Der Pate ist 63 Jahre

Über das Lesen sind sie Freunde geworden

Machen beim Lesen gemeinsame Sache: (von links) Eda Mese mit Tochter Sude und Sohn Bilal sowie Dieter Braecker.

BONN. Dieter Braecker trifft sich regelmäßig mit dem Drittklässler Bilal Mese. Der Germanist in der Junge mit türkischen Wurzeln lernen voneinander.

"Dieses tolle Buch lese ich Herrn Braecker gerade vor", sagt Bilal und zeigt den Ritterband der Reihe "1000 Gefahren". Selims Kulturpate Dieter Braecker lächelt. Der 63-jährige Germanist und der kleine Drittklässler mit den türkischen Wurzeln haben selbst längst alle "Gefahren" des Kennenlernens hinter sich.

"Seit zwei Jahren treffen wir uns nun schon jeden Mittwoch. Und es gibt immer wieder viel zu erzählen", sagt Braecker. Und das bei Weitem nicht nur über Bücher. Nach den Ferien werden Urlaubsbilder ausgetauscht. Wenn Schulprobleme anstehen, stecken die beiden auch darüber die Köpfe zusammen. "Ich habe Bilal erzählt, dass ich anfangs ein grottenschlechter Schüler war, bis ein Lehrer mich für Bücher begeisterte", berichtet der Pate, und Bilal grinst.

Auf jetzt sieben vorgelesene Bücher seiner Wahl hat es der Junge inzwischen bei den Treffen schon gebracht. "Und dann durfte ich sie alle mit nach Hause nehmen. Mit einem eigenen Bücherregal."

Selims Mutter Eda Mese nickt. Das Lesepatenprojekt des Vereins "Kultur verbindet" sei eine tolle Sache. Ihr Sohn freue sich jede Woche auf die Treffen mit Dieter Braecker. Über die Liebe zum Buch bildeten sich bislang von drei Bonner Schulen ausgehend Freundschaften zwischen den Kulturen und Generationen, beschreibt Gerrit Oppelland-Hampel das Ziel des Vereinsprojekts.

85 Kinder in drei Jahrgängen würden momentan von 70 Ehrenamtlichen betreut. "Es ist unser Traum, dass die Kontakte nach Auslaufen des an sich einjährigen Projekts auch danach zwischen dem Paten und den Familien weiterlaufen", ergänzt sie. Wie etwa bei Bilal und Herrn Braecker, die nun schon ins zweite Verlängerungsjahr gehen.

Letztens waren die beiden bei einem Projektausflug auch gemeinsam im Kunstmuseum. "Auch im Unterricht ist Bilal inzwischen viel besser geworden", sagt seine Mutter stolz. Auch Schwesterchen Sude profitiere in letzter Zeit. "Bilal liest mir nämlich mein Prinzessinnenbuch vor", berichtet Sude. Der Bruder streicht über sein mit Pflastern beklebtes Knie.

Eben hat er Dieter Braecker von seinem Sturz auf der Schultreppe berichtet. Die Chemie zwischen beiden stimmt. Es sei für diesen Jungen sicher besser, wenn der Kulturpate auch männlich sei, meint Braecker. "Als ich Bilal erzählte, dass auch ich damals auf dem Schulhof manchmal gerangelt habe, war ich ohnehin akzeptiert", sagt er, und Bilal lacht.

Letztens haben die beiden eine alte Uhr auseinandergebaut und geschaut, wie sie funktioniert. Dann waren Kugelschreiber dran. Die Neugier des Jungen gerade auf technische Zusammenhänge ist kaum zu stillen. Aber auch er selbst könne von Bilal lernen, fügt Braecker dann hinzu. "Ja, ich erzähle ihm immer, wie es in der Moschee ist und was wir im Urlaub in der Türkei erleben. Davon hat er keine Ahnung", sagt der Junge strahlend.

Zum Schuljahresschluss wollen die beiden gemeinsam in die Eisdiele gehen. "Und was machen wir, wenn ich nächstes Jahr in die weiterführende Schule muss?", fragt der Junge bang. Dann werde man schon eine Lösung finden, beruhigen die Mutter und der Kulturpate.

"Wissen Sie", sagt Bilal dann mit dem Brustton der Überzeugung, "der Herr Braecker ist nämlich ein Freund von mir."