Interview mit Carl Jacob Bachem

„Stadt ignoriert Vilicher Kulturlandschaft“

Bonn. Über die Beweggründe des Denkmal- und Geschichtsvereins spricht Holger Willcke mit dem Vorsitzenden Carl Jacob Bachem.

Warum wehren sich der Denkmal- und Geschichtsverein – und mit ihm die Bürgerinitiative „Unser Vilich“ - gegen die geplante Bebauung des Ledenhof-Geländes?

Carl J. Bachem: Das im Schatten des historischen Vilicher Denkmalortes gelegene Gelände ist für die geplante Bebauung aus verschiedenen Gründen einfach nicht geeignet. Sie ist in ihren Formen ortsuntypisch, in ihren Proportionen zu massig, zu dicht und zu hoch. Das ehemalige Acker- und Weidengelände ist essenzieller Bestandteil des denkmalgeschützten Ledenhofes, der seit dem Mittelalter der Versorgungsbetrieb für das Vilicher Stift war. Das Hofgelände durfte im Jahr 1985 überhaupt nur abgetrennt und in den heutigen beschränkten Dimensionen bebaut werden, weil das Ziel die Behindertenfürsorge war. Es war die absolute Ausnahme.

Das Gelände ist doch schon mit Häusern bebaut. Was würde sich durch eine Neubebauung ändern?

Bachem: Entlang der Stiftsstraße würde die geplante Häuserfront unter Einschluss der erlaubten Solarmodule bis zu 15 Meter hoch werden und damit mehr als doppelt so hoch wie die derzeitige Bebauung. Und viele Bestandsgebäude der umliegenden Straßenzüge würde sie bis zu 4,5 Meter überragen. Hinzu kommt, dass der Blick entlang der Stiftsstraße zum historisch bedeutenden Stift weitgehend verdeckt würde. Diese historische Blickachse ist deshalb so bedeutend, weil sie in einmaliger Weise gleich zwei Stifts- und Grabeskirchen miteinander verbindet – Vilich, Stadtpatronin St. Adelheid, und Schwarzrheindorf, Erzbischof Arnold II. Das gibt es in Deutschland kein zweites Mal.

Worin liegt genau das Problem?

Bachem: Während die Doppelkirche in ihrer privilegierten Lage an der Kante der Niederterrasse unübersehbar nach allen Seiten herausragt, gilt es, die Vilicher Stiftskirche vor einer Bebauung zu schützen, in der sie auch optisch unterzugehen droht.

Haben Sie Ihre Bedenken innerhalb der gesetzlichen Offenlegung des Bebauungsplans vorgebracht?

Bachem: Ja, natürlich haben wir zum vorgesehenen Zeitpunkt unsere Einwände vorgebracht, also ganz ordnungsgemäß. Sie haben ja auch bereits Eingang in den weiteren Verfahrensablauf gefunden.

Haben Sie Kontakt zur Politik aufgenommen?

Bachem: Der Verein hatte zunächst versucht, mit dem Oberbürgermeister und dem Bezirksbürgermeister in einen internen Dialog zu gelangen, was aber an deren Desinteresse gescheitert ist. Da es anderen Vilicher Institutionen ähnlich ergangen ist, haben diese sich schließlich gezwungen gesehen, die Bürgerinitiative „Unser Vilich“ zu gründen. Ziel ist es, öffentlich ein Bewusstsein für das überregional bedeutende Kulturerbe des Vilicher Stiftes aufzubauen und für den Schutz des einzigartigen Denkmalbereichs Alt-Vilich mit seinem glücklicherweise weitgehend erhaltenen dörflichen Charakter uralter Baudenkmäler einzutreten.

Warum haben Sie überhaupt einen internen Dialog gewollt?

Bachem: Der Verein hält der Verwaltung eklatante Verstöße gegen das Denkmalschutzgesetz und die einschlägigen städtischen Gestaltungssatzungen, sowie eine Reihe von Verfahrensmängeln vor, die man zunächst vertraulich auf oberster politischer Ebene erörtern wollte. So zum Beispiel völlige Missachtung der Vilicher Gestaltungssatzung (1977) und der städtischen Rahmenbedingungen für die Ortsteilplanung (1975). Darin wird ausdrücklich eine „wesentlich über die Altbebauung hinausgehende höhergeschossige Bebauung“ untersagt.

Und diese in die Jahre gekommene Siedlung wollen Sie erhalten?

Bachem: Es ist nicht nur die in einem Architektenwettbewerb gewonnene eigenwillige und sensibel dem Dorfcharakter Vilichs angepasste Architektur als solche erhaltenswert. Leider wird völlig übersehen, dass die gut erhaltene Bausubstanz auch weiterhin als Wohnbereich dienen könnte. Zu denken wäre hier beispielsweise auch an Studenten – warum nicht sogar in Verbindung mit der Inklusion von Behinderten? Die selbst ernannte „Hauptstadt der Nachhaltigkeit“, als die sich Bonn gerne bezeichnen lässt, würde gut daran tun, die Reihe der aktuellen Abrisse nicht mit einer weiteren Zerstörung von Wohngebäuden zu krönen.

Was werfen Sie der Stadt Bonn vor?

Bachem: Besonders auffällig ist, dass die Verwaltung alles tut, um insbesondere die Vilicher Kulturlandschaft zu ignorieren, deren Schutz gerade vor diesem überdimensionierten Wohnungsbauprojekt gefordert ist. Dabei scheut sie selbst vor Rechtsverletzungen nicht zurück. Peinlich ist es auch, dass sich ausgerechnet der Landschaftsverband selber, der wie kein zweiter den Erhalt unserer Kulturlandschaften zur zentralen Forderung seiner Kulturaufgabenstellung macht, im Falle Vilich aber darüber hinwegsetzen will.

Was sagen denn eigentlich die Denkmalschützer dazu?

Bachem: Der städtische Denkmalschützer, der Stadtkonservator also, ist in allen solchen Fällen zum Schweigen verurteilt. Als Mitarbeiter des Planungsamtes darf er seine wahre Fachmeinung niemals öffentlich äußern, auch in den parlamentarischen Gremien nicht. Wenn er öffentlich zu vernehmen ist, dann wurde er zuvor von seinen Vorgesetzten „weichgespült“. Eine unabhängige Denkmalbehörde gibt es halt in Bonn nicht.

Zählen für Sie Begriffe wie Inklusion und Wohnraumnot nicht?

Bachem: Doch natürlich. Inklusion von Behinderten und Schaffung von bezahlbarem Wohnraum sind auch für uns wichtige und richtige Ziele, die selbstverständlich auch der Denkmal- und Geschichtsverein unterstützt. Fatal aber ist, dass beide Argumentationen hier nicht durchschlagen. Denn das geplante Inklusionsmodell für Vilich ist nach öffentlichen Aussagen von Fachleuten wissenschaftlich-fachlich längst überholt. Das, was jetzt projektiert ist, ist nichts anderes als eine Fortsetzung des bisherigen Zustandes in einer für die Behinderten eher kalten, unnahbaren Neubau-Umgebung. Die verbleibenden 50 Behinderten in der vorgesehenen Zusammenballung werfen vielmehr die Frage auf, ob hier nicht ein neues Getto droht und die erhoffte Inklusion eine Illusion bleibt. Und da die öffentliche Wohnraumförderung, wie in der Verwaltungsvorlage nachzulesen ist, voll auf das Konto der Behindertenversorgung zu gehen scheint, bleibt am Ende für die Menschen mit geringem Einkommen partout nichts mehr übrig. (ga)