Haussanierung in Oberkassel

Leben im Knast

OBERKASSEL. Bei der Besichtigung ergeht es dem Besucher wie in einem guten Kinofilm – er muss mehrfach hinschauen, um alles zu sehen! Etwa Franzl im Sträflingslook mit Nr. 920701. Die eigens angefertigte Figur auf dem Dach ist ein Detail, das auf die erste Bestimmung des Hauses hinweist. Es ist nämlich das frühere Gefängnis von Oberkassel, das Uschi Schwarz und ihr Mann Uli in einjähriger Arbeit in ein Kleinod verwandelten.

Die Erdgeschoss-Fenster sind weiß vergittert: Das muss so sein. Beim Blick durchs holzgerahmte Doppelglasfenster ist ein Schrank zu erkennen, der wie ein Metallspind aussieht. Im Innern führt eine Tür mit riesigem Eisenschlüssel und winzigem Guckloch in „Zelle III“. Über der Tür – wie bei den anderen beiden Zellen auch – ist ein Loch in der Mauer, ebenfalls mit Gitterstäben.

Doch hinter der echten Zellentür fällt der Blick in ein schickes Schlafzimmer. Heller Teppichboden, ein schön geschwungenes Doppelbett aus poliertem Nussbaumholz. Möbel im Industrie-Design passen ins Ambiente. Auch das Bad en suite mit Doppelwaschtisch und ebenerdiger Dusche ist geschmackvoll mit Materialien wie Kupfer (als Mosaik) ausgestattet, die in die Zeit vor mehr als 100 Jahren passen, aber modern daher kommen. Die 91x91 cm großen Bodenfliesen wirken wie Quadrate aus dunklem Holz, an dessen Ecken sich die Farbe dünn macht. „Die Fliesen sind total unempfindlich“, freut sich die Hausherrin, „da siehste nix!“ Selbst Bömmels Haare nicht. Der Terrier gehört zur Familie.

Die gleichen Fliesen in Weiß finden sich im Flur wieder und in dem Raum, der in den Anfängen die Feuerwehr-Spritze beherbergte. Wo damals ein Tor mit Rundbogen den Zugang versperrte, gelangt der Besucher nun durch eine große Glastür in die Küche. Modernes Mobiliar und der zum Teil abgeschlagene helle Putz an den Mauern aus rötlichen Ziegelsteinen gehen eine harmonische Verbindung ein. Dominiert wird die Küche von einem riesigen Holztisch, auf dem früher Billard gespielt wurde. Jetzt hat hier die komplette Familie reichlich Platz.

Vor einigen Wochen zogen auch Uschis Eltern Alfred und Sophie im Erdgeschoss des früheren Wasserwerkes nebenan ein. Die Tochter hat ihnen mit viel Liebe zum Detail eine behindertengerechte Wohnung eingerichtet.

Im eigentlichen alten Knast wohnen nun Uschi Schwarz und ihr Mann Uli, im großzügigen Dachgeschoss darüber Uschis Sohn, seines Zeichens Oberkassels amtierender Maikönig Dennis mit seiner Königin Patricia. Durch Löcher im Dach waren vor einer Weile noch Mond und Sterne sichtbar. Jetzt ist alles tipptopp, und der neue Holz-Balkon vor der Wohnungstür ist auch so gut wie fertig.

Ein großer Innenhof verbindet das ehemaligen Oberkasseler Arresthaus (um 1900 erbaut) mit dem Gebäude Königswinterer Straße 803. Auch dies ist ein geschichtsträchtiges Bauwerk – errichtet zwischen 1894 und 1912 –, das lange als Wasserwerk fungierte. In einem kleinen Pumphaus direkt nebenan gibt es noch einen Brunnen.

Alles gehörte den Stadtwerken, die das gesamte Areal schon 2010 veräußern wollten. Doch es fand sich kein Käufer. Und dann sah Uschi die Anzeige. Die gebürtige Oberkasselerin (55) kannte das Objekt, das lange Zeughaus der Kaasseler Jonge war, aus ihrer Zeit als Tanztrainerin der „Alten Kameraden“. Sie war sich mit ihrem Mann schnell einig: Das soll unser neues Zuhause werden! Gesagt, aber lange noch nicht getan.

Das Amt für Denkmalschutz hatte ja ein Wörtchen mit zu reden. Schließlich war alles unter Dach und Fach, und die Arbeiten konnten beginnen. Zu tun gab's genug. Das vernachlässigte Gelände musste in Schwerstarbeit auf Vordermann gebracht werden. Und wenn sie von der Baustelle kam, saß die Bauherrin noch nächtelang vorm Computer und forschte nach dem passenden Interieur für das außergewöhnliche neue Heim. Es sollte ja alles stimmig sein.

Sohn Dennis musste samstags von 7 Uhr bis in die Dunkelheit mit anpacken, um sich das „Wohnrecht“ zu erarbeiten. Und natürlich schuftete auch Ulis Sohn Florian mit, um am Ende mit Freundin Nici einziehen zu können.

Wie die Gebäude, die die Familie mehr als zwölf Monate sanierte, aus- und umbaute und neu erfand, ist auch der Innenhof nicht wiederzuerkennen: Mit rund 100 Tonnen Füllmaterial wurde hier das Gefälle beseitigt und der Boden soweit angehoben, dass die Treppe ins Gefängnis überflüssig wurde. Das Niveau der Küche/Remise ließ Bauleiter Uli um rund 60 cm anheben. Die Küche und der gesamte untere Wohnbereich sind so auf einer Höhe.

Im lauschigen Innenhof trifft man sich nun an der überdachten „Knasttränke“. In der Mitte plätschert ein Brunnen mit Löwenkopf an jeder Seite: Sinnbildlich für vier der neuen Bewohner, die im Sternzeichen des Löwen geboren worden sind – an zwei Tagen im August.