"Stadttor Bonn-Beuel": Investor baut 210 Wohnungen

Abschied nach 16 Jahren

BEUEL. Kater Momo sitzt verstört im Flur und kauert sich an die Holztreppe. Unentwegt laufen fremde Männer in roten Latzhosen an ihm vorbei. Sie tragen schwere Umzugskisten - sein Zuhause befindet sich in Auflösung. Auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches, beim genaueren Betrachten schon.

Karin Lang-Bendszus, ihr Mann und ihre drei Kinder lebten bis zum Wochenende im letzten Haus auf dem großen, bereits gerodeten Grundstück an der Kreuzung Sankt Augustiner/Niederkasseler Straße (B 56/L 16). Das Areal trägt schon den neuen Projektnamen "Stadttor Bonn-Beuel". Dort wird der Investor NCC Deutschland bis 2018 zehn Gebäude mit 210 Wohneinheiten errichten.

Die fünfköpfige Familie weiß seit einem Jahr, dass für sie ein prägender Lebensabschnitt zu Ende geht. Mehr als 16 Jahre wohnt sie im Kommentalweg 3 in Vilich-Rheindorf. Tochter Sarah wurde vor zehn Jahren in dem Altbau geboren. "Wir verpacken gerade ein Stück unserer Familiengeschichte. Bei vielen Dingen, die ich in Händen halte, werden Erinnerungen wach", sagt die Mutter. In ihren Worten klingt Wehmut mit.

Doch der beschwerliche Umzug löst bei der Familie auch Aufbruchstimmung aus. "Die Zeit der Ungewissheit ist vorbei", sagt Karin Lang-Bendszus. Seit 2003 beschäftigt die Familie das Thema Umzug. Immer wieder gab es Anfragen von kaufwilligen Investoren. Aber auch immer wieder zerschlugen sich die Pläne der Bauherren. Höhepunkt der Auseinandersetzungen war ein Gerichtsprozess. In letzter Instanz entschied 2011 das OVG Münster für die Familie und gegen die Stadt Bonn. Die Familie hatte den Bebauungsplan mit der Begründung beanstandet, dass ihre Belange nicht berücksichtigt worden seien. Damals sollte dort ein Ärztehaus mit großem Supermarkt errichtet werden. Doch das ist alles Vergangenheit, nun zieht die Familie drei Straßen weiter in ein neues Haus, wieder ein Altbau, ein. Das neue Heim musste in den vergangenen Wochen kräftig renoviert werden. "Noch ist nicht alles fertig. So ziehen wir sozusagen von einer Baustelle in die nächste", erklärt Karin Lang-Bendszus.

Anfang Juni rollt der Bagger an und reißt das Haus ab. Der Gedanke daran, macht die Familie schon etwas traurig. "Wir wären gerne hier geblieben. Wir haben in einer grünen Oase, umgeben von vielen alten Bäumen, gelebt. Die Kinder sind unbeschwert aufgewachsen. Unser Sohn Sebastian konnte nachts Schlagzeug spielen, das störte niemanden", berichtet seine Mutter.

Einiges kann die Familie nicht mitnehmen: Die rote Weigelie und die alten Rosenstöcke im Garten. Auch die Grafitti-Malerei an der Außenfassade wird mit dem Bauschutt entsorgt. "Die Wand haben unsere Kinder nach der Rodung des Geländes mit Freunden künstlerisch gestaltet. Sie waren sehr froh, so eine große Fläche zum Sprayen zu haben", erinnert sich die Mutter.

Die erste Nacht im neuen Heim liegt jetzt schon hinter der Familie. Der Umzug ist jedoch noch nicht ganz abgeschlossen. Karin Lang-Bendszus hofft, dass der Baggerfahrer so freundlich ist und mit seiner Baggerschaufel die ein oder andere Pflanze freischaufeln kann. "Ich hänge an meinen Pflanzen", gesteht die Frau. Und Kater Momo? Vor ihm liegen schwere Tage. Er muss für eine Zeit im neuen Haus eingesperrt bleiben, weil die Familie Sorge hat, dass er in sein altes Revier zurückläuft.

Neubaugebiet Stadttor Bonn-Beuel

Zehn Gebäude mit 210 Wohneinheiten will der Investor NCC Deutschland auf dem Eckgrundstück B 56/L 16 bauen. Bereits im zweiten Quartal 2016 sollen die ersten Wohnungen vermietet werden, 2018 soll alles abgeschlossen sein. Zwei Tiefgaragen, 20 öffentliche Parkplätze sowie Stellplätze für Fahrräder sind geplant. Verkehrlich wird das Areal über die L 16 angeschlossen.

Wo der Kommentalweg auf die L 16 trifft, soll eine verkehrsberuhigte Erschließungsstraße vor dem Gebäudekomplex und parallel zur Landstraße führen und dann als Spielstraße zwischen den beiden Baufeldern hindurch, wo auch beide Tiefgarageneinfahrten geplant sind, auf die Mirecourtstraße stoßen. Ein Durchgang zur Jahnstraße ist nur für Fußgänger und Feuerwehr vorgesehen.