Kommunikation zwischen Mensch und Hund

"Kein Hund will frei laufen"

Mirko Tomasini versucht, mit seinen beiden Hündinnen Itzy (links) und Fanni ohne Kommandos zu kommunizieren. FOTO: JOHANNA HEINZ

Mirko Tomasini versucht, mit seinen beiden Hündinnen Itzy (links) und Fanni ohne Kommandos zu kommunizieren.

03.11.2014 Beuel. Der Coach und Buchautor Mirko Tomasini über Missverständnisse rund um den Hund.

Der Hundetrainer und Buchautor Mirko Tomasini (44) glaubt, dass in der Kommunikation zwischen Mensch und Hund oft so einiges falsch läuft. Am Donnerstag, 6. November, ist er beim Beueler Verein Hundefreilauf Bonn zu Gast.

Herr Tomasini, wie oft verwenden Sie am Tag das Wort "sitz"?
Mirko Tomasini: Kein einziges Mal. Es gibt für mich keinen Grund dazu. Das ist für mich ein Kommandoton. Wenn ich so mit meinen Kindern umgehen würde oder mit einer Partnerin, dann wäre es eine Beziehung, die auf wackeligen Beinen steht.

Jetzt sind Sie aber nicht mit Ihren beiden Hündinnen in der Wildnis unterwegs, sondern bewegen sich in menschlicher Gesellschaft...Tomasini: Das Miteinander mit anderen hängt ja nicht davon ab, ob meine Hündin sich hinsetzt oder nicht. Sondern davon, dass ich mich frage: Wo kommen nicht nur meine Hunde anderen in die Quere, sondern auch ich? Dass das nicht passiert, kann ich ganz einfach dadurch gewährleisten, dass ich meine Hunde mit einer Körperbewegung heranhole, wenn sie stören. Mir ist es wichtig, dass ich die Beziehungsqualität zwischen Mensch und Hund im Blick habe. Wenn wir es schaffen, klar mit uns selbst zu sein, dann können wir unsere Hunde führen, ohne dass wir Kommandos brauchen, weil sie dann sowieso bei uns sein wollen. Eine Ausnahme sind natürlich sinnvolle Kommandos im Arbeitsumfeld des Hundes, bei Rettungs- und Servicehunden beispielsweise.

Einigen Hundebesitzern gelingt das aber offenbar nicht. In Beuel gibt es beispielsweise immer wieder Ärger mit Anwohnern ...
Tomasini: Ich kann den Ärger absolut verstehen. Manche Menschen glauben,weil sie Hunde haben, haben sie einen größeren Freiraum als andere. Der Hund wird missbraucht, um den eigenen Egoismus auszuleben. Es gibt Grundrechte für Hunde, aber dazu gehört definitiv nicht, auf fremde Grundstücke zu pinkeln oder in Wohngebieten frei zu laufen. In dem Moment, wo ein Mensch mit seinem Hund rausgeht und glaubt, der Hund müsste frei laufen, klappt das nicht mehr ohne Kommandos. Das Dilemma ist aber, dass der Freilauf nicht das Bedürfnis des Hundes ist, sondern es ist das Bedürfnis des Menschen, seinen Hund frei laufen zu sehen. Kein Hund will frei laufen. Er will vor allem eins: bei der Gruppe sein.

Was sind denn dann die Grundrechte von Hunden?
Tomasini: Das größte Grundrecht eines Hundes ist Kontakt zur Gruppe und das Recht auf Führung, auf Sicherheit und jemanden, der Entscheidungen trifft, mit denen Hunde überfordert sind.

Das Herrchen als "Leitwolf" also. Haben Sie deshalb Ihr Trainingskonzept so genannt?
Tomasini: Bei dem Begriff denken viele Menschen an die überholten Dominanztheorien: Ich muss als erster durch die Tür, als erster fressen. Mir geht es aber eher um die Natürlichkeit, die in dem Begriff steckt - die liebevolle Autorität und Macht, für die Gruppe einstehen, Disziplin und Ruhe einfordern, aber auch sicherstellen, souverän der Gruppe vorzustehen. Es geht um den inneren Leitwolf der Menschen.

Und wie findet man diesen inneren Leitwolf?
Tomasini: Indem der Mensch sich zuallererst um sich selbst kümmert. Den Blick auf sich und seine Verantwortung lenkt, statt zu fragen, wie er seinem Hund ein Kommando beibringen kann. Die meisten werfen die Flinte ins Korn und sagen: Der Hund hört ja eh nicht auf mich. Dann frage ich eine Stufe vorher: Wie konnte es überhaupt passieren, dass er den Kontakt zu dir abgebrochen hat? Grund ist oft ein Wust von Missverständnissen, der dazu führt, dass Gesprächsangebote nicht angenommen werden, die der Hund macht. Beispielsweise bringt ein Hund dem Menschen Respekt dadurch entgegen, dass er wegguckt. Wir Menschen sind aber gewohnt, uns in die Augen zu schauen. So entstehen Missverständnisse auf banalster Ebene. An dieser Beziehung und Kommunikation kann man arbeiten. Menschen können lernen, der Leitwolf ihres Hundes zu sein.

Themenabend

Auf Einladung des Beueler Vereins "Hundefreilauf Bonn", der die Freilauffläche in der Rheinaue an der Nordbrücke betreibt, referiert Hundetrainer Mirko Tomasini am Donnerstag, 6. November, zum Thema "Kommunikation Mensch-Hund". Der Themenabend beginnt um 18 Uhr im Gustav-Stresemann-Institut in Bad Godesberg, Langer Grabenweg 68. Die Veranstaltung dauert drei Stunden, in der Mitte wird eine Pause samt Snacks eingelegt. Die Teilnahme kostet 15, für Vereinsmitglieder zehn Euro. Um Anmeldung per E-Mail an kontakt@hundefreilauf-bonn.info wird gebeten. Der Verein bittet um Verständnis, dass zum Vortrag keine Hunde mitgebracht werden dürfen.

Zur Person

Mirko Tomasini ist 44 Jahre alt, lebt mit seinen beiden Hündinnen Fanni und Itzy in Much und arbeitet als Hundetrainer, Coach und Buchautor. Der gelernte Tierheilpraktiker und Homöopath verfolgt dabei einen ganzheitlichen Ansatz. Als Experte tritt er auch regelmäßig im Fernsehen auf. Tomasini lebt getrennt und hat vier Kinder. (Johanna Heinz)