Netzwerk Syrienhilfe

Hilfe durch Kreativität und Solidarität

Guido Zernack ist dankbar für die bisherige Hilfe, sieht aber noch viel Arbeit für das Netzwerk.

Guido Zernack ist dankbar für die bisherige Hilfe, sieht aber noch viel Arbeit für das Netzwerk.

Duisdorf. Interview mit Guido Zernack: Er hat das Netzwerk Syrienhilfe in Duisdorf gegründet, das Flüchtlingsfamilien unterstützt.

Auf einen ganz normalen Adventsgottesdienst hatten sich die Mitglieder der Katholischen Kirchengemeinde Sankt Rochus und Augustinus im vergangenen Dezember eingestellt. Doch bevor Pfarrer Jörg Harth den Schlusssegen erteilte, wurden die Gläubigen aus ihrer beschaulichen Vorweihnachtsstimmung mitten in das syrische Kriegsgebiet gerissen. Pastoralreferent Guido Zernack berichtete von Ahmad Kiwan. Der 37-jährige Wirtschaftsinformatiker vom Brüser Berg versuchte damals alles, um seine Familie nach Deutschland zu holen. Insgesamt 27 Familienmitglieder wollte er so in Sicherheit bringen. Das Schicksal der Familie bewegte die Gemeindemitglieder damals so sehr, dass sich gleich in den ersten Januartagen das "Netzwerk Syrienhilfe" gründete. Mit Guido Zernack, dem Initiator der Initiative, sprach Gabriele Immenkeppel.

Herr Zernack, haben Sie Weihnachten 2013 geahnt, was für ein turbulentes und arbeitsreiches Jahr auf Sie wartet?
Guido Zernack: Nein, das war mir nicht bewusst. Ich habe nur gesehen, dass da Menschen in Not sind, die dringend Hilfe brauchen. Ich dachte, es müsse doch möglich sein, dass eine so große Pfarrei das stemmen könnte. Denn wenn jeder nur einen Euro pro Monat spenden würde, wäre die Versorgung der Flüchtlinge gesichert. Was das aber für eine Riesenaufgabe sein würde, das war mir nicht bewusst.

Sogar im Fernsehen wurde über Ihre Initiative berichtet. Haben Sie jemals mit so viel Unterstützung gerechnet?
Zernack: Es hat uns sehr geholfen, dass Presse, Rundfunk und Fernsehen auf unser Projekt aufmerksam geworden sind. Ohne die Unterstützung der Medien hätten wir wohl nicht so einen großen Zuspruch erhalten. Wir hatten aber auch Glück, dass wir eine der ersten Pfarreien waren, die syrische Kriegsflüchtlinge aufgenommen haben. Dadurch war und ist das mediale Interesse an unserem Projekt groß. Mithilfe der Medien haben wir jede Menge Spender gewinnen können. So unterstützen uns Menschen, Schulen, Pfarreien und Organisationen weit über Duisdorf hinaus.

Wie viele Mitglieder hat das Netzwerk und kommen alle aus dem Stadtbezirk Hardtberg?
Zernack: Es sind etwa 30 Menschen, die zum engeren Kreis gehören. Darüber hinaus unterstützen und helfen uns aber ganz viele, ohne dass man sie sieht. Und ohne diese Vielzahl von sehr engagierten Mitmenschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, wäre das Projekt nicht zu realisieren gewesen.

Mittlerweile haben sich ja viele Freundschaften entwickelt. Welcher war für Sie der emotionalste Moment?
Zernack: Ja, es sind viele Kontakte zwischen Helfern und Syrern entstanden und es berührt zu sehen, wie dankbar die Menschen sind. Mich persönlich hat die Ankunft der Flüchtlingsfamilien sehr berührt. Man sah ihnen die Strapazen der Flucht, die Erleichterung darüber, endlich in Sicherheit zu sein, und ihre Dankbarkeit deutlich an. Das ist mir sehr nahe gegangen. Mich hat aber auch die Solidarität hier vor Ort berührt. Diese Unterstützung ist einfach überwältigend.

Wie viel Geld haben Sie bisher gesammelt? Und wie viel fehlt noch?
Zernack: Bis Ende November sind 150.000 Euro gespendet worden. Das ist sensationell und ich hätte nie gedacht, dass wir so viel Geld in so kurzer Zeit zusammenbekommen. Damit ist die Finanzierung bis zum Frühjahr gesichert. Uns ist aber auch bewusst, dass das Projekt noch nicht abgeschlossen ist und dass wir noch einige Monate auf die Spendenbereitschaft angewiesen sind, weil die Familien erst ab April/Mai auf eine Arbeit hoffen dürfen. Wir haben jeden Monat Ausgaben von mehr als 10.000 Euro. Wir müssen also noch ein Weilchen durchhalten und hoffen das Beste.

Das Netzwerk Syrienhilfe sammelt ja nicht nur Geld. Was leisten die Mitglieder zusätzlich?
Zernack: Die Spenden schaffen die Grundlage für unser Projekt. Die meiste Arbeit steckt aber in den anderen Hilfen, die viele Unterstützer vom Brüser Berg und aus unserer Pfarrei leisten. Angefangen bei dem Transport der Möbel, dem Suchen und der Einrichtung der Wohnungen, der Versorgung mit Kleidung, den Hilfen bei Behördengängen, der wöchentlichen Fahrt zur Tafel, der Öffentlichkeitsarbeit, dem Verfassen und der Verteilung der Spendenbriefe, der Betreuung der Familien, der Hilfe und Betreuung der Kinder in Schulangelegenheiten, der Spendenverwaltung und noch vieles mehr. Das Schönste ist, zu sehen, wie die Helfer sich immer wieder Neues ausdenken, um den Familien zu helfen, beispielsweise Benefizausstellungen oder -konzerte. Einfach toll!

Welche Hürden müssen 2015 genommen werden?
Zernack: Zurzeit lernen alle Erwachsenen Deutsch in den Integrationskursen. Das tun sie auch mit großem Eifer. Das Problem wird aber sein, dass sie nach Abschluss der Integrationskurse Arbeit finden. Die Sprachhürden sind sehr hoch und nur weil jemand in Syrien als Buchhalter oder Arzt gearbeitet hat, kann er das hier noch lange nicht. Es ist also noch ein langer Weg, bis die Erwachsenen eine Arbeit gefunden haben, mit der sie ihre Familien ernähren können.

Glauben Sie, dass sich die Familie Kiwan hier schon zu Hause fühlt?
Zernack: Ja, einige fühlen sich hier so wohl, dass sie in Erwägung ziehen, später eine Einbürgerung zu beantragen. Manche tun sich aber auch noch schwer, weil sie es nicht verwinden können, ihre Heimat verloren zu haben. Und manche haben die Erlebnisse des Krieges noch nicht verarbeitet.

Und was wünschen Sie Familie Kiwan im neuen Jahr?
Zernack: Am meisten wünsche ich ihnen, dass sie ihren Weg finden, dass sie eine Arbeit bekommen und ihr Leben bald wieder selbst gestalten können.

 

Zur Person

Guido Zernack, Jahrgang 1962, wurde in Leverkusen geboren. Nach der Schule hat er Theologie und Sozialwissenschaften in Bonn studiert. Seit 2010 ist er Pastoralreferent an der Katholischen Kirchengemeinde St. Rochus und Augustinus in Duisdorf.