehen.

Der General-Anzeiger sucht alte Fotos, die das Areal rund um den Hauptbahnhof zeigen. Leser könnenihre Aufnahmen per E-Mail an online@ga-bonn.de schicken.