Bonner Südstadt-Institution

"Addi" Plonkas "Lenné Snack" schließt nach 35 Jahren

Adrian "Addi" Plonka freut sich darauf, sein Leben zu genießen.

Adrian "Addi" Plonka freut sich darauf, sein Leben zu genießen.

Bonn. Mit dem Satz „Addi, in Bonn wird ein Laden frei!“ begann vor 35 Jahren die Geschichte von Adrian "Addi" Plonkas "Lenné Snack". Nun schließt Plonka seinen Imbiss.

Er war noch keine achtzehn Jahre alt, als er sein erstes Geschäft eröffnete. Seine Mutter musste noch für Adrian „Addi“ Plonka unterschreiben,
damit er den Imbiss „Bei Addi“ auf der Kölner Friesenstraße eröffnen konnte. Noch heute, so erzählt Plonka (55), kann man an der Ecke zur Ehrenstraße die Spuren des Schriftzugs „Bei Addi“ erkennen. Genauso, wie er heute auf dem Schaufenster des „Lenné Snacks“ an der Lennéstraße zu lesen ist. Auch das dort den Schriftzug zierende Frauengesicht in Jugendstilornamentik klebte schon an der Scheibe in Köln. Bald wird „Bei Addi“ jedoch nur noch durch viele Geschichten weiterleben.

Addi macht Schluss. Oder besser: Addi fängt jetzt erst richtig an. Addi Plonka ist schon jetzt eine Legende. Man wird sich an ihn und seinen „Lennè Snack“ noch lange erinnern. Vor allem, weil man ihn vermissen wird. Noch ist auch niemand in Sicht, der freitags den „Familienabend“ genannten Treff von Nachbarn und Freunden organisieren könnte, an dem manchmal bis zu 150 Gäste in Trauben vor dem Imbiss stehen. „Alle lieben Addi“, so wurde es bereits gedruckt und im Internet und Fernsehen auf den Punkt gebracht. Aber das war nicht immer so. Addi muss einmal nach eigenen Worten, ein „schwerer Junge“ gewesen sein.

Obwohl er seine Eltern als liebevoll und seine Kindheit als geborgen beschreibt, kam alles durcheinander, als die Eltern 1974 als Spätaussiedler aus dem schlesischen Beuthen nach Deutschland kamen. „Das war die Hölle“, erinnert sich Addi. Der damals Zwölfjährige landete in den Aufnahmelagern Friedland und Unna-Massen bevor die Eltern in Gelsenkirchen angesiedelt wurden. Sein Vater war Bergmann in der Zeche Auguste-Victoria. Addi kam in Gelsenkirchen nicht zurecht. Er sprach kein Deutsch und fühlte sich fremd. Er geriet auf die schiefe Bahn. Mit dreizehn kam er nach Köln-Kalk in das damals von katholischen Nonnen geführte Nikolaus-Groß-Haus. „Super streng waren die dort“, erinnert sich Plonka heute, „aber das war genau das, was ich damals brauchte. Das hat mir wieder Struktur gegeben.“

Sein Imbiss wurde Kult

Das Heim verhalf ihm zu einer Kochausbildung in der Kölner Wolkenburg. „Da drückte ich mir schon die Nase am Schaufenster von dem heute bekannten Tätowierer Dieter Zalisz in Köln-Mühlheim platt“, lacht Plonka über die Zeit und zeigt auf seine Tattoos, die nur sein Gesicht noch frei gelassen haben. Doch Zalisz ließ es damals nicht zu, dass der noch nicht volljährige Addi sich von ihm tätowieren ließ. Außerdem fehlte Addi das Geld. So half er in den freien Vormittagsstunden seiner Kochlehre in der Metzgerei Werdün in der Friesenstraße aus, wo er die Chance bekam, sich mit einem Imbiss selbstständig zu machen. „Bei Addi“ war geboren. Binnen kürzester Zeit wurde der Imbiss zum Kult. Sein Hauptgeschäft fand morgens ab etwa vier Uhr statt.

Dann traf sich dort die Kölner Unterwelt. Prostituierte und Kleinkriminelle aller Art trafen sich bei ihm und fühlten sich wohl. Das Geschäft brummte.
Seine Tätowierungen wuchsen. Meister Dieter stach ihm den ersten riesigen Wikinger auf seinem Rücken, der für Addi zu seinem Symbol der Freiheit wurde. Meister Dieters Lehrling Kai fand in Addi ein dankbares Lehrobjekt, an dem er sich und seine Fantasien ausleben konnte. Addi ist heute ein wandelndes Kunstwerk. Sicher auch, weil viele der ersten Tattoos heute durch Kais kunstvolle Nacharbeit überdeckt wurden. Damals waren die Tätowierungen für Plonka ein Zeichen von Anpassungsverweigerung. Er wollte anders sein. Der Umgang mit Kölns Unterwelt prägte ihn. Seiner ersten Frau Karina, die er neunzehnjährig heiratete, verdankt er, nicht noch einmal „abgerutscht“ zu sein. Als sein Imbiss einer Baumaßnahme weichen sollte und das neue Ladenlokal „unbezahlbar“ gewesen wäre, sagte ihm Karina: „Addi, in Bonn wird ein Laden frei!“.

Kein Tag Urlaub in 33 Jahren

Addi war zuvor noch nie in Bonn. „Wir kamen um 16 Uhr am Lenné Snack an und die Straße war tot“, erinnert sich Plonka und lacht, „ich
fragte mich, wovon leben die Leute hier?“. Aber für Karina war es ein Ultimatum. Ihr war klar, dass Addi aus Köln raus musste. Das ruhige Bonner
Viertel erschien ihr genau richtig. Und sie setzte sich durch. Addi ist ihr heute dankbar dafür: „Auch das hatte mir wieder eine Struktur gegeben.“ Aber der Anfang sei nicht einfach gewesen: „Addi aus Polen. Alles gebildete Leute ringsum. Das waren anfangs die schlimmsten Jahre für mich.“ Die Leute hätten FAZ, Welt und General-Anzeiger lesen wollen und er habe nicht einmal gewusst, dass es diese Zeitung gibt. „Es war schwer. Mich haben sie geduzt und ich sollte sie mit ‚Sie‘ ansprechen.“ Das habe sich grausam angefühlt.

Seine Wende kam über den Studenten Peter Bauch, der ihm Gäste brachte und erkannte, welches Potential in Addi steckte. Plötzlich wurde Plonka
akzeptiert und konnte Nachbarn zusammenbringen, die ein Leben lang nebeneinander wohnten, aber bis dato noch kein Wort miteinander gesprochen hatten. Das, und vieles mehr passiert nun täglich „Bei Addi“. Sein Imbiss wird fehlen. Doch Adrian Plonka bleibt. Er baut sein Geschäft zur Wohnung für sich um. Am 13. Oktober übergibt er sein Haus in Thomasberg den neuen Besitzern und zieht in der Lennéstraße ein. Vielleicht kocht er auch noch mal. „Ein Freund aus Duisburg hat mich schon gefragt.“ Oder er kümmert sich um ein Waisenhaus in Polen, das er schon seit Jahren unterstützt. Oder er fährt mit seiner Harley Springer durch das Siebengebirge. Er weiß es noch nicht. Er möchte sein Leben genießen. Nicht mehr jeden Tag bis Mitternacht arbeiten. Er hat in den 33 Bonner Jahren noch keinen Tag Urlaub gemacht. Noch ist er kraftvoll und fit, alles zu tun. Er will für seine Lebensgefährtin Anna und ihren Sohn Casper da sein. Am Montag wird er 56. Er möchte frei sein.