Gespräch am Wochenende

Die neue Gefahr heißt Grundhochwasser

"Um Hochwasser zu vermeiden, müssen die Flüsse wieder langsamer werden", sagt Reinhard Vogt. Leiter der Hochwasserzentrale Köln.

Oberkante Unterlippe" - wenn das Chinaschiff beim Überfahren der Kennedy-Brücke aus dem Auto heraus zu sehen ist, schauen die Beueler gebannt auf den Rhein. Wird es ein neues Hochwasser geben? 30 Jahre ist es her, dass der Rhein in kurzen Abständen gleich zweimal über die Ufer trat - im April und Mai 1983. Beuel stand damals zu großen Teilen unter Wasser. Mit Reinhard Vogt, Geschäftsführer der Hochwasserschutzzentrale Köln, sprach Anke Vehmeier über Herausforderungen und Risiken im Hochwasserschutz.

Warum kam es im Jahr 1983 zum historischen Hochwasser mit Pegeln von 9,14 Meter am 19. April und 9,44 Meter am 29. Mai 1983 ?

Reinhard Vogt: Neben den üblichen Faktoren wie Schmelzwasser und starkem Regen wirkten sich damals besonders auch die politischen Entscheidungen aus. Das Hochwasser im Mai war allerdings dennoch ganz außergewöhnlich. Generell kann man sagen: Man hatte aus den Erfahrungen des Jahrhunderthochwassers im Jahr 1926 nicht genug gelernt und allgemein die gesetzlich festgelegten Überschwemmungsgebiete zu niedrig angesetzt. In den Nachkriegsjahren wurde viel gebaut, auch in Gebieten, die nicht geeignet waren. Damit wurde die potenzielle Gefahr ignoriert. Dabei hätten die Verantwortlichen in der Politik um die Risiken wissen müssen, wenn die Karten von 1926 vernünftig ausgewertet worden wären.

 

Und was geschah später?

Vogt: Der Oberrhein-Ausbau bis 1977 brachte eine zusätzliche Hochwassergefährdung für die Städte rheinabwärts. Von der Ausgleichsfläche von 1000 Quadratkilometern zwischen Basel und Karlsruhe blieben gerade einmal 130 Quadratkilometer übrig, dazu wurde die Strecke 70 Kilometer kürzer und damit die Fließzeit mehr als halbiert, der Rhein also schneller. Das brachte für Köln bis zu einem Meter mehr Hochwasser als zuvor. 1982 schlossen der Bund, Frankreich und die Bundesländer Hessen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz einen Vertrag über geplante Rückhalteräume. Beim Hochwasser 1983 hatte das natürlich noch keine Auswirkungen. Doch auch bis heute wurde der Vertrag nur zu etwa einem Drittel erfüllt. Das bedeutet eine permanente Gefahrensituation, die nun auch noch durch die Klimaveränderungen verstärkt wird.

 

Auch in diesem Jahr haben wir im April wieder hohes Wasser - wie kommt das?

Vogt: Das ist in diesem Jahr nichts Ungewöhnliches, im Frühjahr kommt der Schmelzabfluss aus den alpinen Regionen und wenn dann noch Starkregen aus den Mittelgebirgen über Mosel, Main und Lahn in den Rhein abfließen, steigt der Pegel. Ein Phänomen in den vergangenen Jahren, übrigens nicht nur im Rhein, ist dagegen, dass im Frühjahr innerhalb kürzester Zeit aus Niedrigwasser Hochwasser entsteht.

 

Welche Möglichkeiten sehen Sie, Hochwasser zu vermeiden?

Vogt: Mein Grundgedanke ist, die Flüsse müssen langsamer werden. Zum Beispiel durch die Renaturierung fließt das Wasser in Schleifen länger und hat mehr Raum sich zu verteilen oder durch Rückhaltung und Versickern von Wasser, wo immer es möglich ist. Durch die Verlangsamung des Abflusses kommt es weniger zu Überschneidungen von Hochwasserwellen der Zuflüsse. Meine Kollegen "Betonbauer" meinen hingegen, das Wasser müsse möglichst schnell abfließen. Sie bauen deshalb Mauern und begradigen Flüsse und wollen damit den Wasserablauf verbessern. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Viel Wasser kommt in kürzester Zeit zusammen und die Hochwasserwellen der Zuflüsse addieren sich.

 

Wird in Beuel genug für den Hochwasserschutz getan?

Vogt: Eine absolute Sicherheit gibt es nie. Es muss gelingen, zum einen eine ökonomisch vernünftige Lösung zu finden. Und zum anderen muss gleichzeitig das Bewusstsein in der Bevölkerung für die Risiken erhalten werden. Dazu gehören Informationen und Realisierung von Bauvorsorge - etwa Elektroinstallationen und Geräte in den ersten Stock verlagern - und Verhaltensvorsorge. Beuel hat einen vernünftigen Grundschutz geschaffen, aber Information und Maßnahmen zum Erhalt des Risikobewusstseins sind ausbaufähig.

 

Bewusstsein für welches Thema meinen Sie speziell?

Vogt: Die neue Gefahr heißt Grundhochwasser. Und sie wird häufig unterschätzt, da sie oft zeitversetzt zum Hochwasser im Fluss entsteht. Vereinfacht gesagt, dringt dabei Grundwasser in Hohlräume unter der Erdoberfläche und baut dabei Druck auf. Entsteht er etwa unter einem Keller, dann kann der Fußboden explosionsartig aufspringen, Feinsandteile werden ausgespült und dann kann am Ende die Standfestigkeit des Gebäudes gefährdet sein. Außerdem kann das unterirdische Hochwasser Konsequenzen für die Trink- und Brauchwassergewinnung haben.

 

Was unternimmt die Hochwasserschutzzentrale angesichts der neuen Gefahr?

Vogt: Wir haben die Universität Aachen beauftragt, ein Vorhersagemodul für Grundhochwasser zu entwickeln. Es stützt sich auf aktuelle Beobachtungen und ich hoffe, dass es noch bis Ende des Jahres in Betrieb gehen wird - also noch vor meiner Pensionierung.

 

Zur Person

Reinhard Vogt, geboren am 10. August 1949 in Hildesheim. Er ist seit 1995 Leiter der Hochwasserzentrale in Köln. Seit 2007 ist Vogt zusätzlich als Geschäftsführer des HochwasserKompetenzCentrums in Köln tätig.