Jugendarbeit in Bonn

„Es tut sich was in Tannenbusch“

Franziska Kluge (29) und Younis Kamil (32) kommen über die Sportangebote der Rheinflanke mit den Jugendlichen Tannenbuschs in Kontakt.

Franziska Kluge (29) und Younis Kamil (32) kommen über die Sportangebote der Rheinflanke mit den Jugendlichen Tannenbuschs in Kontakt.

Tannenbusch. Obwohl es kaum Platz für Besucher hat, ist das kleine Rheinflanke-Büro des Sportwissenschaftlers Younis Kamil und seiner Kollegin Franziska Kluge, im ersten Stock des Awo-Gebäudes neben dem Tannenbusch-Center, eine Anlaufstelle für Jugendliche, die Rat und Hilfe suchen.

Obwohl es kaum Platz für Besucher hat, ist das kleine Rheinflanke-Büro des Sportwissenschaftlers Younis Kamil und seiner Kollegin Franziska Kluge, im ersten Stock des Awo-Gebäudes neben dem Tannenbusch-Center, eine Anlaufstelle für Jugendliche, die Rat und Hilfe suchen.

„Unser Sportangebot nutzen wir, um Beziehungen aufzubauen“, sagt Younis Kamil (32). „Bei unserem Liga-Programm wollen wir ja auch, dass die Jugendlichen Verantwortung übernehmen und sich selbst organisieren“, ergänzt die 29-jährige Erlebnispädagogin Kluge. So verlange etwa die Ferien-Liga mit den zehn Fußballteams aus Tannenbusch und anderen Bonner Stadtteilen den 120 beteiligten Jugendlichen vor allem Zuverlässigkeit und Selbstorganisation ab.

„Wir sind ja nicht hier, um die Jugendlichen zu beschäftigen, dafür gibt’s Spiel- und Bolzplätze. Wir haben den ganz klaren Auftrag, Jugendhilfe zu leisten“, betont Kamil und sieht dafür in Tannenbusch einen zunehmenden Bedarf, „weil viele der aus Nordafrika, Ägypten, Palästina, Israel, Jordanien, Libanon, Syrien oder dem Irak stammenden Eltern ihren Kindern mangels Sprachkenntnissen und ihrem eigenen Bildungshintergrund nicht helfen können“. Der Sportpädagoge der Rheinflanke will für die Jugendlichen Ansprechpartner bei Problemen sein und bietet ihnen konkrete Hilfe bei der Jobsuche, oder dem Finden eines Schul- oder Ausbildungsplatzes an.

Peer-Education greift

Kaum einer der Jugendlichen wüsste, wie viele Möglichkeiten in Deutschland gegeben seien. Viele brauchten auch einen Vermittler zwischen sich und der Schule, „weil sie mit den Autoritäten in der Schule nicht zurechtkommen“. Oft gäbe es in den Schulen oder im Jobcenter Aggressionen von beiden Seiten, die durch eine Begleitung der Jugendlichen durch Kamil oder Kluge nicht nur entschärft würden, sondern auch dazu führten, dass die Jugendlichen überrascht feststellten, dass ihre Berater „ja eigentlich ganz nett“ seien. „Es tut sich was in Tannenbusch“, ist Younis Kamil überzeugt und legt dar, dass sich in den letzten fünf Jahren viel verändert habe. Er will es nicht alleine den Aktivitäten der Rheinflanke zuschreiben, dass eine Gruppe von Jugendlichen, die damals auf der Realschule waren, inzwischen alle Abitur gemacht hätten und „etwa sieben oder acht von ihnen nun studieren“, aber für Kamil ist es deutlich, dass etwas passiert.

Die „Peer-Education“, das Lernen von Gleichaltrigen, die eine Vorbildfunktionen einnähmen, greife. „Etwas, was ich an Tannenbusch sehr zu schätzen weiß“, kommentiert Kamil diese Entwicklung und fügt hinzu, dass er selbst gerne mit seiner Familie von Godesberg nach Tannenbusch ziehen würde, wenn nicht seine Kinder dort bereits in die Schule gingen. „Hier sind die Jugendlichen füreinander da und unterstützen einander. Sie liefern ihre Freunde bei uns an der Tür ab, wenn einer Hilfe braucht.“ Der Zusammenhalt der Jugendlichen erinnert Younis Kamil an seine Kindheit im Sudan, wo man draußen lebte und sich umeinander kümmerte. „Dort konnten sich die Eltern darauf verlassen, dass die Gesellschaft mit erzieht“, wovon auch in Tannenbusch viele Eltern der Migrantenfamilien ausgingen und sich mangels besserer Kenntnis darauf verließen, dass ihre Kinder außerhalb ihrer Wohnungen in ihrem Fehlverhalten korrigiert würden.

Jugendliche sind auf sich selbst gestellt

Doch das Gegenteil sei der Fall, weiß Younis Kamil, niemand passe auf die Jugendlichen auf. Sie seien sich selbst überlassen. „Sie haben es nie gelernt, sich einzuordnen, sich selbst zu reflektieren oder hart zu arbeiten“, fasst der Sozial- und Sportpädagoge zusammen und verweist auf die guten Erfahrungen mit der Fußball-Liga. Denn dort gehe es nicht nur darum, einen guten Tabellenplatz zu erreichen, sondern „respektvolles Verhalten gegenüber den Gegnern, den Schiedsrichtern oder dem eigenen Team“ zu zeigen. Das beste Team werde sowohl nach seiner Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit, wie auch nach seiner Kommunikationsfähigkeit und Bereitschaft beurteilt, „anzupacken, wenn’s gebraucht wird“.

Anschaulich beschreibt er, wie schwer es für die Jugendlichen sei, ohne Aufforderung „morgens früh aufzustehen, arbeiten zu gehen und sich in der Hierarchie ganz unten anzustellen“. Da sei es viel einfacher, auf die Angebote von Radikalisierung oder Kleinkriminalität einzugehen, die ihnen nicht einmal ein Umdenken, geschweige denn, eine Selbstreflexion abverlangten. Bekanntlich gilt Tannenbusch nicht nur als ein Schwerpunkt für den Drogenhandel in Bonn, sondern neben Bad Godesberg auch als eine Hochburg der Salafistenszene.

Dem entgegenzusteuern, sei ein sehr langer Prozess, von dessen Gelingen Younis Kamil jedoch immer dann überzeugt sei, wenn er beobachten kann, dass die Jugendlichen, die inzwischen studierten oder einen Ausbildungsplatz hätten, mit ihren alten Cliquen zusammen auf der Straße stehen und durch ihre Verbundenheit zu Tannenbusch zu Vorbildern werden, die immer mehr Nachahmer finden.