Pfarreralltag auf dem Brüser Berg

Ex-Katholik Georg Schwikart veröffentlicht Buch

Pfarrer Georg Schwikart spricht in seinem Wohnzimmer über die Entstehung seines neuen Buches.

Pfarrer Georg Schwikart spricht in seinem Wohnzimmer über die Entstehung seines neuen Buches.

Brüser Berg. Mit „Notizen eines Pfarrers am Stadtrand“ gewährt Georg Schwikart Einblicke in seinen Alltag. Der evangelische Pfarrer wünscht sich weniger Bürokratie in der Evangelischen Kirche.

Solange er lebt, will Georg Schwikart Bücher schreiben. Das ist für den 55-jährigen Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Hardtberg so sicher wie das Amen in der Kirche. Bislang hatte er überwiegend Sachbücher verfasst. In seinem jüngsten Werk gibt er einem neuen Genre den Vorzug. Die längeren und kürzeren „Notizen eines Pfarrers am Stadtrand“ mit dem Titel „Leben 100 %“ sind sehr persönliche Betrachtungen über Gott und die Welt. Und „Ermutigungen, sich auf Gott einzulassen“.

„Das Schreiben macht Leben handhabbar,“ sagt Schwikart. Hört sich kompliziert an, ist es aber nicht. Wie viele Menschen hat er immer ein Notizbüchlein dabei, darin kommt zu Wort, was ihn zum Nachdenken oder zum Lachen gebracht oder vor den Kopf gestoßen hat. „Es ist eigentlich eine therapeutische Maßnahme, sich vieles von der Seele zu schreiben. Und dann habe ich festgestellt, dass es eine Ebene ist, mit anderen Menschen – den Lesern – über Gott und Glauben zu kommunizieren.“ Sein Beispiel: „Wie erklärt man Kindern den Durchzug durch das Rote Meer? Der Gemeindereferent brachte es schon vor 30 Jahren treffend ins Wort, sodass ich es mir merken konnte: Es gibt Dinge, da musst du durch!“

Seine Lebensfreude kann Schwikart nicht verhehlen

Vom Augenzwinkern bis zum herzhaften Lachen – seine Lebensfreude kann Schwikart nicht verhehlen. Und will es auch nicht. „Ein Pfarrer muss doch nicht den ganzen Tag mit ernster Miene herumlaufen. Vielleicht erwarten das manche, aber da werden sie bei mir enttäuscht. Vielmehr muss ein Pfarrer authentisch sein, sonst ist er nicht glaubwürdig. Ich bin Mensch. Im Johannes-Evangelium steht: Die Wahrheit wird euch frei machen.“

Auch Schwikarts Biografie entspricht nicht ganz den Erwartungen: Mit 50, vor fünf Jahren also, wurde er Pfarrer. Seit drei Jahren ist er in der Hardtberggemeinde. Das vorausgehende Vierteljahrhundert arbeitete er als Sachbuchautor, heiratete mit 22. Er lebt mit Frau und zwei Kindern in Sankt Augustin. Getauft ist Schwikart katholisch. Als Messdiener hatte er das Ziel, Priester zu werden. Als ihm klar wurde, dass die Institution seinen Reformvorstellungen nicht folgen würde, kam das für ihn nicht mehr in Frage. Er studierte Vergleichende Religionswissenschaft und Theologie in Bonn und Tübingen, promovierte und schrieb Bücher über die Taufe, Hanns Dieter Hüsch, Paulus oder Reiseziele. Und konvertierte 2011.

„Das Religiöse kam immer wieder durch, obschon ich das System Kirche kritisch sah.“ Bis die Entscheidung fiel: „Es führt kein Weg daran vorbei. Ich werde Pfarrer.“ Sein Ziel: „Mit den Menschen von Gott sprechen.“ Nach fünf Jahren im Talar gibt jedoch die Erfahrung Anlass zu Kritik am System: „Zu viel Verwaltung“. Jeden Tag sagt sich Schwikart, dass er sich auf das Eigentliche konzentrieren will, „es gelingt mal mehr, mal weniger.“

Ist der Herr Pfarrer eine andere Person als der Herr Schwikart? In den Notizen steht dazu: „Auch im Talar bin ich noch ich – und doch ein anderer. Zumindest schlage ich im Amtsgewand nie die Beine übereinander!“ Die augenzwinkernde Selbstbetrachtung ist ein kleines Detail. In seinem Amt – eine Lieblingsbezeichnung ist professioneller Gottessucher – wird Schwikart mit einer Erwartungshaltung konfrontiert. „Ich bekomme einen Vertrauensvorschuss, den ich nicht verspielen möchte. Auch Verschwiegenheit wird vorausgesetzt.“ Daher hat der Autor Schwikart seine Notizen so überarbeitet, dass sich „die Schäfchen“ keinesfalls dupiert fühlen.

Er selbst aber gibt sich, teils mit ironischer Distanz, zu erkennen: „Der Lippenstift ist des Pfarrers Feind. Wer nach dem Gottesdienst Frauen umarmt, läuft Gefahr, sich seinen Talarkragen zu versauen. Also: Den Überschwang zügeln!“

Das Buch: Georg Schwikart, Leben. 100%: Notizen eines Pfarrers am Stadtrand, Verlag Neue Stadt, 15 Euro.