Jürgen Becker in der Oper

Dem Pompösen die Luft ablassen

BONN.  Es gelingt kaum, die Augen von diesem Bild zu lösen. Jürgen Becker hat es für sein jüngstes Gastspiel in der Bonner Oper an den linken Bühnenrand postiert, und dort wird es bis zum finalen Freibier für alle auch den ganzen Abend über stehen.

Es ist eine großformatige Reproduktion des Gemäldes "Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen" von Max Ernst, 1926 erstmals in Paris gezeigt, inzwischen im Kölner Museum Ludwig zu besichtigen. Ein faszinierendes Werk des Surrealismus, 160 Millionen Euro wert, und ein exzellentes Beispiel für das Spannungsverhältnis zwischen Kunst und Religion.

In Beckers kabarettistischem Streifzug durch die Kunstgeschichte, der den bezwingenden Titel "Der Künstler ist anwesend" trägt, ist dies der rote Faden. Ein rotes Tuch war Ernsts Gemälde seinerzeit nicht nur für den Klerus. Eine drakonische Jungfrau Maria im engen roten Kleid und mit praller Oberweite versohlt dem nackten Jesuskind, das auf ihrem gespreizten Schoß liegt, den Po.

Die Darstellung steckt voller inzestuöser Anspielungen, und in den auf den Boden herab gefallenen Heiligenschein des Jesuskindes hat der Künstler seine Signatur platziert. Vermutlich eine noch größere Provokation für die Kirche: Die Kunst triumphiert über die Religion. "Das Meisterwerk von Max Ernst zeigt, dass Kunst gut ist, wenn sie dem Pompösen die Luft ablässt", sagt Becker.

Auf einer kinotauglichen Leinwand wählt Becker, im früheren Leben grafischer Zeichner und Druckerei-Chef, via Fernbedienung rund 120 weitere Abbildungen aus der Kunstgeschichte der Menschheit an, schlägt einen Bogen von südfranzösischer Höhlenmalerei bis zu Gerhard Richters Fenster im Kölner Dom. Inklusive kleiner Ausflüge in die regionale Architektur. Zur abgerissenen gastronomischen Betonverschalung am Drachenfels meint Becker: "Das hätte man stehen lassen sollen, als Finanzamt on the rocks."

Becker stellt die großen Klassiker im witzig und nicht selten hintergründig kommentierten Schnelldurchgang vor, darunter die schönste aller Schönheiten, Nofretete. Und Michelangelo. Botticelli. Rubens. Goya. Und immer wieder das religiöse Spannungsverhältnis.

Das Bilderverbot im Islam, die Moscheen mit ihren prächtigen Mosaiken: "Die haben quasi die Tapete, aber kein Bild davor." Ganz anders bei Beckers daheim. Da hängt nämlich in Öl verewigt und ordentlich gerahmt ein röhrender Hirsch im Flur. Jürgen Becker findet, dass sei "einfach 'n schön' Bild." Nun, das liegt im Auge des Betrachters.

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