Neues Angebot "GA-English"

Alltagstest: Spricht Bonn Englisch?

Lisa Kelley kommt aus Missouri und wird die nächsten Jahre in Bonn leben. Für uns hat sie die Stadt auf die Probe gestellt: Wird Bonn seinem internationalen Ruf gerecht?

Lisa Kelley kommt aus Missouri und wird die nächsten Jahre in Bonn leben. Für uns hat sie die Stadt auf die Probe gestellt: Wird Bonn seinem internationalen Ruf gerecht?

16.01.2016 Bonn. Spricht die Bundesstadt Bonn Englisch? Der General-Anzeiger hat gemeinsam mit Lisa Kelley, Neu-Bonnerin aus Kansas City, den Alltagstest gemacht. Mit dem neuen ga-bonn.de startet auch das neue Angebot "GA-English".

Dear Bonn, Du hast, was es braucht, ein internationaler Player zu sein: Uno-Büros, Dax-Konzerne, die Rheinromantik. Doch Internationalität, mit der Du dich selbst bewirbst, ist ja viel mehr als das: Sie zeigt sich darin, wie leicht Du es ausländischen Neuankömmlingen machst, ob Du ihnen den Alltag in der Fremde urbar machst, ihnen den Arm ausstreckst, sie mitnimmst. Schaffst Du das? Willst Du das? Wir wollten selbst sehen, wie Du tickst. Am Freitag haben wir Dir also Lisa Kelley geschickt, Neu-Bonnerin aus Kansas City, Missouri, USA. Sie hat getestet, ob Dein Puls auch auf Englisch schlägt.

Am Hauptbahnhof sind wir gestartet. Und müssen zugeben: Als wir die Schalterhalle der Deutschen Bahn betreten haben, war nur Lisa mit ihrem unumstößlichen, amerikanischen "Think positive!" optimistisch. Aber sie sollte Recht behalten: Kaum stehen wir da, blicken ratlos umher, eilt ein Bahnmitarbeiter auf uns zu. Fragt auf Englisch, was das Anliegen ist, zieht uns ein Wartenümmerchen und flötet zum Abschluss: "You're welcome!" Wow, denken wir, absolutely terrific, toll. Und während wir uns noch anerkennend zunicken, winkt uns schon eine ältere Dame von der Sitzbank. Sie spricht kein Englisch, aber sie hat gesehen, dass unsere Nummer auf dem Bildschirm aufgeploppt ist - und alarmiert uns.

Vier Tickets - für zwei Erwachsene, zwei Kinder - will Lisa kaufen, um mit ihrer Familie nach Berlin zu fahren. "No problem", sagt die Frau hinter dem Schalter, vier Wochen vor Abreise seien Tickets sehr günstig. Der Drucker spuckt die Verbindung aus. Dazu einen Zahlencode, mit dem Lisa Fahrkarten zum genannten Preis im Netz kaufen kann. Lächeln, Service, Ergebnis - we're happy. Und sagen der netten Bahn-Helferin, die im Übrigen Auszubildende ist: "You're awesome. Keep up the good work!"

Zurück auf dem Parkplatz spricht Lisa Passanten an: Sie braucht einen Parkschein, hat aber keine Münzen parat. Mutter und Tochter aus Siegburg wechseln, verabschieden sich auf Englisch.

Als nächstes wollen wir das Bürgeramt testen. Aber wie finden wir das Gebäude? Well, Bonners, wir haben Euch auf der Straße nach dem Weg gefragt, und ihr habt totally marvellous geantwortet. Da ist der junge Mann, der Lisa so charmant erklärt, wo es langgeht (kleiner Einschub: Lisa hat auch das umwerfendste Lächeln der Stadt), dass wir das Gefühl haben, die Temperaturen klettern von zwei auf 27 Grad. "It's the ugly building", sagt er, man könne es gar nicht übersehen. Wir lachen herzlichst.

Aber wie reagieren ältere Bonner, für die Englisch vielleicht nicht Alltag ist? Tja, was sollen wir sagen? Der Senior mit der Fellmütze, der sagt, er könne nur ein bisschen Englisch, aber er würde versuchen, uns zu helfen, lässt unser Herz schmelzen. Das Bürgeramt, lacht er am Ende seiner korrekten, englischen Wegbeschreibung, "that's where they waste the money". Humor zeigen, und dann noch in einer Fremdsprache, das ist die Königsdisziplin. Four thumbs up! Dass eine Dame ohne Englischkenntnisse uns bedeutet, auf dem Weg zum Bürgeramt einfach mitzukommen, war ebenfalls eine sehr noble Geste.

And here we are, at the Bürgeramt. Ugly building, that's right. Lisa kennt es schon, sie hat hier vor zwei Jahren Aufenthaltsgenehmigung und Führerschein beantragt. Ohne Relocation Agent haben sie und ihr Mann sich gar nicht in den Betonkoloss getraut. Dabei könnte man, schlägt sie vor, Schilder an die Türen heften, auf denen "Driving Licenses" oder "Registration" steht. Stattdessen stehen an den Büros nur Ziffern ... ein Labyrinth.

Heute haben wir ein einfaches Anliegen. Lisa hat vergessen, ihren Christbaum auf den Bürgersteig zu räumen. Wohin mit dem Ding, wollen wir wissen. Hinter dem hohen Schalter blickt ein Angestellter auf Lisa herunter. Sie fragt, ob er Englisch spricht und trägt ihr Anliegen vor. "Hast Du was verstanden", unkt er laut rüber zu seinen Kolleginnen an den Nachbarschaltern. Nein. Sie kichern, sie starren. Holen Verstärkung. Eine junge Frau kommt und schickt Lisa zur Hauptinformation, wo es Recycling-Kalender geben soll. Als wir uns umdrehen, macht der Mann sich lustig: "Ich dachte, sie hätte ihr Kaninchen verloren." We are not impressed, not at all.

An der Hauptinformation stehen schon zwei Ausländer in der Schlange vor uns. Auch sie brauchen: eine Wegbeschreibung, eine Nummer, Hilfe. Keiner spricht fließend Deutsch. Unser Test ist also tägliche Realität für viele, die in Bonn leben. Mir ist es peinlich, dass Stadtangestellte, die selber kein Englisch sprechen, sich offen über Neubürger lustig machen. Immerhin: Die nette Dame an der Hauptrezeption druckt Lisa einen Müllabfuhr-Plan aus. Am 20. Januar werden noch einmal Tannenbäume abgeholt. "A second chance", lächelt Lisa. "Yes, a second chance", lächelt die Dame zurück. Wir versöhnen uns mit dem Bürgeramt, but only a little bit. You can do better, and you know it!

Auf dem Rückweg schaut Lisa im StadtMuseum vorbei. "Do you speak English?" Die Kassiererinnen schütteln den Kopf. Sie legen ihr einen Grundrissplan des Museums vor. Aber Lisa will keinen Grundrissplan, sie braucht den Gruppen-Ticketpreis. Das bekommen die Damen dann doch auf Englisch hin - sie tauen richtig auf. Geraten ins Plaudern. Empfehlen Lisa ein weiteres Museum. Erklären ihr auf Englisch, wie sie mit der U-Bahn hinkommt. We like it, we like it! Doch Audio-Guides auf Englisch gibt es für das StadtMuseum nicht. Schade. Lisa bezweifelt, dass ihre englischen Freunde die Ausstellung ohne Erklärung sehen wollen oder können.

Letzte Station: die Apotheke am Friedensplatz. Lisa braucht Erkältungsmittel für ihre Kinder. Hinter der Theke steht Herr Wieland. Er weiß nicht, dass wir ihn testen. Sorry, Mister Wieland, but you did great! Auch er gehört zu einer Generation, die nicht schon im Mutterleib mit englischer Popmusik beschallt worden ist. Aber er gibt sich einen Ruck, fragt in einfachem, klaren Englisch, wie alt Lisas Kinder, was ihre Beschwerden sind. Drei Mittel sucht er heraus, notiert Hinweise auf dem Beipackzettel. Und sagt zum Abschied: "Hope, it will help!" Lisa ist begeistert: "A true gentleman!"

Bonn, thanks for being so charming. We had a great day!

P.S.: Dear Bürgeramt, we'll be back for more testing! (Jasmin Fischer)