Fußball-WM 2018

An diesen Orten gibt es Public Viewing in Bonn

Spannend war's: 6:5 nach Elfmeterschießen endete das Länderspiel gegen Italien, das sich die Menschen während der Europameisterschaft 2016 im Kameha Grand Hotel ansahen.

Spannend war's: 6:5 nach Elfmeterschießen endete das Länderspiel gegen Italien, das sich die Menschen während der Europameisterschaft 2016 im Kameha Grand Hotel ansahen.

Bonn. Die Zeit der ganz großen Public-Viewing-Veranstaltungen scheint vorbei. In Bonn gibt es aber auch diesmal reichlich Gelegenheit, die Spiele in Gesellschaft zu verfolgen.

Sicher, die Fußballinteressierten wird man nicht groß erinnern müssen. Vier kurze Jahre ist es her, dass Bonn am 13. Juli 2014 eine halbe Stunde vor Mitternacht in den Siegesrausch taumelte. Soeben hatte Mario Götze den argentinischen Torwart Sergio Romero überwunden und im WM-Finale das 1:0 erzielt. Sieben Minuten später war Deutschland zum vierten Mal Weltmeister. Wie in vielen anderen Städten machten die begeisterten Massen auch in Bonn die Nacht zum Tage.

So eine WM – und da braucht man nicht erst bis zum „Wunder von Bern“ des Jahres 1954 zurückzugehen – liefert den Stoff für kollektive Erinnerung. Im Idealfall natürlich eine positive. Zumindest die logistischen Voraussetzungen scheinen in Bonn auch in diesem Sommer wieder gelegt. In vielen Familien, Freundeskreisen und Vereinen steht das erste Gruppenspiel der deutschen Mannschaft am Sonntag gegen Mexiko längst im Kalender. Auch in den meisten Kneipen dürften in den kommenden vier Wochen die Zeichen auf Fußball stehen.

Tausende Plätze für Fußballfans

Und dann gibt es natürlich noch die Übertragungen im Freien – gemeinhin als Rudelgucken bekannt. Mehr als 40 Gaststätten hatten bis Ende der vergangenen Woche von der Bonner Stadtverwaltung eine Genehmigung dafür erhalten, die Spiele auf Großbildschirmen oder Leinwänden auf ihren Terrassen oder in ihren Biergärten zeigen zu dürfen. Dort könnten die Rudel diesmal zwar kleiner werden als bei vergangenen Gelegenheiten, der Anzahl der Angebote aber tut das keinen Abbruch. „Hautnahes Mitfiebern“ in der Arena am Beueler Rheinufer mit der sieben mal drei Meter großen Freiluft-Leinwand bei freiem Eintritt und ohne Mindestverzehr verspricht etwa das Kameha Grand Hotel. Schon seit zehn Monaten, so heißt es beim Management, sei man am Bonner Bogen in Oberkassel mit den Vorbereitungen beschäftigt, während auf der Internetseite ein Countdown die Zeit bis zum Anpfiff herunterzählt. Die Kameha-Crew rechnet mit bis zu 3000 Besuchern.

Hinzu kommen Übertragungen in geschlossenen Gebäuden. Mehr als 1200 Plätze und damit ein großes WM-Spektakel bietet diesmal beispielsweise das Brückenforum an der Kennedybrücke in Beuel. Auch dort ist der Eintritt frei, das Mindestalter liegt bei 16 Jahren. Wetterunabhängiges Feiern ist auch im Kinopolis in Bad Godesberg möglich. Dort sind vor allem die bequemen Kinosessel ein Argument, und auch dort gilt: Eintritt frei, kein Mindestverzehr. Um den Zulauf zu kanalisieren, muss man sich am Tag des Spiels trotzdem Gratiskarten holen. Pro Person gibt es maximal vier Tickets. Kameha, Brückenforum und Kinopolis – das sind diesmal aber schon die größeren Formate.

Die ganz großen Massenveranstaltungen wird es dem Vernehmen nach diesmal allenfalls in Berlin geben, wo vor dem Brandenburger Tor wieder mit bis zu 300.000 Zuschauern gerechnet wird. Ansonsten erlebt das Gemeinschaftserlebnis offenbar insgesamt einen Schrumpfungsprozess. Auf dem Dortmunder Friedensplatz hatten beim „Sommermärchen“, der WM 2006 in Deutschland, noch mehr als 250.000 Menschen die Spiele auf Leinwänden verfolgt; bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren wurden dort nur noch 17.000 gezählt.

Städte wie Düsseldorf, Köln und auch Bonn verzichten ganz auf eigene, von der Verwaltung organisierte Veranstaltungen. Für das scheinbar rückläufige Interesse an den Megapartys gibt es mehrere Erklärungen: Solche Veranstaltungen seien „aus der Mode gekommen“, hieß es jetzt lapidar bei der Kölner Stadtverwaltung. Der Fanexperte Gunter Pilz nannte als Grund die technischen Möglichkeiten vieler Privathaushalte, die ihre Wohnzimmer inzwischen zu kleinen Kinosälen ausgebaut hätten. Zudem sei die WM 2006 im eigenen Land wegen des hohen Identifikationsfaktors ein besonderes, „volksverbindendes Element“ gewesen.

Der logistische Aufwand ist hoch

Hinzu kommt für Veranstalter der hohe finanzielle und logistische Aufwand: So steht das Rudelgucken auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg wegen fehlender Sanitäter auf der Kippe. Und nicht zuletzt ist weiterhin die Sorge vor Terroranschlägen groß, zu denen der Islamische Staat aufgerufen hat. Enorm sind deshalb bei organisierten Großveranstaltungen die Anforderungen an die Sicherheitsvorkehrungen. Und dann gibt es noch jenen Teil der Fanszene, der grundsätzlich mit Kommerzialisierung, Medienrummel und Symptome dunkler Machenschaften hadert und sich radikal abwendet – wie der Schriftsteller Ilija Trojanow, der gemeinsam mit dem Fußball-Exegeten Klaus Zeyringer ein Manifest formulierte, das es in sich hat: „Boykottieren wir die WM in Russland! Schauen wir uns kein einziges Match an! Wir sind keine Quotenbringer, keine dummen Schafe, keine dumpfen Konsumenten – wir sind wahre Fußballfans!“

Wie weit das Echo solchen Rigorismus reicht, wird sich zeigen. Unter den Gastgebern, die nun die Leinwand aufspannen, sind jedenfalls viele alte Bekannte – vom „Shaker's“ an der Bornheimer Straße über die „Mausefalle“ und die Restaurants am Kaiserplatz bis zu „Harmonie“ und „BarRoon“ (früher „Zinnober“, noch früher „Apfel“). Dort erwartet die Wirte Schwerstarbeit, aber auch enorme Einnahmen – sofern die Bierversorgung der Menge funktioniert. Allein bis zum 28. Juni werden insgesamt 48 Vorrundenspiele ausgetragen, die bis auf eines vor 22 Uhr beendet sein werden.

Ab dem Achtelfinale beginnen acht Spiele erst um 20 Uhr und werden – mit möglicher Verlängerung und Elfmeterschießen – erst nach 22 Uhr, aber vor 23 Uhr beendet sein. Auch ein spätes deutsches Siegtor im Endspiel wird es diesmal definitiv nicht geben: Weder durch Mario Götze, denn der ist nicht dabei; noch eine halbe Stunde vor Mitternacht. Das Finale in Moskau wird am Sonntag, 15. Juli, um 17 Uhr angepfiffen.

Für mögliche Autokorsos ist die Bonner Polizei derweil gewappnet: „Auch in Feierlaune sind Rücksichtnahme und Sicherheit oberste Gebote“, sagt Polizeisprecher Robert Scholten. Autokorsos würden grundsätzlich toleriert, solange es nicht zu Eigen- oder Fremdgefährdung oder zu Sicherheitsstörungen komme. In vier Jahren übrigens, bei der WM in Katar, dürfte dann die Stunde der (beheizten) Säle und Hallen schlagen. Wenn sie stattfindet, ist in Deutschland Winter.