"Rudi Dutschke Bonns"

68er-Studentenführer Hannes Heer kommt zurück nach Bonn

Hannes Heer galt in der Studentenbewegung der 68er als Rudi Dutschke Bonns. Am 4. Mai kommt er in die Bundesstadt. Über die damalige Zeit und die Elterngeneration spricht er im Interview.

Er war einer der Studentenführer der Achtundsechziger, einer der zornigen jungen Leute, die die Revolte gegen das Nazi-Erbe in der Bundesrepublik anstießen: der Historiker, Regisseur und Publizist Hannes Heer. In seiner ehemaligen Universität zeigt er nun seine filmische Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater.

68ern wird gerne vorgeworfen, sie hätten den Faschismus bekämpft, aber nicht vor der eigenen Haustür gekehrt...

Hannes Heer: Den Kampf gegen den Faschismus zu führen, haben wir nie beansprucht. Ich spreche für die zwischen 1941 und 1948 Geborenen. Wir haben uns am damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger und dem vormaligen Chef des Kanzleramts, Hans Globke, gerieben. Aber wir haben auch gegen den Vietnam-Krieg protestiert, weil das, was dort passierte – Folterungen, Massenbombardements und Ausrottungen – uns an das erinnerte, was Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg in ganz Europa angerichtet hatte.

Wurde denn über die Nazizeit in den Familien gesprochen?

Heer: Nein. Wir kamen alle aus Familien, in denen geschwiegen oder gelogen wurde. Wer falsche Fragen stellte, erhielt Schläge. Wir sind mit dem Gefühl aufgewachsen, nicht richtig in der Welt zu sein.

Mit Ihrem Film „Mein 68“ schrieben Sie 1988 einen „verspäteten Brief“ an Ihren Vater.

Heer: Ja, zuerst wollte ich nur meine ehemaligen Genossen erzählen lassen. Aber nach drei Drehtagen stellte ich fest: Das ergab nur Schrott – Veteranengewäsch und persönliche Heldengeschichten. Also habe ich im Film auf einen Brief reagiert, den mir mein Vater 1968 tatsächlich geschickt und mit dem er mich enterbt hatte. Damals antwortete ich ihm nicht. Nun zeigte ich ihm meine Bilder und erklärte ihm, warum ich die Gruppe des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) 1966 in Bonn gegründet hatte.

Und taucht Ihr Vater in Ihrem Film auf?

Heer: Fünfmal erscheint ein ihm ähnlicher Schauspieler, der kein Wort sagt. Und den spreche ich an. Wobei es auch andere Perspektiven und historische Einspielungen gibt.

Haben Sie den Film Ihrem Vater gezeigt?

Heer: Ja, gemeinsam mit meiner Mutter. Er ist dann wortlos gegangen und hat sich nie dazu geäußert. Dabei hatte ich versucht, eine gemeinsame Basis zu finden.

Warum sagen Sie, Ihr Vater sitze auch jetzt noch an Ihrem Tisch?

Heer: Der Vater sitzt da als „Erlöster“, genauso wie ich. Denn als ich ihn später, als er dement war, besuchte, wiederholte er unter vielem Nonsens immer wieder diesen Satz: Hast du eine feste Stelle? Das schlug bei mir irgendwann ein wie ein Blitz: Er war also immer auch der sorgende Vater gewesen, als ich von der Uni flog oder Berufsverbote erhielt. Da hat er sich gequält, was mit seinem Jungen wird. Das war für mich die Wende.

Waren die 68er nicht auch die Söhne und Töchter ihrer Eltern?

Heer: Ich hatte früher immer gedacht: Du bist ganz nach deiner belesenen Mutter gekommen. Und dann wurde mir klar, dass ich mehr nach dem Vater geraten bin: Dominant in mir sind die Kraft und der Witz des Vaters. Ich bin zwar kein Attentäter, kein Mitglied der Rote-Armee-Fraktion (RAF) geworden. Aber die Härte, zum Beispiel aus der Familie auszusteigen, und ein alltäglicher Kern von Gewalt, die sind in mir auch drin.

Wie waren 1988 und wie sind heute die Reaktionen auf Ihren Film?

Heer: 1988 lebte noch ein Publikum, das mit Notstandsgesetzen und Vietnamkrieg etwas anfangen konnte. Heute ist mein Film für Jugendliche wie eine Reise in ein unbekanntes Land, aber mit Anknüpfungspunkten. Die staunen: Was habt ihr euch damals für Freiräume erkämpft.

Sind heute die 68er nicht zum Schimpfwort geworden?

Heer: Ja, aber das begann schon mit dem ersten Jubiläum. Neu ist nur die rechtsradikale AfD im Bundestag, die uns quasi als Untermenschen bezeichnet – „moralisch verrottet und grün versifft“. Dann gibt es diejenigen, die schon immer behaupten, '68 sei bloß unsere Legende zur Selbstheroisierung. Darüber kann ich nur lachen.

Rechtspopulistische Parteien wie die AfD erreichten bei der vergangenen Bundestagswahl im Herbst 12,6 Prozent. Da lachen Sie sicher nicht?

Heer: Nein. Wenn jetzt eine Revision unseres Geschichtsbildes verlangt wird, dann versuchen Neonazis den 1933 bis 1945 begangenen Zivilisationsbruch ungeschehen zu machen. Und heute muss man leider die Intellektuellen mit der Lupe suchen, die sich dagegen auflehnen. Es gibt sogar Mitstreiter von damals, die dieses unsägliche Manifest „Erklärung 2018“ unterzeichnen.

Warum sehen manche Altlinke heute Deutschland vor dem Untergang?

Heer: Das kann ich nicht erklären. Jeglicher Nationalismus und der Gedanke, Menschen wegen ihrer Herkunft oder Religion auszuschließen, sind uns damals immer zuwider gewesen.

Hannes Heer spricht am Freitag, 4. Mai, ab 18 Uhr im Hörsaal 1 des Unihauptgebäudes, Am Hof 1, über „Mein 68. Der Aufstand gegen die Nazi-Generation“. Im Anschluss wird sein Film gezeigt. Anmeldungen unter 02 28/77 33 55 oder per E-Mail an vhs@bonn.de.