Keine Erinnerung an die Tat

16-Jähriger stach mit Messer zu

BONN. "Ich war fassungslos und konnte es nicht glauben." Schockiert war ein 16-Jähriger nach eigenen Angaben, als ihm eröffnet wurde, dass er mit einem Messer einen Gleichaltrigen beinahe getötet hatte.

Seit Freitag muss sich der junge Angeklagte vor allem wegen zweifachen versuchten Totschlags vor den Richtern der Jugendschwurgerichtskammer verantworten. An das Geschehen vor dem Petrus-Krankenhaus in der vergangenen Silvesternacht vermag sich der Jugendliche laut einer von seinem Verteidiger Michael Hakner verlesenen Erklärung allerdings nicht mehr zu erinnern. Darin heißt es: "Trotz gehöriger Anstrengungen habe ich keine Erinnerung daran, was vor dem Nachtbus passiert ist."

Die Anklage geht davon aus, dass der 16-Jährige und ein 20 Jahre alter Freund - der wegen gefährlicher Körperverletzung mit auf der Anklagebank sitzt - im Nachtbus 5 vom Hauptbahnhof Richtung Röttgen mit anderen Jugendlichen aneinandergerieten. Offenbar ging es darum, dass sie dabei Mädchen zu nahe kamen. Der Streit schien beendet, als das Duo an der Haltestelle Bonner Talweg den Bus verließ - doch auch Teile der aus insgesamt etwa 15 Personen bestehenden Gruppe stiegen aus.

Der mitangeklagte 20-Jährige gab zu, im Bus einen Holzstab auf die Jungen aus der anderen Gruppe geworfen zu haben. Vor dem Bus hätten diese dann den Stock auf sie zurück geworfen. Daraufhin sei die Situation eskaliert: "Wir haben uns auf einmal geprügelt", so der 20-Jährige, der einräumte, geschlagen und getreten zu haben. Dass der 16-Jährige mit einem Messer um sich gestochen haben soll, will er nicht mitbekommen haben.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der 16-Jährige drei Personen mit dem Messer verletzte. Das Leben des 16 Jahre alten Hauptopfers konnten Ärzte nur durch eine Notoperation retten. Es verlor unter anderem die linke Niere, ein Stich schrammte laut Anklage außen am Herzbeutel vorbei.

An all das kann sich der Angeklagte, der erst vor zwei Jahren nach Deutschland kam, nachdem er von Schleppern eingeschleust wurde, offenbar nicht mehr erinnern. Der in einem Heim lebende und sehr gut Deutsch sprechende 16-Jährige erzählte, dass er den Silvesterabend mit Freunden am Rhein verbrachte. Dabei habe er Bier und - zum ersten Mal in seinem Leben - auch Wodka getrunken. Auf dem Rückweg vom Rhein fühlte sich "plötzlich alles so komisch an".

Bis heute könne sich sein Mandant nicht vorstellen, dass er jemanden mit einem Messer verletzt habe. Der 16-Jährige wisse gar nicht, was für ein Messer er benutzt haben soll. Nach eigenen Angaben hatte der Jugendliche kein Messer bei sich, als er zum Feiern aufgebrochen war. In der Erklärung heißt es: "Wenn ich es aber doch war, werde ich dafür gerade stehen und die Konsequenzen tragen." Der Prozess wird fortgesetzt.