Schauspielhalle

Eine neue Kulturmeile für Beuel

Das Luftbild zeigt, wie groß das ehemalige Fabrikgelände ist.

BEUEL. Auf den ersten Blick wirkt alles trist. Alte Fabrikhallen, Container, unbespielte Bühnen und ein sanierungsbedürftiges Verwaltungsgebäude. Doch der Schein trügt: Im riesigen Gelände der Schauspielhalle Beuel steckt so viel Leben drin.

Inklusive aktueller Inszenierungen. Schreiner, Maler, Plastiker haben in ihren Werkstätten Platz, um  sich räumlich und künstlerisch zu entfalten. In diesem Jahr wird nun das Pantheon mit einziehen und dem kulturellen Zentrum an der Siegburger Straße seinen Stempel aufdrücken. Die Erwartung ist groß: beim Team des Bonner Kabaretts, der Stadt Bonn und natürlich den Gästen. Doch wer weiß schon, was alles in dem Gelände steckt? Der GA blickt bei einem Rundgang hinter die Kulissen.

Interaktiver Lageplan

(Für Informationen mit dem Zeiger über das Bild fahren)

(Foto: Volker Lannert)

Verwaltung

Die Tour beginnt an der Einfahrt mit der Verwaltung, dem vielleicht langweiligsten Bau, der sich noch nicht mal in einem guten Zustand befindet. "Das Dach ist dringend sanierungsbedürftig", sagt Rüdiger Frings, der kaufmännische Direktor des Theaters Bonn. Die Reparatur sei schon in Planung.

Lampenlager

Die Bestuhlung für rund 100 Zuschauer ist noch drin, dabei wird die Bühne bereits seit mehr als einem Jahr aus Brandschutzgründen nicht mehr bespielt. "Es ist ein Jammer", sagt Kulturdezernent Martin Schumacher, denn der Saal eigne sich für kleine Formate ganz besonders. Hier befand sich die Nahtstelle zur freien Szene - ein Verlust für das kulturelle Leben in Bonn. Doch mit dem Pantheon könnte sich das wieder ändern (siehe Text unten).

Freiwillige Feuerwehr

Die Helfer haben auf dem Theatergelände hinter der Verwaltung ihr Quartier. Davor steht eine Theaterkasse, daneben der Container, in dem das Eine-Frau-Stück "Der Traum von Olympia" gespielt wird. Da passt genau eine Schulklasse rein. Wenn für die der Weg nach Beuel zu weit ist, dann kommt der mobile Theatercontainer praktischerweise einfach zu den Jugendlichen in die Schule. "Das Gelände bietet viele Möglichkeiten zur Entfaltung", findet Martin Schumacher.

Alter Malersaal

So manche Kinder- und Jugendoper ging hier schon vor 200 Zuschauern über die Bühne.  Heute ist die Elektrotechnik so veraltet, dass Feuerwehr und Bauordnungsamt den Publikumsverkehr verbieten würden. Eine Sanierung wäre der Stadt zu teuer. So werden die Räume derzeit als Lager, unter anderem für Kostüme, genutzt. Doch auch hier gibt es Pläne für Neues.

Werkstätten

"Hier fließt auch Schweiß", sagt Schumacher. Muss auch, denn in Beuel entstehen die Masken, Kulissen und Bühnenbilder für alle Spielstätten des Theaters, sei es die Oper in Bonn oder die Kammerspiele in Bad Godesberg. Wenn in einem Garten etwa eine Plastik im Stile Michelangelos steht, kann man davon ausgehen, dass sie sich einfach auf die Schulter heben und wegtragen lässt. Denn die Bühnenplastiker arbeiten vor allem mit Styropor. Mannshohe Blöcke stehen als Rohlinge neben der Bandsäge.

Die Kunst besteht zum Beispiel darin, nur ein Foto als Vorlage zu haben, woraus dann eine dreidimensionale Figur entstehen soll. "Man lernt das", so Lisa Ludwig, die sich im zweiten Ausbildungsjahr befindet und vorher Kunstgeschichte studiert hat. "Ich sehe mich als Kunstdienstleisterin", sagt die 26-Jährige und betupft einen 30 Jahre alten Engel mit Goldbronze, damit er bei "Benvenuto Cellini" eine gute Figur macht. Ein paar Ausbesserungen hat er auch schon hinter sich, denn bei den "Nibelungen" zog er sich ein paar Schrammen zu. Bühnenplastikerin Bettina Göbel berichtet, dass es schon manche, durchaus künstlerische Herausforderung gab. Etwa, als ihr Team Sängerinnen in Salzkrusten packen sollte. "Das fand ich ausgesprochen spannend, ob das gehen kann." Nach einem langen Prozess habe es schließlich auch eine Lösung gegeben.

Die Reise führt nach "Jerusalem" - dem neuen Stück, für das in der Schreinerei unter Leitung von Peter Brombach große Holzteile mit Stahlgerüsten aus der Schlosserei kombiniert werden. Die Arbeitsbedingungen in Maschinen-, Bankraum und beim Plattenzuschnitt sind bestens. Alle Handwerker "sind am Ende stolz, das fertige Bühnenbild zu sehen", sagt Brombach und geht rüber zu "et frazich Julche", der riesigen Plattenaufteilsäge. Ihren Namen hat sie, weil sich nicht jeder Kollege sofort mit der modernen Computersteuerung anfreunden kann und die Säge dann nicht immer das macht, was man will. Julchens Schnittlänge kann sich sehen lassen, sie beträgt 5,80 Meter.

Wo es eben noch nach frischen Spänen roch, sind es ein paar Türen weiter die Düfte von Farben. "Das ist mit 1800 Quadratmetern die größte Werkstatt", erklärt Judith König. Zum großen gehört auch noch ein kleiner Malsaal. Auf dem Boden liegt eine riesige weiße Schleiernessel - eine durchleuchtbare Stoffbahn. Bettina von Keitz hat das Foto eines Dampfers als Vorlage, das sie nun über Papierpause überträgt. Der Schiffsgrundriss wird perforiert und dann mit Pulver auf den Stoff übertragen. Erst dann kommt der Pinsel zum Einsatz. "Da darf man sich nicht vermalen. Das bekommt man nicht mehr weg", sagt König.

Halle Beuel

Hier wird das Pantheon einziehen, nach dem Umbau im Sommer sind erste Aufführungen vor Weihnachten geplant. Darüber ist das Ensemble des Theaters Bonn nicht glücklich, so Frings. Die Reaktionen reichten von vorsichtiger Traurigkeit bis hin zu Entsetzen. Das liegt auch daran, weil die Jutefabrik "als Industriegelände unglaublich wandelbar ist", sagt Frings. In den Räumen könne man sogar ein Amphitheater errichten, ergänzt Schumacher und lobt dabei die Intimität der Spielstätte. Zurzeit wird im einen Teil der Halle vor 240 Zuschauern "Schöne neue Welt" gespielt. Der hintere Bereich dient im Moment Proben, es findet dort aber auch Jugendtheater statt. Im hinteren Gebäude befinden sich Büros, Duschen, Garderoben, eine Kantine und Büros.

Kulissenlager

Vorbei an Containern, die für den Transport zu den Spielstätten genutzt werden, geht es erst zum Möbel-, dann zum Kulissenlager. Da ist alles untergebracht von den abgespielten Produktionen, die aber vielleicht wieder aufgeführt werden - wie die Zauberflöte. Dies ist das Reich von Walter Schneider, der sich zwischen Gestänge, falschen Bäumen, einem Holzkahn und zahlreichen Puppen mit abgeschnittenen Köpfen bestens auskennt. Es gibt eine "Mädchen Schrauben Kiste", wobei es sich bei "Mädchen" um ein Stück handelt. Neben Treppe, Dielen, Kronleuchtern und einem riesigen Schimmel steht eine Kuh. Wer hier auf Entdeckungsreise geht, kommt so schnell aus der Halle nicht mehr raus.

Probebühnen

Die Schauspieler müssen vor der Premiere auf einer dieser drei Bühnen ihr Stück einstudieren. Das geht nicht in der Oper oder den Kammerspielen, da dort ja zur selben Zeit etwas anderes läuft.

Kostümwerkstatt und -fundus

Adelheid Pohlmann ist Kostümdirektorin mit Leib und Seele. "Ich wüsste nicht, was ich lieber täte." So ergeht es vielen der gut gelaunten Kreativen am Standort Beuel. Pohlmann arbeitet seit 14 Jahren hier, ist auch für die Kostümwerkstatt an der Oper zuständig. Rund 50 Leute gehören zum Team. Auch wenn nicht alles selbst hergestellt wird, ist doch das meiste maßgeschneidert. Durch die Anprobe muss somit jeder Schauspieler, ein Aufkleber "Ausziehen" an der Tür deutet an, was Sache ist und dass alle Humor haben. Nebenan stehen Nähmaschinen und Schneiderpuppen in allen Größen, auf der ersten Etage werden die Kostüme gelagert.

Requisitenlager

Auch an diesem Ort gibt es soviel zu entdecken: Gläser, Spazierstöcke, Koffer, Flaschen, Kaffeeautomaten, Mixer, Handtücher, Stofftiere, Bücher, Bügeleisen, Brillen und sogar Spiegelkugeln. Hier finden sich am Ende selbst die kleinsten, aber vielleicht wichtigsten Utensilien für die große Bonner Theaterwelt.