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Im Bonner Kunstverein
Markéta Othová und Ed Atkins gelingt eine denkwürdige Ausstellung
Von Thomas Kliemann
BONN. "Die Bilderflut wird immer schlimmer, das Bilderrauschen ist unerträglich." Wenn eine Kunsvereins-Direktorin, in diesem Fall Christina Végh, so etwas sagt, könnte man ein schweres Problem aufziehen sehen. Lebt doch die Kunstszene von der Präsentation von Bildern.
Die Redundanz ist des Künstlers ärgster Feind. Es sei denn, er macht sie sich zur Verbündeten. In der aktuellen Schau des Bonner Kunstvereins gelingt das wunderbar, mehr noch: Es ist geglückt, zwei Künstler zu finden, die virtuos mit dem Problem einer vermeintlichen Bilderflut umzugehen wissen und es um existenzielle Fragen bereichern; außerdem hat es bislang kaum eine Paarung so geschafft, diesen großen, irgendwie auch schwierigen Raum gemeinsam in den Griff bekommen.
Selbstverständlich ist das nicht: Mit der tschechischen Fotografin Markéta Othová (Jahrgang 1968) und dem britischen Autor und Videokünstler Ed Atkins (1982 geboren) treffen zwei in jeder Hinsicht heterogene Künstler aufeinander. Der Brite belegt mit seiner starken Sound-Film-Collage die zentrale Box des Kunstvereins.
Seine Kollegin hat ihre Abfolge hauptsächlich schwarz-weißer analoger Großfotos so arrangiert, dass der Kubus in der Mitte wie ein Spiegel fungiert. Er bildet eine Symmetrieachse, an der sich Othovás Bildersequenz spiegelt: Links und rechts sieht man die identische Ausstellung, und zwar spiegelverkehrt. Es gibt in der Tat Besucher, die das erst später merken, sich vielmehr am Variantenreichtum der Motive erfreuen. Markéta Othovás Fotos sind einem großen Bilderreservoir aus eigens fotografierten oder auch gefundenen Bildern entnommen.
Die Inhalte wirken auf den ersten Blick banal - Interieurs, Naturfotos, Designstücke. Ausschlaggebend für die Auswahl ist das betont Beiläufige ihrer Aussage, bloß nicht zu schön soll das Bild sein, "das leerste, idiotischste ist gerade gut genug", meint sie. Ein ziemlich verwachsener Apfelbaum, ein abgewetztes Tischchen, ein dilettantisch aufgenommener Lounge-Chair von Charles Eames, eine Marmorintarsie in Gestalt einer wunderbaren Blüte: Man könnte sich die Reihe bis in die Unendlichkeit fortgesetzt vorstellen.
Aber die Motive sind gezielt ausgewählt und dann sogar gespiegelt worden, wurden auf unterschiedlichen Materialien belichtet, sind aufwendig inszeniert. Es fehlen die Menschen auf den Bildern. Doch jedes Motiv verrät ihre Spuren - und seien es die von Banausen, die Ensembles des Architekten und Philosophen Adolf Loos in Tschechien verkommen ließen (was Othová unprätentiös dokumentiert). Spätestens hier wird das, was die Künstlerin aus ihrem privaten Bilder-Fundus gefischt hat, offen für tausend Fragen und Spekulationen.
Ed Atkins geht einen anderen Weg, wenn er sich dem traumatischen Thema Tumor widmet - ein künstlerisches Tabu. Seine kleine Broschüre, die am Eingang zur Box ausliegt und für Atkins den Ausgangspunkt zu seiner Arbeit markiert, liest man zunächst interessiert, dann mit wachsendem Widerwillen, schließlich legt man sie entsetzt weg.
So viele Details, die man gar nicht wissen mag. Ein Tumor in Gestalt einer ovalen Leerfläche hat sich durch das gesamte Büchlein gefressen, die wuchernden pechschwarzen Gedanken tun ein Übriges, um die Lektüre zur Qual zu machen. Die Deutlichkeit der Prosa wird in der Box von einer perfekt abgestimmten Collage aus HD-Bildern und Sound begleitet. Verklausulierte, aber auch deutliche Hinweise wie bange Fragen an den Arzt oder das Läuten der Todesglocke rufen das Thema Tumor ins Gedächtnis. Vieles erreicht den Besucher der Box nur durch das Unbewusste.
Vom Bilderrauschen zur Gehirnwäsche ist ein kleiner Schritt - Atkins nutzt diese Grauzone, um hypnotische Bildsequenzen und Klänge zu implementieren. Erinnerungssplitter, wiederkehrende Motive, einerseits feingeistige ironische Einschübe, andererseits brutales Farb-Ton-Stakkato: Dieser Film ist heimtückisch wie ein Tumor. Es ist der Kater nach dem Bilderrausch.
Bonner Kunstverein, Hochstadenring 22; bis 28. Oktober. Di-So 11-17, Do-19 Uhr. 4. September, 19 Uhr, Gespräch mit Noemi Smolik
Artikel vom 25.08.2012
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