Flüchtlinge als neue Nachbarn

„Ich will mein Land wieder aufbauen, wenn der Mörder Assad weg ist“

Familie Albarazi (von links): Vater Abdulraheem, Sahar, Amro und Mutter Aimera Othmann.

Familie Albarazi (von links): Vater Abdulraheem, Sahar, Amro und Mutter Aimera Othmann.

Bonn. Abdulraheem Albarazi und seine Familie sind aus Syrien nach Bad Godesberg geflohen. Sie sind dankbar für die Hilfsbereitschaft, die sie erfahren haben. Und doch ist der Alltag in Deutschland nicht einfach – vor allem für die Mutter.

„Guck mal, dieses Puzzle können wir schon ganz schnell lösen“, sagt die achtjährige Sahar Albarazi in fast fehlerfreiem Deutsch und zeigt auf dem Wohnzimmertisch das Bild des kleinen Eisbären Lars. Brüderchen Amro nickt und holt einen weißen Plüschbären. „Ich habe auch einen Lars“, meint er strahlend. Der Fünfjährige hat, nachdem er die fremde Reporterin erst vorsichtig beobachtet hat, Vertrauen gefasst. Und schafft jetzt seine Tafel herbei, auf der er Früchte und Gemüsesorten deutsch und arabisch zu benennen lernt. Was das ist? „Eine Tomate“, antwortet er. Das arabische Wort fällt dem kleinen Syrer fast schwerer als das deutsche.

Amro hat gleich nach seiner Geburt Schlimmes mitgemacht. „Er hat unter dem Bombenhagel in Syrien und dann in unserer Wartezeit in der Türkei kein Wort gesprochen“, erinnert sich Vater Abdulraheem Albarazi. 2014, als die Familie es nicht mehr im Kriegsgebiet aushielt, floh sie aus der Heimat und harrte mit anderen zusammengepfercht in kleinen Zimmern in der Türkei aus. „Alles wegen Diktator Assad. Solange der an der Macht ist, wird es immer IS-Terror geben“, sagt Albarazi wütend.

Sie kamen dank einer Verpflichtungserklärung

Im Oktober 2015 kam die Familie dank der Verpflichtungserklärungen von Mitgliedern der Syrienhilfe der Godesberger Johannes-Kirchengemeinde nach Deutschland, ohne übers Mittelmeer fliehen zu müssen. „Wir werden diesen Tag nie vergessen. Ich war mit meiner Familie endlich in einem demokratischen Land“, sagt Albarazi. Schweigen im Wohnzimmer. Andere Angehörige habe es in alle möglichen Länder versprengt, sodass seine Frau Aimera Othman sogar ihren sterbenden Vater nicht mehr habe sehen können. „Jetzt kann ich auch meiner alten Mutter nicht helfen“, sagt Othman. Die Mutter sei in Saudi-Arabien auf sich gestellt.

Das Paar blickt zur typisch deutschen Schrankwand und den anderen Möbeln. „Alles Geschenke von freundlichen Bonnern“, sagt Albarazi dankbar. Seine 37-jährige Frau versteht das Gespräch, muss sich aber noch jedes deutsche Wort genau überlegen. Dafür plappert Amro umso eifriger auf Deutsch. „Ich weiß das aus dem Kindergarten“, erklärt der Fünfjährige. Erst als sich sein Sohn hier in Bonn habe sicher fühlen können, sei bei ihm sprachlich der Knoten geplatzt, berichtet der Vater. Ein hiesiger Logopäde helfe weiter. „Und der Uwe“, ergänzt Amro selbst. „Der ist im Kindergarten.“ „Der Uwe“ sei Amros netter Erzieher, verdeutlicht die Mutter. Der Kleine gehe jeden Tag gerne in die Einrichtung.

Er packt an, wo er gebraucht wird

Aber bis heute plagten denselben quirligen Amro nachts Alpträume, berichtet der Vater dann. Der Bruder stoße nachts Angstschreie aus, schaltet sich die Schwester ein. „Ich muss mir dann die Ohren zuhalten.“ Die Albarazis hatten ab Oktober 2015 das Glück, bei einem hilfsbereiten deutschen Paar unterzukommen. Sie sind den beiden alten Leuten dafür dankbar. Als die Dame erkrankte und die Zimmer für eine Pflegerin brauchte, habe er für seine Familie eine neue Bleibe gefunden, berichtet Abdulraheem Albarazi. „Der Sohn des freundlichen Paars, Alexander, ist mein bester deutscher Freund.“ Albarazi arbeitet neben seiner Sprachschulung im Bundesfreiwilligendienst in der evangelischen Flüchtlingsarbeit Bad Godesberg. Und zwar sehr aktiv. „Ich will anderen helfen, wie mir selbst geholfen wurde“, begründet der 37-Jährige sein Engagement auch mit Blick auf den Koran.

Er packt an, wo er gebraucht wird: in der Flüchtlingsunterkunft, der Kleiderkammer, beim Übersetzen oder bei der grafischen Gestaltung von Plakaten. Ja, er betrete natürlich auch christliche Kirchen, sei schon in Gottesdiensten und mit der Familie in Theaterstücken gewesen. „Wir sind tolerante Muslime. Für uns ist die Wertschätzung aller Religionen selbstverständlich“, formuliert Albarazi Wort für Wort.

Albarazi sagt, was er denkt

Er sei Elektriker und Buchhalter und wolle sich, wenn er seine nächste Sprachprüfung bestanden habe, in der Solar- und Windenergie weiterbilden. „Ich will doch mein Land wieder aufbauen, wenn der Mörder Assad weg ist.“ Nebenbei erläutert er, wie zynisch er die Haltung des US-Präsidenten Donald Trump findet. Er entrüstet sich über die Gewaltexzesse von Migranten in der Silvesternacht am Kölner Dom. „Mein Mann hat immer Politik im Kopf und sagt, was er denkt“, meint Othman. In Syrien habe er dafür schon über Wochen im Gefängnis gesessen.

Wie erlebt die Familie ihre deutschen Mitbürger? „Sie sind sehr freundlich“, sagt der Vater. Die Deutschen, die ihnen mit ihren Verpflichtungserklärungen die Einreise ermöglicht hätten, seien so gut wie die Mutter Gottes. Sie habe jetzt auch eine deutsche Freundin in der Klasse, berichtet Sahar. „Vielleicht lädt sie mich zum Geburtstag ein.“ Die Augen der Achtjährigen leuchten. Es gebe natürlich auch Mädchen, die ließen sie neidisch spüren, dass die Klassenlehrerin sich anfangs mehr um sie gekümmert habe. „Aber da konnte ich doch noch kein Deutsch.“

Die Mutter will einen neuen Kurs besuchen, im alten hatte sie Schwierigkeiten

Und wie sieht die Mutter die Lage? Endlich entschließt sich die 37-Jährige, ebenfalls zu antworten. Mehr als ein paar Gespräche auf dem Spielplatz habe sie mit deutschen Frauen noch nicht geführt, gibt Othman zu. Sie komme sprachlich noch nicht weiter, sagt die Frau, die in Syrien Kunst studierte. Und ihren ersten Integrationskurs habe sie abgebrochen: „Der Leiter war nicht gut zu mir.“ Der Mann sei über Muslime hergezogen, deren Männer hätten ja wohl alle mehrere Frauen zu Hause, übersetzt der Ehemann. Dazu habe der Kursleiter sie „auf dem Kieker“ gehabt, „weil ich ein Kopftuch trage“, sagt Aimera Othman leise. Seitdem traue sie sich kaum mehr, alleine mit der U-Bahn zu fahren. Ja, antwortet sie dann, sie habe dem Kursveranstalter das Vorgefallene berichtet. Und jetzt werde sie einen neuen Kurs bei einer Frauenorganisation beginnen. „Denn die werden mich schützen.“