Interview mit Ralf Mechlinski

Über das erste Dinner im Dunkeln am Beueler Rheinufer

Ralf Mechlinski veranstaltet Events im Dunkeln.

24.01.2014 BEUEL. Seit mehr als zwölf Jahren veranstaltet Ralf Mechlinski "Dinner in the Dark" - Abendessen, die im Dunkeln stattfinden. Am Samstag, 8. Februar, findet die Veranstaltung erstmals in Bonn, am Beueler Rheinufer, statt.

Herr Mechlinski, normalerweise heißt es in der Gastronomie "Das Auge isst mit". Warum verzichten Sie beim "Dinner in the Dark" ganz auf diese Komponente?
Ralf Mechlinski: Tatsächlich gehen fast 70 Prozent unserer Sinneswahrnehmung über das Auge. Das bedeutet aber nicht, dass der Rest nur 30 Prozent kann. Im Gegenteil: Natürlich ist es wundervoll, sehen zu können - die Farben, die Sonne, das Meer - , aber es bleibt einem auch Vieles verborgen, weil es vom Sehen überdeckt wird. Fühlen, Riechen, Tasten kommen normalerweise zu kurz, übrigens auch das Zuhören. Letztens war ein Ehepaar bei uns. Die kamen raus und sie sagte: "Mensch, so gut haben wir uns seit Jahren nicht mehr unterhalten! Er hat mir zugehört und geantwortet." Sich fallen zu lassen, nur in diesem Moment zu sein: Das sind Effekte, die so ein Essen im Dunkeln haben kann.

Schmeckt es anders, wenn man nichts sieht?
Mechlinski: Nehmen wir das Beispiel Tomate. Wenn ich Sie jetzt frage ,Wie schmeckt eine Tomate?' dann nennen Sie vielleicht drei Attribute.

Frisch, säuerlich, saftig ...
Mechlinski: Oder süßlich und intensiv. Aber wenn ich jemanden im Dunkeln probieren lasse, dann bemerkt er auch die Konsistenz der Haut und des Fleischs. Er befasst sich mit dem Produkt sehr intensiv, tastet es vorher ab. Er lässt es sich im Munde zergehen. Er spürt jeder Nuance nach. Das ist viel intensiver.

Der Raum ist komplett abgedunkelt. Es wird mit Messer und Gabel gegessen, es gibt Stuhlbeine und Tischkanten. Das klingt beunruhigend.
Mechlinski: Alles, was man sich vorher vorstellt, wie es ein könnte: So ist es nicht. Es ist ganz anders. Und es ist auch für jeden Menschen unterschiedlich. Unsere Gäste werden von einem blinden Betreuer zum Platz geführt. Da sitzt man erst einmal sicher. Dann tastet man am Anfang um sich und nach einer Weile weiß man: Da ist mein Glas, hier ist mein Teller. Man hat es sich gut eingerichtet. Danach lernt man ganz neue Dinge kennen, Dinge, die mit einem selbst passieren, mit den anderen, mit dem Geschmack, mit der eigenen Motorik.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen?
Mechlinski: Ich bin damals, vor mehr als zwölf Jahren, von einem Kollegen angesprochen worden, der für eine ähnliche Veranstaltung Hilfe brauchte. Und bin an der Geschichte hängengeblieben.

Warum?
Mechlinski: Ich finde, es ist einfach eine sehr sinnvolle Sache. Es ist eine unserer Grundideen, zu sagen, wir verkehren die Vorzeichen. Auf einmal wird der Sehende von Blinden geführt. Beide Seiten kommunizieren ganz viel - so etwas wie politische Korrektheit gibt es bei uns nicht. Und die Gäste sind auf eine sehr unverkrampfte Art für das Thema sensibilisiert. Das Zweite ist: Ich habe auch früher im Bereich Gastronomie gearbeitet, aber ich habe selten eine Veranstaltung gesehen, aus der die Leute so glücklich rausgehen. Die Leute erzählen einem noch drei, vier Jahre später davon.

Was erleben Ihre Gäste?
Mechlinski: Ein amerikanischer Hotelbesitzer kam raus, umarmte mich und sagte: "Mein Sohn ist blind, jetzt kann ich das zum ersten Mal nachvollziehen." Andere Geschichte: Zwei Leute kamen zum Blind Date, beide so um die 25 Jahre alt, die als 16-Jährige ein Pärchen gewesen sind. Die hatten sich aus den Augen verloren. Er kam zuerst, mit zerrissener Jeans, Schlabberlook, eher der Typ Surfer, ein Beach Boy. Und sie kam als komplette Tussi - gestylt, mit teurer Uhr und so weiter. Eigentlich sah jeder: Die hatten sich in verschiedene Richtungen entwickelt. Aber die beiden konnten es eben nicht sehen. Und haben da angefangen, wo sie vor zehn Jahren aufgehört hatten.

Das Auge steht uns also manchmal auch im Weg.
Mechlinski: Auf jeden Fall. Es ist wie eine andere Welt, wie ein neues Universum. Ich kann mir ja auch alles so vorstellen, wie ich es möchte. Ich kann in einem Schloss sitzen, oder eine Höhle. Die Dunkelheit ist wie eine weiße oder besser gesagt schwarze Leinwand, die jeder für sich füllen kann. Auch das Aufeinanderzugehen ist ein ganz anderes. Ich habe eben nicht diesen ersten Eindruck, durch den ich normalerweise einen Menschen direkt kategorisiere. Ich muss mich erst einmal 15 Minuten mit der Person befassen, bevor ich mir ein Bild gemacht habe.

Das "Dinner in the Dark" findet am Samstag, 8. Februar, um 19.30 Uhr im Schroeder's, Rheinaustraße 126, statt. Karten kosten 69 Euro. Weitere Informationen im Internet unter www.lichtlos-entertainment-de.

Zur Person

Ralf Mechlinski ist Eventmanager und Autor von Ernährungsbüchern. Der Kölner befasst sich seit 13 Jahren mit dem Thema Lichtlosigkeit und ihrer Wirkung auf die Sinneswahrnehmung.  (Johanna Heinz.)