Eröffnungsmatinee des Beethovenfests

„Jetzt wendet er sich an die Menschheit“

Konstantin Scherbakov spielte die „Eroica“.

Konstantin Scherbakov spielte die „Eroica“.

Bonn. Nike Wagner spricht bei der Eröffnungsmatinee des Beethovenfests in der Uni-Aula über die "Eroica" Konstantin Scherbakov liefert die Musik dazu

„Warum die 'Heroische' so prominent platzieren, in Zeiten, wo uns die eher unheroischen Ideale der Demokratie wieder stärker beschäftigen müssen?“, ist eine Frage, die in Bezug auf Beethovens dritte Sinfonie, die „Eroica“, durchaus ihre Berechtigung zu haben scheint. Nike Wagner, Intendantin des Beethovenfestes, stellte sie in der voll besetzten Uni-Aula zu Beginn ihres traditionellen Vortrags, mit dem sie die inhaltlichen Haupt- und Nebenwege des Festivals erläutert.

Auch Wagner umkreiste in ihren Vortrag das Werk, klopfte es ab auf seinen musikalischen und politischen Gehalt, auf sein Potenzial als Ideenkunstwerk auf der einen Seite und auf die Gefahren der missbräuchlichen Nutzung auf der anderen Seite, etwa als „Steilvorlage für alle möglichen heldischen Ideologien“, darunter auch die nationalsozialistische.

Das Beethovenfest steht in diesem Jahr unter dem Motto „Revolutionen“, und die „Eroica“ ist hier sozusagen der Fixstern, um den das inhaltlich ambitionierte Programm kreist. Wagner versteh sie als Ausdruck des revolutionären Geistes, der auch Beethoven seit seinen Bonner Tagen erfasst hatte. Beethoven, so Wagner, hoffte, dass Napoleon, der sich 1799 in einem Staatsstreich zum Ersten Konsul Frankreichs und damit zum Alleinherrscher emporgeschwungen hatte, die Ideale der Revolution wieder von „Blut und Terreur retten und in einen neuen republikanischen Code civil verankern würde“.

Er war ein Mann, so Wagner, „der nicht durch Privilegien an die Macht gekommen war, sondern allein durch sein – auch militärisches – Genie“. Der Code civil wurde zwar Realität, doch nachdem Napoleon sich zum Kaiser krönen ließ, radierte Beethoven seine Widmung an Napoleon aus. Doch die Gründe dafür waren vielfältig und ein Bewunderer Napoleons blieb Beethoven auch darüber hinaus.

Mit der „Eroica“ habe der ertaubende Beethoven auch sein persönliches Rettungsmuster gefunden, sagte Wagner. Und mit ihr fand er einen neuen Ton: „Ab jetzt wendet er sich an die Menschheit.“ In der Uni-Aula lieferte der phänomenale Konstantin Scherbakov die Musik dazu. Er zählt zu den wenigen Pianisten, die keine technischen Limits haben. Der aus Sibirien stammende Schweizer navigierte seine Hörer vor dem Vortrag äußerlich mit stoischer Gelassenheit, aber spielerisch mit Brillanz und Temperament durch die „Eroica“-Variationen.

Atemberaubend im Anschluss an Wagners Vortrag dann seine Darbietung der „Eroica“ in der Klavierfassung von Franz Liszt. Er brachte die Sinfonie zum Leuchten, gestaltete die Stimmen mit absoluter Präzision und größter Transparenz. Auf dem Weg zum fulminanten Finale, das er streckenweise mit der Lebendigkeit und pianistischen Brillanz eines Ungarischen Tanzes versah, ging kein Ton verloren. Standing Ovations.