Kultläden in Bonn

Secondhand-Platten in Oberkassel

Beuel. Der rechtsrheinische Bonner Stadtbezirk ist ein Mekka für Plattenfreunde. Seit der Schließung von Mr. Music in der Bonner City mehr denn je. Denn in Beuel und Oberkassel befinden sich zwei Geschäfte, die sich dem Vinyl verschrieben haben.

„Die Anfragen steigen stetig“, sagt Raimund Kron. Die Tür zu seinem kleinen Platten- und CD-Laden an der Königswinterer Straße 655 steht offen, und der Paketdienst bringt eine Lieferung von Bertus, einem großen holländischen Musikvertrieb, vorbei. Kron freut sich, als wär's ein Weihnachtspäckchen. „Ich find's wirklich immer noch aufregend, wenn die neuen CDs und Plattenkommen“, sagt der 61-Jährige und beginnt gleich, die Bestände in den Regalen aufzufüllen.

Nobbis Plattenladen besteht schon seit 22 Jahren. Norbert Schumacher, 49, der von jedem nur Nobbi genannt wird, trägt Arbeitshandschuhe, wenn er die schweren Kisten nach draußen schleppt. Gut möglich, dass es in der Köln-Bonner Region kaum ein Plattengeschäft gibt, das mehr anbietet, als dieser Laden an der Marienstraße. 30.000 Secondhand-Platten hat er im Sortiment, meint er. Wahrscheinlich sind es viel mehr. Es gibt keinen Winkel, wo nicht Kisten stehen. Sogar die Regale in der Toilette sind bis unter die Decke voller Platten. Schlager, Popsingles, Klassik, Punk, Jazz und natürlich jede Menge Rock.

Kundschaft aus der ganzen Republik und dem Ausland

Aber wofür Nobbi über die Grenzen hinweg bekannt ist und Kundschaft aus der ganzen Republik und dem benachbarten Ausland anzieht: Der 49-Jährige mit dem langen Lockenhaar besorgt fast jedes Schätzchen, für das der Sammler auch tief in die Tasche greift. „Im vergangenen Jahr“, erzählt Nobbi, während er neue Ankäufe in die Kisten einsortiert, „standen plötzlich die Jungs von Volbeat im Laden.“ Er habe die vier von der dänischen Metal-Band sofort erkannt. „Die wollten dann mit Kreditkarte zahlen.“ Das geht bei Nobbi aber nicht, also zogen sie zum nächsten Geldautomaten und holten Bares.

Einen Computer gibt es da auch nicht, und selbst per Handy ist der 49-Jährige Metalfan nicht zu erreichen. Listen? Kopfschütteln. „Ich habe alles im Kopf.“

Viele Musikfans wollen analog kaufen und nicht im Internet bestellen, sondern lieben es, durch die Platten zu schauen oder ihre Sonderwünsche zu bestellen, meint Kron. „Das war auch bei Bernie so.“ „Bernie“, das ist Bernd Gelhausen, der Mann den alle Welt als „Mr. Music“ kennt. „Es kommen immer mehr seiner Stammkunden zu mir“, so Kron, der jetzt seine Öffnungszeiten ausgeweitet hat. Bislang hatte er nämlich nur freitags von 9 bis 12 Uhr und von 14 bis 18 Uhr sowie samstags von 10 bis 13 Uhr geöffnet. Jetzt kommt auch noch der Donnerstag von 17 bis 20 Uhr hinzu.

Leben muss er nicht von dem Verkauf von CDs und Vinylplatten. Denn Kron ist eigentlich Banker. Bis 1996 leitete er eine Bankfiliale in Bonn, bis er sich entschied auszusteigen aus dem System, wie er sagt. Seitdem baut er sich seine unabhängige Finanzberatung auf. Außerdem hat er sich auf die Finanzierung von ökologischem Wohnungsbau spezialisiert und berät bei Mehrgenerationswohnprojekten. Er selbst wohnt mit mehreren Generationen unter einem Dach. Zu seiner Familie gehören Ehefrau Petra, die als Tagesmutter arbeitet, zwei Töchter und vier Enkel. „Ich empfinde das als Lebensqualität, wenn ich meine Familie um mich habe“, sagt der Mann mit den langen grauen Haaren, während er zwei Platten aus einem der Fächer herausholt.

Bei Nobbi gibt's auch Erstpressungen von Black Sabbath

Für Nobbi ist es auch Broterwerb. „Zwischendurch sah das mal echt düster aus. Etwa 2006 bis 2010 wollte ja kaum noch jemand Schallplatten kaufen. Alle wollten ihre Sammlungen auflösen“, erzählt er. Und weil er eben so ein Verrückter sei, sei er weiterhin der Platte treu geblieben. Er selbst ist auch Sammler. Zu Hause stehe keine Wand mehr frei, sagt er.

Aber mittlerweile ist Vinyl wieder angesagt, so sehr wie lange nicht mehr. Die Musikindustrie verbucht sensationelles Wachstum. Selbst die großen Elektrokaufhäuser bieten Platten an. Aber eben nichts Besonderes, meint Fabian. Der 29-jährige Gärtner ist vor einem halben Jahr wegen einer neuen Stelle von Jülich nach Bonn gezogen. Jetzt steht er bei Nobbi im Geschäft. Er sucht eine besondere Erstpressung von Black Sabbath. „Besorge ich dir“, sagt Nobbi.

„Ich selbst bin kein Sammler, aber ich beschäftige mich gerne mit Musik“, sagt Raimund Kron. Face Tomorrow zum Beispiel empfiehlt er. So nannte sich eine niederländische Alternative-Rock-Band aus Rotterdam, die es leider seit 2012 nicht mehr gibt. Das Quartett war sicherlich beeinflusst von Bands der 1990er Jahre wie Sunny Day Real Estate, Quicksand, At The Drive-In, Deftones, Radiohead, Muse und den Foo Fighters. Das Ganze haben sie zu einer teilweise recht melancholischen eigenen Musiksprache verarbeitet.

Kron selbst ist eher ein großer Fan der Musik von Neil Young, Crosby, Stills & Nash oder der Souther-Hillman-Furay Band, eine vor allem in den USA ungemein populäre Supergroup aus den 70er Jahren, bestehend aus Richie Furay (Buffalo Springfield, Poco), Chris Hillman (The Byrds, Flying Burrito Brothers, Manassas) sowie J. D. Souther. Auch Klaatu, die kanadische Progressive-Rock-Band, und die Psychedelic-Rock-Band Tin Tin, die sich schon 1973 auflösten, hört er gerne, aber auch Gorillaz und Depeche Mode.

Das Geschäft eine kleine Insel für Musikliebhaber

Wie ist er denn überhaupt dazu gekommen, als Banker einen Plattenladen aufzumachen? „Ich habe vor Jahren mal angefangen, meine Plattensammlung zu digitalisieren, und dabei ist mir aufgefallen, dass sich die zum Teil 40 Jahre alten Scheiben immer noch toll anhörten. Von der Vinylwelle war noch nichts zu spüren, aber ich hatte dennoch den Drang, Platten anzubieten“, erzählt er. Zunächst bot er die Schallplatten auf einem Maikäferfest in Oberkassel an. Das Vorstandsmitglied der örtlichen Gewerbegemeinschaft wollte einfach mal was Besonderes anbieten. „Ich liebe Platten. Eine Schallplatte in der Hand ist was Ehrliches“, schwärmt er.

Jazzliebhaber kommen sowieso. So klein das Geschäft im Herzen Oberkassels auch ist, man kann dort unter mehr als 350 Neuerscheinungen stöbern. Mittlerweile ist sein Geschäft eine kleine Insel für Musikliebhaber. Und bei jungen Leuten kommt das offenbar auch an. „Junge Mädchen kaufen Nirvana bei mir, Schüler fragen nach Deep Purple und Black Sabbath“, sagt er.

„Stimmt“, bestätigt Nobbi. „Geil“ findet er, dass immer mehr junge Leute nach Janis Joplin, Jimi Hendrix, Black Sabbath oder Led Zeppelin fragen. „Das ist eben was anderes, eine Platte in der Hand zu haben, als über Spotify Musik zu hören.“ Auch die Älteren kommen. „Die, die mir früher ihre Sammlung verkauft haben, fangen jetzt an, die Platten wieder zu suchen“, sagt Nobbi, der sich seine Freude an der Platte immer noch beibehalten hat. Sein letzter erworbener eigener Schatz? „Eine alte Pressung von Kin Ping Meh. Hammer!“