Keine Baumfällung

Vogelpaar hält Bebauung in Oberkassel auf

Das Bauvorhaben an der Julius-Vorster-Straße in Oberkassel.

Das Bauvorhaben an der Julius-Vorster-Straße in Oberkassel.

Oberkassel. Eigentlich sollte es am Montag losgehen: Bau- und Fällgenehmigung für den Neubau eines Mehrgenerationenhauses in Oberkassel liegen vor. Da hat sich aber ein Vogelpärchen im Baumwipfel eingenistet. Und nun?

Brütende Vögel haben den Neubau eines Mehrgenerationen-Wohnprojekts an der Ecke Kinkel- und Julius-Vorster-Straße in Oberkassel vorerst gestoppt. Eigentlich sollten die Arbeiten am Montag mit dem Fällen einer alten Platane im Park neben dem Landhaus beginnen. Allerdings hatte ein Vogelpaar offenbar früher die Vorzüge der ruhigen Nachbarschaft entdeckt und sein Nest in die Baumkrone gebaut.

Gegen diese „Mieter“ haben die Bauherren derzeit keine Chance. „Gemeinsam mit Mitarbeitern einer Fachfirma haben wir am Montag das Nest bemerkt und sofort alle Planungen gestoppt“, bestätigt Richard Brand, der für den gemeinnützigen Verein Wohngefährten Bonn das Vorhaben betreut. Bis spätestens Oktober wird sich also in dem Park neben dem englischen Anwesen aus dem Jahr 1881 sowie dem Kantorhaus nichts tun. Mit dem Neubauprojekt will der Verein ein „generationsübergreifendes, sozial gemischtes, ökologisch verantwortliches und nachbarschaftliches Miteinander“ realisieren.

Kirchengemeinde verkaufte das Areal

Dabei hatte die Ankündigung der geplanten Fällung bereits am Wochenende für viel Unruhe in der Nachbarschaft gesorgt. „Es ist sehr schade, wenn die Bäume in dem Park gefällt werden. Dadurch wird das Ortsbild von Oberkassel enorm beeinträchtigt“, äußerte sich beispielsweise Annette Wahl, die sich wie andere Anlieger auf Social-Media-Kanälen über die Maßnahme ärgerte. „Der Park prägt die Dorfgemeinschaft seit vielen Jahrzehnten und bietet Lebensraum für zahlreiche Pflanzen und Tiere. So etwas darf nicht leichtfertig zerstört werden!“

Ursprünglich hatte die evangelische Kirchengemeinde Oberkassel das Gelände genutzt und in dem alten Landhaus einen Kindergarten untergebracht. Doch das Anwesen muss dringend saniert werden. Investitionen von rund 500.000 Euro sind notwendig, um das Gebäude wieder in Schuss zu bringen. Geld, über das die Gemeinde nicht verfügt. Daher wurde das Areal im vergangenen Jahr für 1,4 Millionen Euro an den gemeinnützigen Verein verkauft.

Dieser will nun die beiden bestehenden Gebäude renovieren und im Garten zwei Neubauten für 22 Erwachsene und zehn Kinder errichten. „Auch für uns ist es schwer zu akzeptieren, dass wir für dieses Bauvorhaben die Platane fällen müssen“, sagte Brand im GA-Gespräch. Man habe sich wirklich sehr viel Mühe gegeben, um so wenig wie möglich in die Natur einzugreifen. Die Fällung sei jedoch unumgänglich. „Es gibt keine andere Lösung“, so Brand. Die jetzige Lösung sei bereits ein schmerzlicher Kompromiss. „Wir haben verschiedene Alternativen entwickelt. Aber der Frischluftaustausch darf nicht unterbrochen werden“, erklärte er. „Gleichzeitig versuchen wir, die ökologischen Auswirkungen der Baumaßnahme durch andere Maßnahmen zu kompensieren.“ Der Verein Wohngefährten Bonn verfügt mittlerweile sowohl über eine Bau-, als auch über eine Fällgenehmigung. „Alles ist in Absprache mit der Stadt Bonn sowie der Denkmalbehörde gelaufen“, so Brand.

Zeitplan gerät ins Wanken

Allerdings gerät jetzt der Zeitplan für das Projekt ins Wanken. Denn bis Oktober wird der rund 100 Jahre alte Baum noch Schonfrist haben. Erst danach sollen die Motorsägen aufheulen. Um so wenig wie möglich in die Natur einzugreifen, werden die beiden neuen, eineinhalbgeschossigen Baukomplexe nicht unterkellert. „Wir haben uns außerdem für ein ökologisches Heiz- und Dämmsystem entschieden und setzen ein anspruchsvolles Mobilitätskonzept um, das Car-Sharing und Elektromobilität priorisiert.“

Ursprünglich sollten die Neubauten im dritten Quartal 2020 bezugsfertig sein. Dieser Zeitplan wird sich jetzt um etwa ein Vierteljahr verzögern. In das Kantorenhaus werden bereits im Juni zwei Familien einziehen, die Sanierung des alten Landhauses soll als letzte Maßnahme 2023 beendet sein. Von der Stadt war gestern keine Stellungnahme zu bekommen.