Gespräch am Wochenende

Bruderschaft als Lebensgefühl

Dennis Pacht (links) und Phillip Fritzsche haben als „Chargierte“ der Oberkasseler Junggesellen-Schützenbruderschaft die ehrenvolle Aufgabe, durch die Kirmesfeierlichkeiten zu führen.

Dennis Pacht (links) und Phillip Fritzsche haben als „Chargierte“ der Oberkasseler Junggesellen-Schützenbruderschaft die ehrenvolle Aufgabe, durch die Kirmesfeierlichkeiten zu führen.

Oberkassel. Wenn Kirmes ist in Oberkassel, dann gibt es kein Halten mehr, dann herrscht fünf Tage fröhlicher Ausnahmezustand. Der Erste Brudermeister Dennis Pacht und der Zweite Brudermeister Phillip Fritzsche werden vom 20. bis 24. August durch die Kirmesfeierlichkeiten führen. Mit den „Chargierten“ sprach Anke Vehmeier über Tradition, Temperament und Toleranz.

Wir befinden uns heute in einer globalisierten Welt. Wie kommen junge Menschen dazu, einen jahrhundertealten Brauch so temperamentvoll zu leben?

Dennis Pacht: Wir hier in Oberkassel sind sehr stolz auf unsere Traditionen. Die Jesus-Maria-Josef-Junggesellen-Schützenbruderschaft besteht seit 222 Jahren. Sie hat die Vergangenheit mit zwei Weltkriegen überstanden. Dies kommt, weil uns der ganze Ort unterstützt. Das ist außergewöhnlich.Phillip Fritzsche: Bei uns ist alles, wie es schon vor hundert Jahren war. Und wir freuen uns, diese Tradition weitergeben zu können.

Was ist das Besondere an Ihrer Bruderschaft?

Pacht: Uns gelingt es, alle Oberkasseler und auch die Zugezogenen zu integrieren. Wir helfen einander und sind für die anderen da. Bruderschaft ist für mich ein Lebensgefühl.

Fritzsche: Wir sind eine Gemeinschaft von Jung und Alt. Wir schließen niemanden aus. Wenn zum Beispiel ein Bruderschaftsmitglied ins Krankenhaus muss, ist es für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir helfen und ihn besuchen.

Pacht: Ja, denn die Bruderschaft bedeutet viel Spaß. Aber auch die Pflichten übernehmen wir mit Freude. So ist es uns eine traurige Ehre, einen verstorbenen Bruder zu Grabe zu tragen.

Wollen Sie denn so gar nichts verändern? Gibt es keine Bruderschaft 4.0?

Pracht: Wir sind froh darüber, dass wir alles noch so machen können wie die Generationen zuvor. Aber natürlich haben wir auch neue Ideen – denen die Älteren übrigens meistens aufgeschlossen gegenüber stehen. Etwa als wir das Maifest aufgrund der unsicheren Wetterlage ans Pfarrheim verlegt haben. Das kam gut an.

Welche Bedeutung hat die Bruderschaft für den Ort?

Pacht: Wir beteiligen uns an allen Veranstaltungen wie Maifest, Weihnachtsmarkt, Fronleichnamsprozession, Karneval. Kurzum, wir sind der Ort. Denn hier helfen sich alle Vereine untereinander. Außerdem engagieren wir uns in der Kinder- und Jugendarbeit mit verschiedenen Aktionen wie basteln, backen und spielen.

Fritzsche: Außerdem sind wir Junggesellen schon jung in Führungspositionen in unserem Verein tätig. Wir sind aber auch Mitglieder in anderen Vereinen und bilden quasi den Vorstands-Nachwuchs für die vielen Ortsvereine.

Sie verbringen viel Zeit in der Bruderschaft. Wie verträgt sich das mit einer Partnerschaft?

Pacht: Ja, in der Tat. Brudermeister zu sein, ist wie einen Nebenjob zu haben. Da muss die Partnerin schon sehr tolerant sein. Meine Freundin unterstützt mich tatkräftig und hat viel Verständnis für mein Engagement.

Fritzsche: Ja, das ist wichtig, denn unsere Arbeit ist sehr zeitaufwändig und da kann dann auch einmal ein lange geplantes Wochenende platzen, weil wir zum Beispiel bei einem Umzug oder wenn jemand krank ist, helfen.

Der Countdown zur Kirmes läuft. Wie fühlen Sie sich?

Pacht: Das Fieber steigt; mit jedem Üben für das große Ereignis wird man kribbeliger. Wenn dann aber das erste Kommando, der erste Ton des Tambourcorps erklingt, gibt das eine Gänsehaut.

Fritzsche: Das Jubeln und die Freude der Leute sind einfach einmalig. Darauf fiebern wir alle hin.

Welche Momente bleiben?

Pacht: Jede Kirmes bringt ihre eigenen Höhepunkte mit sich. Zum Beispiel wenn der Schützenkönig Tränen vergießt oder das Tambourcorps am Bett eines Chargierten spielen muss, weil dieser verschlafen hat. Diese Geschichten erzählt man sich noch Jahre später.

Fritzsche: Die Krönung ist jedes Mal der emotionale Höhepunkt für mich. Wenn das Lied „Tochter Zion“ ertönt, ist das ein absoluter Gänsehautmoment. Meine eigene Krönung als 161. Schützenkönig wird mir natürlich immer in Erinnerung bleiben.

Brudermeister zu sein, heißt für mich...

Pacht: ...der Bruderschaft das zurückzugeben, was sie mir gegeben hat.

Fritzsche: ...Tradition zu leben und weiterzugeben.