Zehnmillionen Radfahrer auf Kennedybrücke

ADFC fordert in Bonn Rheinbrücke ohne Autos

Bonn. Susanne Reichart-Petersenn ist die zehnmillionste Radfahrerin, die den Rhein über die Kennedybrücke überquert, seit 2015 die Zählstellen eingerichtet werden. Aus Sicht des ADFC zeigt das den Bedarf einer weiteren Brücke.

Auf dem Fahrradhelm ein neongelber Überzug, eine regenfeste Hose und ein wasserdichter Rucksack, in dem alle wichtigen Utensilien verstaut sind: So macht sich Susanne Reichart-Petersenn morgens auf den Weg zur Arbeit, wenn es in Bonn regnet. Auf dem Fahrrad geht es sieben Kilometer von Dottendorf nach Beuel und wieder zurück. „Immer über die Kennedybrücke“, erzählt sie, während ihr gerade Mitglieder des ADFC eine neue Fahrradtasche in das Körbchen auf dem Gepäckträger stellen. Die 48-Jährige ist die zehnmillionste Person, die seit 1. April 2015 mit dem Fahrrad die Brücke überquert. Zumindest ungefähr, denn die Zahl zu errechnen ist gar nicht so einfach.

Die beiden Fahrradbarometer, die auf jeder der Brückenseiten stehen, messen unabhängig voneinander – und der Tageszähler wird jeden Tag zurückgesetzt. „Es sollte ungefähr hinhauen, Donnerstagabend stand der Zähler bei 999 802“, sagt Werner Böttcher von der Bonner Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC). Ob Reichart-Petersenn nun wirklich die Zehnmillionste ist, ist für ihn zweitrangig. „Es geht auch darum, auf die Probleme der Radfahrer in Bonn hinzuweisen.“ Und für eine an vielen Stellen der Stadtverwaltung als kühn abgetane Sache zu werben: eine vierte, reine Fahrrad- und Fußgängerbrücke über den Rhein.

Positives Beispiel: Straßburg

Um davon eine Vorstellung zu bekommen, muss man den Rhein etwa 370 Kilometer hinauffahren. Dort verbindet die „Brücke der zwei Ufer“ seit 2004 die Städte Straßburg und Kehl, Autos sind auf ihr Tabu. Sie besteht aus zwei Stegen: Der eine, 387 Meter lang, ragt weit über die Uferkanten ins Land hinein. Der andere Steg ist etwa 100 Meter kürzer und etwas schmaler. Beide verbindet in der Rheinmitte eine etwa zwölf Meter breite Aussichtsplattform. Insgesamt 72 Seile, die über den Stegen gespannt sind, und zwei Pfeiler im Flussbett tragen die Brücke. Kostenpunkt: 21 Millionen Euro.

„Solche Verbindungen sind so attraktiv, dass sie die Erreichbarkeit der Innenstadt ohne Nutzung des Autos stark verbessern“, sagt Böttcher. Das Bonner Pendant soll laut ADFC zwischen Kennedy- und Südbrücke liegen, damit es eine direkte Verbindung zwischen den Wohnvierteln Beuels mit den vielen Büros auf der Bonner Rheinseite gibt. Die Idee ist nicht neu, schon 2012 gab es einen Vorstoß im Verkehrsentwicklungsplan. „Wie viele andere Maßnahmen wurde die Brücke aber nicht weiter verfolgt“, weiß Regina Jansen vom Stadtplanungsamt.

Rücksichtsvoller sein

Und das, obwohl der Radverkehr nachweisbar wächst: Die 15 Dauerzählstellen im Stadtgebiet erfassten 2018 etwa 8,4 Millionen Radfahrer, ein Jahr zuvor waren es rund 7,5 Millionen. Wie wichtig die Kennedybrücke für Radfahrer ist, zeigen die Daten, die rund um die Uhr durch die beiden Zähler an den Brückenköpfen erhoben werden (siehe Infografik). „Sie ist so etwas wie die Reuterstraße für Fahrräder“, sagte Axel Mörer vom ADFC. Für ihn ist die Kritik, dass es sich bei den beiden Fahrradbarometern, die es zusätzlich zu den Zählstellen gibt, um Steuerverschwendung handelt, nicht nachvollziehbar. „Die Infodisplays sind Öffentlichkeitsarbeit für das Radfahren, weil die Zahlen dadurch für alle sichtbar gemacht werden.“

Nach Auswertung der Statistiken lasse sich der Schluss ziehen, dass vor allem Pendler zu Berufsverkehrszeiten über die Kennedybrücke fahren – so wie Susanne Reichart-Petersenn. Sie sieht das größte Problem beim Radfahren in Bonn nicht in der Infrastruktur, sondern im Miteinander auf der Straße. „Autos nehmen Radfahrer nicht immer wahr, sie könnten auch rücksichtsvoller sein“, sagte sie.