Stingenberg in Oberkassel

Doppelgrab mit Aussicht

Auf der Spur der Oberkasseler Menschen: Im Beueler Heimatverein sprach Peter Bruno Hoenig über die Funde vor 100 Jahren.

Auf der Spur der Oberkasseler Menschen: Im Beueler Heimatverein sprach Peter Bruno Hoenig über die Funde vor 100 Jahren.

BEUEL. "Sie alle haben als Rheinländer eine 14 000-jährige Stammesgeschichte, weil es den Oberkasseler Menschen gab." Mit diesen Worten eröffnete Peter Bruno Hoenig am Donnerstagabend in der Scheune des Heimatmuseums Beuel seinen Vortrag über den Oberkasseler Menschen.

Anlass war das Jubiläum der archäologischen Funde auf dem Stingenberg in Oberkassel: Im Februar 1914 wurden hier bei Steinbrucharbeiten 14 000 Jahre alte, relativ gut erhaltene Skelette gefunden - eine etwa 20 bis 25 Jahre alte Frau und ein 50 bis 55 Jahre alter Mann, die in einem Doppelgrab bestattet wurden. "Es gibt keinen vergleichbaren Fund, bei dem man ein 14 000 Jahre altes Skelett vorgefunden hat", erklärte Hoenig.

Es war allerdings kein vollständiges Skelett, das man vor 100 Jahren entdeckte: "Das Finden war nichts weiter als ein Sammeln vorhandener Knochen", sagte Hoenig. Diese einzelnen Knochen wurden ins Rheinische Landesmuseum gebracht, das daraus zwei Skelette rekonstruierte.

Hoenig ging in seiner Dia-Präsentation der Frage nach, weshalb die zwei Personen vor 14 000 Jahren so aufwendig auf dem Stingenberg begraben wurden. Und er schlussfolgerte, dass der Ort bewusst gewählt war, da er eine einzigartige Aussicht über das Rheintal bietet. "Die Menschen, die dort begraben wurden, waren etwas Besonderes", erklärte Hoenig. Die Rekonstruktionen von Rechtsmedizinern zeigten, wie die Oberkasseler Menschen ausgesehen haben könnten.

Es waren nicht nur die 14 000 Jahre alten menschlichen Überreste, die Hoenig in seinem Vortrag beleuchtete, sondern auch die vielen weiteren archäologischen Funde aus dem Doppelgrab: Aus Knochen und Geweih geschnitzte Kunstwerke und ein Schaber zum Bearbeiten erlegter Tiere waren ebenso unter den Fundstücken wie der Penisknochen eines Bären, den man vermutlich als Stichelwerkzeug bei der Kleiderherstellung verwendete.

Anhand der im Doppelgrab gefundenen Werkzeuge schlussfolgerte Hoenig, dass die Frau Leder hergestellt haben muss. "Sie wurde mit ihren Arbeitsgeräten begraben, um zu zeigen, dass sie Modeschöpferin gewesen ist", meinte Hoenig.

Als kleine Sensation kann man den Fund von Tierknochen in dem Doppelgrab bezeichnen. "Wir wissen jetzt, dass neben den zwei Oberkasseler Menschen ein Hund begraben war", berichtete Hoenig. Dieser wurde möglicherweise als Jagdhund oder als Bewacher einer Herde eingesetzt und deshalb mit den beiden Menschen begraben.

In jedem Fall zählt er zu den frühesten Haushunden der Menschheitsgeschichte. "Das ist ein spannendes Geschehen, was sich damals in Oberkassel abgespielt hat", resümierte Hoenig und war sich sicher: "Die Dinge, die hier gefunden wurden, stellen weitestgehend das, was wir von den Neandertalern wissen, in Frage."

Anlässlich der sensationellen Entdeckungen vor genau 100 Jahren auf dem Stingenberg zeigt das LVR-Landesmuseum Bonn ab dem 23. Oktober die Ausstellung "Eiszeitjäger - Leben im Paradies". Zu sehen sind unter anderem die beiden Skelette, die Grabbeigaben und ein Teil des Hundegebisses.