Diskussion um Großprojekt

An der Seilbahn für Bonn scheiden sich die Geister

Bonn. Vor drei Jahren hat die Kommunalpolitik eine Machbarkeitsstudie für eine Seilbahn auf den Venusberg in Auftrag gegeben. In Dottendorf und Kessenich sind Bürger geteilter Meinung zu dem Projekt.

An einem der größten geplanten Verkehrsprojekte in der Stadt Bonn scheiden sich die Geister: Im Zentrum steht der Bau einer urbanen Seilbahn. Sie soll hinabführen vom Gelände des Universitätsklinikums auf dem Venusberg, den Stadtwald überfahren, am Hindenburgplatz in Dottendorf einen Knick nach rechts machen hinein in die Urstadtstraße, über die Erich-Kästner-Schule zur DB-Haltestelle UN-Campus führen und so das Arbeitszentrum im ehemaligen Regierungsviertel anbinden. Eine Verlängerung über den Rhein mit Anschluss der künftigen S-Bahn-Haltestelle Ramersdorf (S13) wäre ebenfalls denkbar. Die große Frage lautet: Verbirgt sich hinter dieser Idee ein exotisch anmutender, millionenschwerer Traum oder ein adäquates Mittel, um den städtischen Verkehr zu entlasten?

Die Bonner Kommunalpolitik hat vor drei Jahren die Entscheidung getroffen, die Sinnhaftigkeit einer solchen Seilbahn mit einer Machbarkeitsstudie prüfen zu lassen. Eine urbane Seilbahn also, die ans öffentliche Nahverkehrsnetz angeschlossen wäre und die jeder mit einem gültigen Nahverkehrsticket ohne weitere Zuzahlung nutzen könnte.

Seilbahnen fahren für gewöhnlich nicht durch besiedelte Straßenzüge, sondern in den Alpen. In den Bergen gibt es kaum Betroffene, in einer Stadt sehr wohl. Und eben hier gehen die Meinungen auseinander, ob eine Seilbahn durch die Ortsteile Venusberg, Dottendorf, Gronau hinüber nach Beuel helfen kann, die Verkehrsprobleme in Bonn zu lösen, und um welchen Preis sie das täte.

 

Neun Verbände fordern die „Nordtrasse“

Auf der einen Seite steht die Bürgerinitiative „Bonn bleibt seilbahnfrei“, deren Name Programm ist. Auf der anderen Seite stehen neun Verkehrs- und Umweltverbände, der örtliche Verkehrsclub Deutschland (VCD), der Fahrradclub ADFC, der BUND, das Bonner Verkehrsforum, die Anwohner-Initiative Venusberg, der Verein Lebenswerte Siebengebirgsregion, die Bürgeraktion Umweltschutz, der Naturschutzbund und der Allgemeine Studierenden Ausschuss der (AStA) der Uni Bonn. Die Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg unterstützt die Seilbahn ebenso wie der Direktor des Universitätsklinikums, Wolfgang Holzgreve. Und Großunternehmen wie die Telekom signalisieren Interesse. Als möglicher Betreiber kämen die Stadtwerke Bonn infrage.

Die Gutachter für die Machbarkeitsstudie kamen im Mai vergangenen Jahres zu dem Ergebnis, dass eine städtische Seilbahn technisch möglich wäre und eine Entlastung des Autoverkehrs auf den Venusberg brächte (siehe „Die Machbarkeitsstudie“). Den besten Effekt, auch wirtschaftlich, hätte demnach die „Nordtrasse“ als Verbindung zwischen den Unikliniken und der neuen DB-Haltestelle „UN-Campus“ mit Option einer Verlängerung über den Rhein. Gesamtstreckenlänge: 4,3 Kilometer mit fünf Stationen. „Vollkommener Unfug“, nennt dieses Projekt Gundolf Reichert, Seilbahngegner und Anwohner am Hindenburgplatz, der Standort für eine der geplanten Stationen wäre. „Eine Chance“, nennt es Karl-Heinz Rochlitz, der im benachbarten Kessenich lebt und das Thema für den Verkehrsclub Bonn/Rhein-Sieg (VCD) bearbeitet.

Bürgerinitiative bezweifelt Nutzen einer Seilbahn

Reichert argumentiert in viele Richtungen gegen die Seilbahn. Die Zahlen aus der Machbarkeitsstudie zu Beförderungen und Kosten hält er für „fragwürdig“. Nach seinen eigenen Berechnungen bräuchte eine Seilbahn im 19-Stunden-Betrieb so viel Strom, dass sie im Vergleich mit Bussen unökologisch beim heutigen deutschlandweiten Energiemix wäre. Er bezweifelt nach Messungen der Bürgerintiative auf der Robert-Koch-Straße, dass dort ein gravierendes Verkehrsproblem besteht. Mit dem Bau von Verteilerkreisen vor dem Marienhospital, am Gudenauer Weg und Röttgener Straße könne der Verkehrsfluss dennoch verbessert werden.

Umbauten übrigens, gegen die sich die dortigen Anwohner wehren, weil sie befürchten, dass weiterer Autoverkehr angezogen würde. „Der Venusberg hat vielmehr ein Parkproblem“, sagt Reichert. Er befürchtet, dass sich eben dieses Parkproblem in die Ortsteile Dottendorf und Kessenich verschieben würde, kritisiert die mit einer Seilbahn verbundenen Einsparungen in dem übrigen ÖPNV und warnt vor den Eingriffen in die Landschaftsschutzgebiete Venusberg und Rheinaue. Schließlich müssten 24 Masten die Seile halten.

„Uns treibt der Netzgedanke an.“

Rochlitz dagegen sieht in einer Seilbahn ein Verkehrsmittel, das auf recht elegantem Wege eine Alternative zur Straße bieten kann, ohne Asphalt und Teer zu benötigen. Für die Haltemasten müssten zwar Bäume gerodet werden, aber die Auswirkungen im Wald wären überschaubar, vor allem im Vergleich mit dem Bau von Straßen. „Die Trasse wäre eine wichtige Tangentialverbindung, die uns bislang fehlt“, erklärt Rochlitz. Die neun Verbände pro Seilbahn verfolgten das Ziel, den öffentlichen Nahverkehr zu verbessern: „Uns treibt der Netzgedanke an.“

Das VCD-Mitglied sieht auch eine Entlastung für den Bonner Hauptbahnhof, weil Pendler aus Richtung Köln oder Koblenz den Haltepunkt „UN-Campus“ für den Ausstieg nutzen könnten. Zusätzliche Parkplätze dürfe es nicht geben. Da sind sich beide Seiten einig. „Eine Verschiebung der Parkprobleme ist nicht in unserem Sinn“, sagt Rochlitz. Vor allem aber hält der VCD-Experte den Zeitpunkt, um über das Projekt Seilbahn abschließend zu urteilen, für verfrüht.

Fundierte Analyse fehlt

Man muss an dieser Stelle hinzufügen. Die Gutachter haben zwar die grundsätzliche Machbarkeit geprüft. Was aber noch aussteht, ist eine fundierte Analyse, ob eine solche Seilbahn volkswirtschaftlich überhaupt tragbar wäre. Sie wird zwar – wie auch Bahnen und Busse des Nahverkehrs – nicht ohne öffentliche Zuschüsse zu betreiben sein. Aber die Bau- und Betriebskosten sowie der Nutzen müssen in einem tragbaren Verhältnis zueinander stehen.

Das städtische Planungsdezernat teilte auf GA-Anfrage mit, dass die Stadt den Auftrag für diese Untersuchung in diesem Sommer vergeben will. Sie rechnet mit einem Ergebnis nicht vor Sommer 2019. Wenn dieses Gutachten negativ ausfällt, ist das Projekt Seilbahn für den Venusberg gestorben. Ohne einen Nachweis des volkswirtschaftlichen Nutzens wird das Land NRW eine Förderung von bis zu 90 Prozent für den Bau nicht genehmigen.

Betriebskosten kommen zu Baukosten

Es ist wohl kaum anzunehmen, dass die klamme Stadt Bonn die prognostizierten 19,5 Millionen Euro für den ersten Streckenabschnitt Venusberg/Haltestelle UN-Campus beziehungsweise die zusätzlichen 22,3 Millionen Euro für den zweiten Streckenabschnitt über Rheinaue und Rhein aus dem eigenen Haushalt stemmen wird. Auch wenn sie die Seilbahn als mögliches Förderprojekt zur Luftreinhaltung beim Bundesumweltministerium angemeldet hat.

Zu den Baukosten kämen die Betriebskosten. Thomas Baum, Verfasser der Machbarkeitsstudie, beziffert das jährliche Defizit auf eine Million Euro (erster Streckenabschnitt) beziehungsweise auf drei Millionen Euro für die Gesamtstrecke. Bei einer NRW-Förderung könnte das Minus auf unter eine Million Euro sinken, so Baum. Sollte die Analyse zu einem positiven Ergebnis kommen, müsste die Politik einen Planungsbeschluss fassen. Auf die frühzeitige Bürgerbeteiligung im vergangenen Jahr folgte eine weitere Bürgerbeteiligung. Der eigentliche Bau einer Seilbahn wäre nach Angaben von Herstellern innerhalb von etwa einem Jahr möglich.