Kommentar zum Bonner Lead City-Projekt ÖPNV ist ein Dilemma

Bonner sollen mit dem Klimaticket für 365 Euro pro Jahr mit öffentlichen Verkehrsmitteln in der Stadt fahren können.

Bonn. Die Stadt Bonn will ein Jahr lang ein Klimaticket für Bus- und Bahnnutzung einführen, das gerademal einen Euro am Tag kosten soll. Doch es gilt nur innerhalb der Stadtgrenzen. Daher ist das Projekt zum Scheitern verurteilt, findet GA-Redakteur Nicolas Ottersbach.

Es fängt schon damit an, sich durch den Wust der Tarifzonen zu wühlen. Sieben Preisstufen gibt es im Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS). Dazu kommen Tagestickets für eine oder fünf Personen, das Ticket für die Fahrradmitnahme, Monatstickets, die für Azubis oder Senioren günstiger sind. Wer nur ein paar Stationen mehr zurücklegen will, kann sich ein Anschlussticket kaufen. Oder wie wäre es mit dem „Formel9Ticket“? Das ist nichts für Frühaufsteher und gilt montags bis freitags erst ab 9 Uhr.

Bevor man weiß, was man tatsächlich braucht, ist einem die Lust auf den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) vergangen. Ausgerechnet ein Modellprojekt, das nur einem Bruchteil der Verkehrsteilnehmer etwas nutzt, soll nun alles ändern. Die täglich 136.000 Einpendler und 55.000 Auspendler können das Klimaticket gar nicht nutzen, weil es an der Stadtgrenze endet. Die Maßnahmen, die die Stadt Bonn vorschlägt, sind weder kreativ noch werden sie Zehntausende Autofahrer, die durch die Stadt rollen, dazu bewegen, auf Bus und Bahn umzusteigen.

Aus einem einfachen Grund: Die Maßnahmen sind nicht zu Ende gedacht und allenfalls ein Abklatsch dessen, was die Stadt Wien der Welt vormacht. Es mag ja sein, dass nur Bonner von dem Modellprojekt profitieren sollen. Aber es wird niemand sein Auto komplett stehen lassen oder verkaufen, wenn klar ist, dass er es nach einem Jahr wieder braucht, weil dann die Förderung für das 365-Euro-Ticket ausläuft.

Der automobile Individualverkehr wird nur abnehmen, wenn jeder vom ÖPNV dort abgeholt wird, wo er steht. Das bedeutet mehr Busse, mehr Bahnen, mehr Linien – und vor allem günstige Preise, die in der ganzen Region gelten. Das kostet: Wien hat die eigenen Verkehrsbetriebe alleine 2017 mit rund 330 Millionen Euro bezuschusst.

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