Der "wilde Osten" von Beuel

Ein Stadtspaziergang mit Rainer Selmann

Diskutieren über den "wilden Osten" von Beuel: Gisela Kündgen und Rainer Selmann.

BEUEL. "Hier haben die Arbeiterfamilien in Zweizimmerwohnungen gelebt. Toiletten gab es keine, dafür musste man auf den Hof gehen", sagt Rainer Selmann und deutet auf eine Reihe von gelben, einheitlich-gebauten Häusern an der Josef-Tiebes-Straße.

Der Duft von Schokolade liegt in der Luft, denn gegenüber produziert die Firma Kessko Backhalbfabrikate wie Nussnougatmasse und Marzipan. "Und dieses schöne Gebäude diente damals als Werkskindergarten für die Arbeiter", erklärt Selmann.

Beim Stadtspaziergang durch den "wilden Osten" von Beuel kann der bekannte Bonner Stadtführer Selmann so einiges über die rege Vergangenheit des Gebietes östlich des Beueler Bahnhofes erzählen. Bis 1850 gab es dort nämlich nur Felder und Scheunen, während im Umkreis schon längst die Zivilisation angekommen war.

Mit der Errichtung der Fabriken zogen auch die Menschen in den Osten, um hier ihr Geld zu verdienen. "Für die Arbeiter wurden dann hier diese Häuser gebaut. Es war alles sehr eng und knapp berechnet. Nur 22 Quadratmeter Wohnfläche standen einer Familie zur Verfügung", sagt Selmann. Sanitäranlagen seien erst im Jahr 1936 errichtet worden.

Der ehemalige Kindergarten an der Paulusstraße hat die interessanteste Geschichte. "Es wurde früher Kinderbewahranstalt genannt. Bis fünf Uhr nachmittags betreuten zwei Nonnen die Kinder der Arbeiter", sagt Gisela Kündgen, die heutige Besitzerin des geschichtsträchtigen Gebäudes. Kaum jemand wisse aber, dass dort jahrelang auch eine Notkirche gewesen sei. "Jeden Sonntag um neun Uhr kam hier der Pfarrer, um seinen Gottesdienst zu halten, bis 1956 die Pauluskirche erbaut wurde", sagt Kündgen.

Nebenan gab es damals für die ledigen Arbeiter und Arbeiterinnen ein Wohnheim. "Schlaf- und Speisesäle waren natürlich nach Geschlechtern getrennt", sagt Selmann. Außerdem habe es in der Nähe noch Chemiefabriken gegeben, in denen unter anderem Schleifmittel hergestellt wurden. "In den heutigen Theaterwerkstätten war damals eine Jutespinnerei." Der Spaziergang führt natürlich auch am Beueler Bahnhof vorbei. Er sei für die Industrie sehr wichtig gewesen. Im zweiten Weltkrieg wurde er fast komplett zerstört, allerdings nicht durch einen direkten Bombeneinschlag. "Mehrere Waggons mit Artillerie standen neben dem Bahnhof. Als die von einer Bombe getroffen wurden, explodierte alles, und so wurde das Bahnhofsgebäude mit zerstört", so der Stadtführer.

Allein die hölzerne Bahnsteigüberdachung habe überlebt. Heute steht sie unter Denkmalschutz. Gegenüber befindet sich der ehemalige Güterbahnhof mit einem Luftschutzbunker. Seine geschäftigen Tage hat der aber schon längst hinter sich. Heute werden hier Ersatzteile für Oldtimer nachgebaut.

Mit der Industrie kam damals also auch das Leben in den Osten von Beuel und machte das Viertel zu dem, was es heute ist. Chemiegerüche und Schokoladenduft schweben bis heute durch den "wilden Osten".