Förderschule

An der Bonner Königin-Juliana-Schule ist jeder anders

Korbleger-Training in der Basketball-IG: Sportlehrer Christian Brachten reicht einem Schüler den Ball an.

Korbleger-Training in der Basketball-IG: Sportlehrer Christian Brachten reicht einem Schüler den Ball an.

Medinghoven. Die Königin-Juliana-Schule in Medinghoven ist für 180 Kinder und Jugendliche wie ein zweites Zuhause. Dort lernen Autisten, Minderbegabte, Kinder mit Down-Syndrom und solche, die mit Geburtsschäden zur Welt gekommen sind.

Diese Schule ist besonders, in jeder Hinsicht. Schon das runde Gebäude, das sich hinter dem Tüv Medinghoven in den Hang schmiegt, fällt aus dem Rahmen. Wer die Königin-Juliana Schule – die einzige Schule in Deutschland, die den Namen einer holländischen Königin tragt – betritt, staunt nicht schlecht: Man sieht ein großzügiges Foyer, viele Farben, Flure mit Platz für Bewegung, ausgerichtet auf Bedürfnisse von behinderten Menschen.

Die 180 Schützlinge der „KöJu“, einer Förderschule mit Schwerpunkt geistiger Behinderung, sind speziell und vielfältig. Unter den Kindern sind Autisten, Minderbegabte, Kinder mit Down-Syndrom und solche, die mit Geburtsschäden zur Welt gekommen sind. Schon einfache Aufgaben stellen sie oft vor Probleme. Lesen und Rechnen können nicht alle. „Textsicher, sodass sie einfache Jugendliteratur verstehen können, sind rund fünf Prozent der Kinder“, erklärt Rektorin Ilona Kesselheim. Rechnen beschränkt sich auf Addition und Subtraktion, Prozentrechnung ist Utopie. Einen Führerschein wird später niemand schaffen.

Um die Schule herum ist zur Sicherheit ein Zaun gezogen, damit keine Kinder und Jugendlichen gedankenlos hinausspazieren und verloren gehen. „Denn viele von ihnen nehmen keine Grenzen wahr“, sagt Kesselheim. Alleine zur Schule kommen rund zehn Prozent der Schüler, obwohl man das Selbstfahren schon deshalb fördert, damit die älteren Schüler später alleine zu ihren Praktika kommen können. Doch die meisten überfordert schon eine Fahrt mit einem Bus, der Verspätung hat. Deshalb werden sie morgens vom Fahrdienst gebracht und nach Schulschluss wieder abgeholt.

Wechsel auf Regelschule gelingt kaum

Es sind die berührenden Momente, die bei dieser Schule im Hinterkopf bleiben: Eine Schülerin kommt vorbei und umarmt die Rektorin spontan. Ein anderes Mädchen lacht breit übers Gesicht, als sie sich ins Wochenende verabschiedet und winkt: „Tschüss, Frau Kesselheim.“ Diese kennt jeden ihrer 180 Schüler, und dazu die Biografie jedes Einzelnen – mit der Familiengeschichte, Herkunft, Krankheiten und Auffälligkeiten. „Es gibt hier viele individuelle Besonderheiten“, sagt die Rektorin. Jeder Schüler ist irgendwie anders und weicht von der Norm ab, selbst wenn man das nicht auf den ersten Blick sieht. „Aber es ist ganz wichtig, dass wir Normalität leben.“ Für die Schüler ist es hier wie ein zweites Zuhause, für manche sogar ein Besseres als daheim.

Der Wechsel auf eine normale Regelschule gelingt kaum einem. „Gottseidank“, sagt Kesselheim. „Wenn das anders wäre, würde das ja heißen, dass die Diagnose falsch wäre.“ Ein Mädchen wechselt demnächst auf eine Schule für Lernbehinderte. „Wir hoffen, dass sie den Sprung schafft“, sagt Kesselheim. Sicher ist das keineswegs. Die Kombination aus Sprache und Bildern ist an der ganzen Schule ein Prinzip, um den Schülern immer wieder das Lernen zu erleichtern. Schon bei der architektonische Planung des Neubaus, der 2000 eingeweiht wurde, hat Architekt Karl-Heinz Schommer darauf geachtet, möglichst viel psychomotorische Förderung zu ermöglichen.

Das zeigt sich in großzügigen Fluren mit Raum für Bewegung und in Klassenzimmern, die ebenfalls bewegtes Lernen zulassen. Aber auch in einer der beiden Turnhallen, die eine fachspezifische Ausstattung hat. Einen Barren und andere Turngeräte gibt es nicht, stattdessen hängen Schlaufen und Seile herab, mit denen vor allem Schaukeln und Schwingen praktiziert wird. Das macht Spaß und schult das Körpergefühl.

Nicht auf reine Wissensvermittlung ausgerichtet

Freitagmorgen finden immer die Interessengemeinschaften (IGs) statt, die sich die Schüler aussuchen können. Ringen und Raufen ist etwas für die Jungen, Basketball auch. Die Mädchen haben es mehr mit Musik, Karaoke oder belegen die Outdoor-IG und streifen durch den Hardtbergwald. Dann wird genau darauf geachtet, dass jeder Schüler seine Medikamente dabei hat, viele von ihnen sind zum Beispiel Epileptiker. Wenn etwas passiert, müssen die Lehrer schnell handeln. „Alle sind in Notfallmedizin geschult“, erklärt die Rektorin. Auch das unterscheidet die Aufgaben von anderen Lehrtätigkeiten. 50 Lehrer und Sonderpädagogen arbeiten an der „KöJu“, 47 Einzelfallhelfer betreuen einzelne Schüler zusätzlich.

Bei der Basketball-IG besucht der GA eine Stunde in der Sporthalle. Erste Besonderheit: Linien auf dem Boden hat die Halle nicht, „das würde unsere Schüler kirre machen“, sagt Vize-Schulleiter Georg Gerstgarbe. Werfen und passen ist diesmal dran, am Ende folgt ein Spiel, bei dem die Förderschüler nicht weniger ehrgeizig sind als ihre Altersgenossen an Regelschulen. „Die Schüler kennen alle die Regeln, aber wir legen die nicht so kleinlich aus“, berichtet Gerstgarbe.

Weil die Schüler schon zwei Jahre die Basketball-IG besuchen, werden auch taktische Dinge vermittelt. Mit Abstrichen klappt das auch. „Beim Freilaufen merkt man dann aber die Unterschiede und sieht, wer das Spiel wirklich verstanden hat“, sagt Gerstgarbe. Zum Ende ihrer Schulzeit treten die Schüler in die zweijährige Berufspraxisstufe ein und schnuppern ins Arbeitsleben hinein. Rund 20 Prozent von ihnen schaffen es in Qualifikationen und in den zweiten Arbeitsmarkt. „Denn da gibt es Tätigkeiten, die sie verantwortlich ausführen können.“ Einen Schulabschluss kann und darf die Königin-Juliana-Schule nicht vergeben.

Es bleibt eine Förderschule, die nicht auf reine Wissensvermittlung ausgerichtet ist. Sie betreut Kinder, die auch nach der Schulzeit auf lebenslange Unterstützung angewiesen sind. „Das ist bei uns die Eintrittskarte“, sagt die Rektorin.