Oberkasseler Menschen

Vom historischen Fundstück zum perfekten Abbild

BONN. Schädel sind so einmalig wie Fingerabdrücke. Mit den passenden Formeln und Tangenten lässt sich jedes Gesicht rekonstruieren.

Dass die Toten von der Rabenlay heute wie lebendig erscheinen, ist dem Fingerspitzengefühl der Gerichtsmedizinerin Constanze Niess, aber auch einer Menge neuester Technik zu verdanken.

Die Originalschädel sind zuerst in einem Computertomographen gescannt worden. Mit den Scans ließen sich dreidimensionale Replikate ausdrucken und verlorene Knochen ergänzen. Direkt auf die 3D-Ausdrucke modellierte Niess mit einer Knetmasse auf Ölbasis die Gesichter. Das Material ist unbegrenzt haltbar und lässt sich, etwa bei neuen, anderen Erkenntnissen, einfach umgestalten.

Die Menschen aus Oberkassel haben von der Forensikerin handgefertigte Glasaugen verpasst bekommen, wobei genetische Tests an den Skeletten die tatsächliche Augenfarbe noch nicht klären konnten. Für die Position der Ohren und die Form der Nase gibt es allgemeingültige Formeln und Tangenten, die sich von anderen Punkten am Schädel ableiten lassen. Niess entschied sich, den Mann mit einem Drei-Tage-Bart auszustatten: "Steinwerkzeug zur Rasur hat es vor 14.000 Jahren schon gegeben, aber wir wissen natürlich nicht mit letzter Sicherheit, wie seine Gesichtsbehaarung oder ihre Frisur ausgesehen haben."

Spuren einer tödlichen Verletzung konnte sie nicht entdecken: "Ich finde es schade, dass man nicht weiß, woran das Paar gestorben ist." Als Niess den Männerschädel zum ersten Mal in der Hand gehalten habe, sei sie "überwältigt" gewesen: "Aufgrund meiner Berufserfahrung sehe ich bei einem Schädel oft schon das Gesicht vor meinem inneren Auge." Dass der Oberkasseler Jäger ein besonders ausdrucksstarkes Antlitz hatte, war ihr sofort klar.