Bonner Frauenmuseum

"Schwarze Schokolade" - Eine Ausstellung nicht nur fürs Auge

Bonn.  Wer hinter dem Ausstellungsmotto "Schwarze Schokolade" die Verabreichung greifbarer Gaumenfreuden vermutet, schätzt die Situation nicht unbedingt verkehrt ein: Die aktuelle Vernissage im Frauenmuseum entpuppte sich als "Schokoladenfest", im Museumscafé ausgerufen wird bis zum Jahresende eine "Schokoladenzeit"; nicht zuletzt gibt es temporär schwarze Eintrittkarten.
Detail aus Chris Werners Arbeit 'Berliner Blau', 1987.
								Foto: Museum
Detail aus Chris Werners Arbeit 'Berliner Blau', 1987. Foto: Museum

Im Parterre plätschert ein "Schokobrunnen" (Wolfgang Klaus Maria Friedrich, Köln), dessen weicher Fluss zum Dipp per Spekulatiuskeks einlädt. Diesem lebensnahen Vorspiel leistet in der ersten Etage das vortrefflich in Szene gesetzte Herzstück Folge: "Schwarze Schokolade" nannte sich eine avantgardistische Künstlerinnengruppe, die zur Jahreswende 1979/80 in Berlin-Kreuzberg eine ausgebrannte, neun Jahre verwaiste Schokoladenfabrikruine besetzte und in einen aufsehenerregenden Olymp der Künste verwandelte.

Die Stammmütter der genau vor dreißig Jahren gegründeten feministischen Konspiration sind: Rotraud von der Heide, Lisa Lancelle und Chris Werner, Mitgründerin des 1981 ins Leben gerufenen Bonner Frauenmuseums. Die Künstlerin wirkt als Initiatorin, Organisatorin und Kuratorin. Verklammert werden hier soziokulturelle Forschungsergebnisse, authentische Zeugnisse und Auszüge aus dem gegenwärtigen Schaffen von prominenten Vertreterinnen des Berliner Pionierprojektes.

Infotafeln, Filme, Fotodokumentationen, Archivzitate (etwa Kostüme) und nicht zuletzt der Ausstellungskatalog klären detailliert auf über Entstehungsgeschichte, Aufbruchklima und Wirkungsspektrum einer sich rasch vergrößernden Frauenkongregation, die "Gemeinschaftsarbeit zum Programm erhebt" (Werner).

Unter spartanischen Arbeitsbedingungen tobt sich auf der fabrikinternen "Kunstetage" der fiebrige, vitale und wagemutige Experimentiergeist des "Berliner Frauensommers" (1982) aus; überhaupt angesagt sind etwa wilde, abgefahrene Workshops, Installationen, Environments, Filmvorstellungen, dramatische Aktionen, Straßenspektakel oder Lichtprojektionen. Ein Highlight bildet die von Werner konzipierte Performance "Nebelwanderung" (Berliner Frauensommer, 1982, Documenta, 1987).

Der 2000 durch einen Autounfall ums Leben gekommenen Künstlerin Lancelle gewidmet ist eine mit authentischen Zitaten ("Malorgien" mit Catharina Cosin) bestückte Gedächtnissuite. Packende Ausschnitte aus früheren und aktuellen Filmproduktionen liefert Hochschullehrerin Monika Funke.

Das Titelstichwort "In Bewegung"(textile Skulptur von Ursula Bierther, 2012) bringt die neueren Entwicklungen der heterogenen Künstlerformation auf den Punkt. Deren vielfach aus anderen Kontexten stammende Stichproben seien "der erste Akt einer Art Selbsterforschungsexpedition".

Frauenmuseum Bonn, Im Krausfeld 15, Finissage, Internationaler Frauentag 8. März, 14 Uhr. Di-Sa 14 bis 18 Uhr, So 11 bis 18 Uhr. Katalog 19 Euro.

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