Flüchtlinge und Wohnen in Bonn

„Integration gelingt nur in intakter Nachbarschaft“

Sozialer Wohnungsbau an der Straße Auf dem Hügel: Der letzte Block der Neubauten steht im Rohbau.

Sozialer Wohnungsbau an der Straße Auf dem Hügel: Der letzte Block der Neubauten steht im Rohbau.

BONN. Schon jetzt ist preiswerter Wohnraum knapp. Immobilienwirtschaft und Kommunen fehlen verlässliche Daten für die Planung.

„Egal was wir prognostizieren, wir können nur falsch liegen“, sagt Michael Voigtländer. Der Leiter des Kompetenzfeldes Finanz- und Immobilienmärkte am Institut der Deutschen Wirtschaft und Dozent an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg ist es eigentlich gewohnt, exakte Berechnungen vorzulegen. Doch diesmal muss der Wirtschaftswissenschaftler passen.

„Es gibt keine verlässlichen Daten, mit denen wir arbeiten können. Die Zahlen, die wir unseren Untersuchungen heute zugrunde legen, sind in zwei Wochen schon längst nicht mehr aktuell“, beschreibt er das Dilemma. Als Referent bei Heuer Dialog, einem Netzwerkspezialist und Veranstalter für die Immobilien-, Bau- und Finanzwirtschaft, diskutierte er in Bonn mit Experten aus dem ganzen Bundesgebiet darüber, wie Immobilienwirtschaft und Kommunen gemeinsam genügend Wohnraum für Flüchtlinge schaffen können.

Während Städte und Gemeinden noch mit der Erstunterbringung beschäftigt sind, zeichnet sich schon die nächste Herausforderung ab: Diejenigen, die bleiben, werden sich eine Wohnung suchen müssen. Schon jetzt sind preiswerte Wohnungen allerdings Mangelware. „Auch Bonn wird in den nächsten Jahren weiter wachsen. Und mit dem Zuzug neuer Einwohner wird sich die Situation auf dem lokalen Wohnungsmarkt noch einmal deutlich verschärfen“, prophezeit Voigtländer.

Seiner Einschätzung nach müssten in Bonn bis 2020 jährlich mindestens 2500 neue Wohnungen gebaut werden, insgesamt also rund 12.500. Abhängig von der Zuweisung würden von dem jährlichen Bedarf etwa 600 allein für Neubürger benötigt. Diese Prognose wird auch von der NRW-Bank gestützt. Sie geht davon aus, dass in Bonn allein dieses Jahr ein Zusatzbedarf von 2000 bis 4000 Wohnungen besteht.

„Schon zwischen 2010 bis 2014 wurde hier zu wenig gebaut. Das rächt sich jetzt“, sagt Voigtländer. Denn Flüchtlinge, die in Deutschland bleiben dürfen, betreten den regulären Wohnungsmarkt. Wie sich das auf die Mietpreise auswirkt, hängt davon ab, wo sich die Zuwanderer niederlassen: In Ballungsgebieten – wo die Jobchancen besser sind – ist der Markt enger als in strukturschwachen ländlichen Regionen.

2015 wurden in Bonn 1045 neue Wohnungen (plus 0,62 Prozent) errichtet, seit 2011 ist die Zahl um 3903 gestiegen. Der Anteil der Sozialwohnungen liegt aktuell bei 12.447. Um den stetig steigenden Bedarf an gefördertem Wohnraum zu decken, müssten pro Jahr rund 1000 neue Sozialwohnungen geschaffen werden. Vor der Flüchtlingswelle ging die Stadtverwaltung von einem jährlichen Bedarf von 650 bis 800 Wohnungen aus.

Doch nicht allein das Fehlen verlässlicher Zahlen macht die Planung für Immobilienwirtschaft und Kommunen so schwierig. „Wir wissen auch nicht, wer zu uns kommt“, sagt Voigtländer. „Wie alt sind die Zuwanderer, aus welchen Ländern kommen sie, planen sie langfristig eine Rückkehr oder wollen sie ihre Familien nachholen?“ Ohne detaillierte Angaben sei es schwer, bedarfsorientiert zu kalkulieren. Zudem seien die politischen Entwicklungen in Deutschland, in Europa und auf der Balkanroute nicht absehbar.

Einig sind sich die Fachleute darin, dass man jetzt flexible Lösungen forcieren muss. „Von der Erteilung einer Baugenehmigung bis zum Baubeginn vergeht viel zu viel Zeit. Wir brauchen angesichts der momentanen Herausforderungen schnelle Ergebnisse“, so Voigtländer. „Zwischen Containerdorf und Neubaustandard gibt es durchaus ordentlichen Wohnkomfort“, ergänzt der Experte. Jetzt seien mutige, innovative und zu realisierende Modelle notwendig. „Wir müssen nicht Wohnraum schaffen, der 100 Jahre Bestand hat, sondern solchen, der schnell genutzt werden kann.“

Für Rolf Müller vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in Bonn dürfen allerdings nicht nur Neubauten in Betracht gezogen werden. Vielmehr müsse man seitens der Behörden auch offen für den Umbau von Bestandsimmobilien sein. So seien der Ausbau von Dachgeschossen oder die Aufstockung um weitere Etagen sinnvolle Optionen. Diese Maßnahmen könnten zwar einen Neubau nicht ersetzen, aber sie würden den Druck ein wenig abfedern. „Wir müssen Wohnraum für alle und nicht nur für Flüchtlinge schaffen“, fordert er.

Auf keinen Fall dürfe man die verschiedenen Gruppen gegeneinander ausspielen. Um nicht die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen, müsse zudem eine Gettoisierung an den Stadträndern verhindert werden. „Integration kann nur in einer intakten und vielseitigen Nachbarschaft gelingen“, ist Müller überzeugt. Deshalb seien nicht temporäre Lösungen gefragt, sondern langfristige Unterbringungen das Ziel.

Rund 160.000 Flüchtlinge sind derzeit in bundeseigenen Liegenschaften der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) untergebracht, 40.000 davon in Kasernen. Auch die Ermekeilkaserne fällt unter die Zuständigkeit der Bima. Dort mussten gerade erst 340 Flüchtlinge ausziehen. „Wir sind nicht die Bösen der Nation“, wehrt sich Lutz Leide, „aber auch wir müssen uns an Rahmenbedingungen und Richtlinien halten.“ Deshalb habe die Bima auch keine andere Wahl gehabt, als das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) an der Ermekeilstraße Anfang März ein Ankunfts- und Entscheidungszentrum eingerichtet hatte und die Flüchtlinge dafür Platz machen mussten. „Das tut mir für die Menschen und für die Stadt unendlich leid, aber wir sind an Gesetze gebunden. Wir haben keinen Handlungsspielraum“ , sagt Leide. Die Bima tue, was sie könne, aber „auch wir können nicht alle Probleme lösen“.

Eine Alternative zur Unterbringung in Containern oder Turnhallen ist die Errichtung von Holzhäusern. Auch wenn der Bonner Stadtrat ein entsprechendes Vorhaben gerade aus Kostengründen abgelehnt hat, sind Holzhäuser für Kay Zetzsche eine ideale Lösung. „Sie sind nachhaltig, innerhalb von zwölf Wochen bezugsfertig und können bei Bedarf wieder abgebaut und für andere kommunale Nutzungen eingesetzt werden.“ Doch bei allen schnellen Lösungsvorschlägen gibt es für Michael Voigtländer nur einen einzigen Weg: „Wir müssen deutlich mehr bauen, um alle Probleme zu lösen.“