Moderne Schule

Warum Handys auf dem Hardtberg zum Unterricht gehören

Handys im Unterricht sind hier nicht nur erlaubt, sondern nötig: Seit diesem Schuljahr gibt es am Hardtberg-Gymnasium eine Pilotklasse „Digitale Medien“.

Handys im Unterricht sind hier nicht nur erlaubt, sondern nötig: Seit diesem Schuljahr gibt es am Hardtberg-Gymnasium eine Pilotklasse „Digitale Medien“.

Brüser Berg. Die erste Smartphone-Klasse am Hardtberg-Gymnasium arbeitet mit digitaler Technologie. Laut einer Studie besitzen 97 Prozent aller Jugendlichen heutzutage ein internettaugliches Handy. Lehrer Philip Bracher sieht darin ein großes Potenzial.

Handy-Gebot statt Handy-Verbot, heißt es seit diesem Schuljahr in einer Klasse des Hardtberg-Gymnasiums, und zwar in der Pilotklasse „Digitale Medien“. Es ist ein großes Thema in deutschen Lehrerzimmern: Wo gehören Handys während der Schulzeit hin? Vielen Lehrern ist es am liebsten, wenn die kleinen Nervtöter nicht nur aus dem Unterricht, sondern gleich aus der Schule verbannt würden. Und auch viele Eltern wünschen sich, dass der handliche Hochleistungscomputer nicht zum permanenten Begleiter des Kindes wird.

Die Schule als analoges Idyll, in dem Kinder und Jugendliche fernab von Elektronik konzentriert lernen – das ist eine fast romantische Vorstellung. Aber sollte die digitale Revolution gerade vor den Schulen, in denen junge Menschen auf das Leben vorbereitet werden, Halt machen?

Am Hardtberg-Gymnasium hat man sich entschieden und eine Steuergruppe Medien gegründet, die sich zum Ziel gesetzt hat, „den medialen Wandel am HBG zu steuern und zu spiegeln“. Mitglieder der Mediengruppe, die von Deutsch- und Englischlehrer Philip Bracher geleitet wird, sind zu gleichen Teilen Schüler, Lehrer und Eltern sowie Schulleiter Günther Schlag.

In diesem Schuljahr hat die Steuergruppe als Pilotprojekt eine Smartphone-Klasse eingerichtet, in der die Schüler der Klasse 9c im Unterricht mit ihren privaten Smartphones lernen und arbeiten. Doch wie kann man sich einen Unterricht mit dem Handy vorstellen? Wird die Horrorvorstellung, dass die Kinder und Jugendlichen jetzt nur noch durch das Internet surfen, damit bestätigt?

Das kann Philip Bracher klar verneinen. „Der Unterrichtsalltag ist nicht nur durch das Smartphone bestimmt“, erklärt der Leiter der Mediengruppe. „Es gibt viele klassische Unterrichtssituationen, das Smartphone wird benutzt, wenn es pädagogisch und fachlich sinnvoll ist.“ Um sinnvoll mit dem Smartphone zu arbeiten, haben sich die Schüler zu Beginn des Schuljahres einige Apps auf ihr Handy geladen. Gelernt wird nun mit Tools wie Quizlet, Texte landen jetzt nicht mehr ausschließlich in einem Heft oder einer Arbeitsmappe, sondern in einer „Cloud“, eine Art digitaler Speicherplatz, auf den die Mädchen und Jungen Erarbeitetes ablegen oder mit Hilfe von „Padlet“ auf eine digitale Pinnwand posten können. Plakat- und Folienpräsentationen könnten sinnvoll ergänzt werden, berichtet Bracher.

Tafel, Kreide und Schwamm bekommen ebenfalls Konkurrenz. Nun steht der Lehrer am digitalen Smartboard, einer elektronischen Tafel, und zeigt mit diesem Gerät Unterrichtsinhalte oder Filmausschnitte in hochauflösender Qualität. Statt mit Hilfe etlicher Kopien arbeiten die Neuntklässler zudem mit QR-Codes. „Die von uns angelegten Codes werden mit den Schüler-Handys zunächst gescannt, danach gelangt man auf eine Plattform, auf die ein Lehrer Arbeitsaufträge, zum Thema passende Videosequenzen oder Audiodateien hinterlegen kann“, so Bracher.

Laut einer Studie besitzen 97 Prozent aller Jugendlichen heutzutage ein internettaugliches Handy. „Das ist ein unglaubliches Potenzial. Warum sollte man es also nicht als ernsthaftes Arbeitsinstrument in der Schule nutzen?“, fragt Bracher.

Mit Hilfe der eigenen Geräte könne man digitalen Unterricht anbieten, ohne dabei die Eltern finanziell zu belasten. „Digitaler Unterricht wird damit mit wenig Aufwand möglich“, bestätigt auch Schulleiter Günther Schlag.

Die Mitglieder der Mediengruppe, die Schüler und die Eltern der Smartphone-Klasse, sind trotz kontroverser Diskussionen um das Handyverbot an vielen anderen Schulen vom Pilotprojekt überzeugt: „Jugendliche erwerben keine Medienkompetenzen, indem der Lebensraum Schule die gesellschaftliche Wirklichkeit ausblendet und die Schule zur handyfreien Zone erklärt“, findet Bracher. „Statt den Kopf in den Sand zu stecken, sollten wir den Kindern einen mündigen, kompetenten Umgang mit den neuen Medien ermöglichen. Dazu gehören die Risiken ebenso wie die vielen Chancen digitaler Medien.“