Oberkasseler Menschen im LVR

Moderne Technik lüftet die Geheimnisse der Toten

OBERKASSEL. Vor 14.000 Jahre wurden ein Mann und eine Frau am Steinbruch Rabenlay beerdigt. Nun hat eine Gerichtsmedizinerin ihr Antlitz wiederhergestellt.

Nach fast 14.000 Jahren Todesschlaf und hundert Jahre nach der Entdeckung der Skelette haben die Toten aus dem Oberkasseler Doppelgrab wieder Gesichter bekommen. Anhand der gut erhaltenen Schädel hat Gerichtsmedizinerin Constanze Niess das Antlitz der Toten von der Rabenlay rekonstruieren können. Für die Forscher ist das ein Riesenschritt - und sicher nicht der letzte. Denn so greifbar die Eiszeitjäger nun daher kommen, so sehr hüten sie noch immer ihre letzten Geheimnisse.

So viel ist schon über "Bonns ältestes Pärchen" geschrieben und gesagt worden, dass man meinen könnte, man kennt die beiden mittlerweile so gut wie die eigenen Nachbarn. Und dann das: Da zieht Liane Giemsch, Projektleiterin am Institut für Archäologie an der Universität Bonn, sachte das Papier vom rekonstruierten Kopf des Mannes und man erschrickt, geht unwillkürlich einen Schritt zurück. Denn aus der Vitrine bohrt sich der Blick zweier grau-blauer Augen in den Besucher - sehr entschlossen, nicht unfreundlich. Darüber erheben sich kräftige Knochenbögen, eine epische Stirn.

Das fliehende Haar des Jägers, sichtbarstes Zeichen seines allmählichen Alterns, könnte fast Mitleid auslösen, würde es nicht einen Nacken entblößen, der so kräftig ist, dass ein mickriger Büromensch der geologischen Gegenwart nur vage erahnen kann, wie gewaltig jener Kraftprotz gegen Hunger, Feinde und Wetter gekämpft haben muss. Nichts, aber auch gar nichts, kann einen dann auf den Anblick seines Kinns vorbereiten: Die starken Knochen dominieren das ganze Gesicht, geben ihm seinen respekteinflößenden Charakter. Der Effekt gerät umso stärker, da der Jäger zu Lebzeiten seine oberen Frontzähne verloren hat und die Oberlippe kläglich zurückgefallen ist. Sein geringstes Problem, weiß Liane Giemsch, doch dazu später.

Erst einmal müssen selbst die Archäologen, von Berufs wegen eher auf Staubtrockenes geeicht, Rührung und Ehrfurcht sacken lassen. Vier Jahre haben Giemsch und Ralf Schmitz, Fachreferent für Vorgeschichte im Landesmuseum, auf die Knochen des 40-jährigen Jägers und seiner halb so alten Gefährtin geblickt.

Jetzt hat die Frankfurter Gerichtsmedizinerin Constanze Niess ihnen in großer Akribie ihre Gesichter zurückgegeben - in Profi-Knetmasse, die aussieht wie Fleisch und Blut. "Es ist die Verwandlung vom archäologischen Fundstück zum Menschen", sagt Schmitz, "die Gesichtsrekonstruktionen holen diese beiden Menschen, die wie wir geliebt und gelitten haben, so viel näher an uns ran."

Zweieinhalb Jahre hat Niess daran gearbeitet, den Oberkasselern wieder ein Antlitz zu geben. Für die Forensikerin, die in ihrem Hauptjob Gesichter verwester, entstellter Mordopfer rekonstruiert, war der Bonner Auftrag ein ganz besonderer: "Jeder Schädel ist so einmalig wie ein Fingerabdruck", sagt sie, "und jemandem aus der Steinzeit sein individuelles Gesicht wiederzugeben, war besonders reizvoll."

Künstlerische Freiheit beansprucht die Gerichtsmedizinerin nicht für sich. Ihr Ehrgeiz galt allein einer faktisch richtigen Rekonstruktion. "An den Muskelansätzen des Mannes sieht man schon, dass er ordentlich Testosteron produziert hat", erklärt Niess, "das bewirkt nun mal eben auch Haarverlust, weshalb er in der Rekonstruktion keinen Lockenschopf trägt."

Der verwachsene Oberkiefer zeigt, dass dem ältesten bekannten Rheinländer schon lange die Zähne fehlten. "Wie aber sieht eine Oberlippe aus, wenn Zähne über viele Jahren nicht von Prothesen ersetzt werden", fragte sich Niess - und blickte zur Inspiration nach England. Denn: "Dort ist die Gesundheitsversorgung schlechter."

Man sieht häufiger zahnlose Menschen, kann studieren, wie sich ihre Gesichter durch den Verlust verändern. Im Großen und Ganzen aber hätten die Eiszeitjäger viel Ähnlichkeit mit uns: "In der Genetik sind 14.000 Jahre nicht mehr als ein Wimpernschlag", so Niess, "der Mann könnte heute in der Straßenbahn sitzen, Zeitung lesen und würde nicht auffallen." Auch die Gefährtin des Jägers, wohl 25 Jahre alt zum Zeitpunkt des Todes, mit breiten Wangenknochen, einem simplen Zopf und braunen Augen ausgestattet, wirkt so lebensecht, dass sie gut in einem Hörsaalgebäude oder auf dem Wochenmarkt anzutreffen wäre.

Wie gut und wie schlecht es den zwei Oberkasselern vor über 14.000 Jahren ergangen ist, wissen die Forscher, seitdem sie mit Hightech selbst die Eiszeit ausloten können. Das Verhältnis von Kohlenstoff und Stickstoff im Knochen etwa zeigt, dass das Paar sich - anders als die fleischversessenen Neanderthaler vor ihnen - oft von Pflanzen und Süßwasserfisch ernährt hat. DNA-Analysen beweisen, dass die zwei Oberkasseler keine Geschwister sind.

"Vielleicht sind sie Vater und Tochter", sagt Schmitz, "vielleicht hat sich die jüngere Frau aber auch dem älteren Mann angeschlossen, weil er sie und ihre Kinder sicher durchs Leben bringen würde." Dass die Gefährtin des Jägers Kinder hatte, zeigt jedenfalls eine Delle im Beckenknochen. Wissenschaftler an über 30 Instituten weltweit analysieren derzeit die Skelette - weitere Erkenntnisse sind da sicher.

Doch auch Laien können an den Gebeinen von "Adam und Eva aus dem Rheinland" Lebensstationen mit dem bloßen Auge ablesen: Da ist die gebrochene und krumm verheilte Elle des Jägers oder die Lücke, die ein Abszess in seinem Unterkiefer hinterlassen hat. Dass ein junger Hund mit ihnen beerdigt wurde, zeigt, wie innig das Verhältnis des Paares zu dem Tier gewesen sein muss.

Sorgsam ausgewählten Grabbeigaben - ein Braunbär-Penisknochen, ein Hirsch-Schneidezahn und ein Knochenstab mit Elchverzierung als Haarschmuck - aber auch gemörserte, rote Mineralfarbe, die aufwendig über die drei Leichen gestreut wurde und sich heute noch auf ihren Skeletten findet, deuten darauf hin, dass die Oberkasseler nicht ermordet worden sind. "Vielleicht hat sie ein Virus getötet, vielleicht war es ein Unglück", spekuliert Schmitz.

Woran starben die Oberkasseler - und was wurde aus den Kindern der Frau? Ist die Rabenlay ein Bestattungsort, der noch andere Skelette birgt? Finden sich in der Nähe gar Reste einer unentdeckten Siedlung? Mit dem Fortschreiten von Zeit und Technik - bei der Entdeckung der Skelette vor 100 Jahren war schließlich an die heute so aufschlussreiche DNA-Analyse auch noch nicht zu denken - hoffen die Forscher, auch die letzten Geheimnisse zu lüften.