GA-Serie Godesberger Gegensätze

Zwischen Dorfidyll und Problemzone

Jugendarbeit in der Offenen Tür Heiderhof: Gunter Larisch spielt mit Leon und Ermal Airhockey.

Jugendarbeit in der Offenen Tür Heiderhof: Gunter Larisch spielt mit Leon und Ermal Airhockey.

BAD GODESBERG. Verantwortliche der Bad Godesberger Jugendarbeit ziehen Bilanz. Um Jugendgewalt zu verhindern, sollen mehr Streetworker eingesetzt werden.

Die „deutsche Bronx“, sagt Rainer Braun-Paffhausen, die sei Bad Godesberg nie gewesen. Nicht heute und nicht im Mai 2016, als der gewaltsame Tod des 17-jährigen Niklas Pöhler bundesweit für Schlagzeilen sorgte. Braun-Paffhausen ist Geschäftsführer der Katholischen Jugendagentur (KJA) in Bonn.

Der Todesfall habe alle aufgerüttelt. Aber Jugendgewalt gebe es auch in den anderen Stadtbezirken und Städten, sagt er. „Eine Stigmatisierung hat Bad Godesberg nicht verdient.“ Aber auch hier müsse man die Symptome für Jugendgewalt erkennen und langfristig dranbleiben. Braun-Paffhausen ist überzeugt, dass in Godesbergs Schulen und Jugendeinrichtungen seit Jahren kontinuierlich gute Arbeit geleistet wird.

In den Randebieten und in der City lebt die Jugend anders als im Dorf

Wichtig sei, dass 2016 die Offenen Ganztagsschulen (OGS) und die Schulsozialarbeit finanziell gesichert wurden. Die KJA betreibt in Godesberg zwei offene Jugendtreffs: das „Rheingold“ in Mehlem und an Frieden Christi am Heiderhof. An beiden Orten bietet die KJA auch die OGS der Grundschulen an. KJA-Pädagogen sind zudem in Pennenfeld für die Nachmittagsförderung der Johannes-Rau-Hauptschule und Carl-Schurz-Realschule verantwortlich.

In Friesdorf und Schweinheim, da funktioniere der Zusammenhalt der Jugend noch fast wie im Dorf, meint er. Im reicheren Villenviertel und Plittersdorf wachse die Jugend ebenfalls ohne soziale Probleme auf. Aber in den Randgebieten und in der City müsse die Jugendhilfe seit vielen Jahren präsent sein. „Und zwar mit Beziehungsarbeit von gut vernetzten Trägern.“

Mehr Geld für erweiterte Öffnungszeiten

Der KJA-Geschäftsführer rechnet vor, dass die Stadt dem Heiderhof eine weitere halbe Jugendarbeitsstelle und dem Mehlemer „Rheingold“ durch Neustrukturierung zwei ganze Stellen geben werde, wenn der Jugendausschuss zustimme. „Dann könnten wir schon vor den Sommerferien unsere Öffnungszeiten erweitern.“ Eine Fachkraft werde in Mehlem schwierige Jugendliche an deren Treffpunkten aufsuchen.

Genau das hatte 2016 der evangelische Pfarrer Klaus Merkes gefordert. Auf Anfrage sieht er heute die Lage immer noch nicht so rosig an wie Braun-Paffhausen. Der Hauptverdächtige im Fall Niklas Pöhler, der aktuell vor Gericht steht, stammt hierher. Der Sicherheitsdienst verhindere zwar an der Domhofschule abendliche Krawalle, so Merkes. Aber die vernachlässigten Jugendlichen seien ja noch da. Es habe ein Verdrängungsprozess etwa in den Drachensteinpark stattgefunden.

Elterngeneration ist mit den Füßen in Deutschland angekommen

35 junge Migranten werden vom Mehlemer Haus der Generationen betreut, berichtet Sanaa Elaidi, die Vorsitzende des muslimischen Vereins. „Unsere Geduld hat sich gelohnt. Viele wachsen endlich aus ihrer Opferrolle raus.“ Nachhilfe, Ausflüge und Fußballspielen stehen auf dem Programm. „Jetzt holen wir die Eltern mit ins Boot, damit die nicht nur mit den Füßen, sondern auch mit dem Kopf in Deutschland ankommen.“

Und wie sieht es in einem anderen Problemviertel, im Pennenfeld, aus? Merkes' Pfarrkollege Jan Gruzlak ist täglich in den vielen Schulen unterwegs: „Ich wurde noch nie von Jugendlichen angepöbelt, auch abends nicht.“ Sind denn noch Spannungen an den Bushaltestellen spürbar? Keine auffälligen Vorkommnisse, meint Gruzlak.

Pfarrer im Brennpunkt

„Unsere Jugendmitarbeiterin bescheinigt auch: Es ist seit einigen Jahren ruhiger geworden.“ Sicherlich gingen aber wie anderswo auch Lebenswelten auseinander, gibt er zu bedenken: „Wo die einen über ein Auslandsstudium nachdenken und die anderen sich vor Arbeitslosigkeit nach der Hauptschule fürchten, muss eine Gesellschaft alarmiert sein“, sagt der Pfarrer, der auch für die City zuständig ist.

Generell empfehle er erst mal den Faktencheck: „Wo Brennpunkte sind, muss gehandelt werden.“ Wenn es keinen Grund gebe, dürfe Angst aber auWerch zur Seite geschoben werden.

Gymnasiastin geht an der Rheinallee nicht alleine vorbei

Jule Eckert, die aufs Amos-Comenius-Gymnasium geht, richtet auf Anfrage den Blick ins Zentrum. In der Zeit nach der Tat an der Rheinallee habe die Stimmung unter Jugendlichen zwischen Besorgnis und Erschrecken geschwankt, meint die 18-Jährige. Sie glaube aber, dass sich die Atmosphäre beruhigt habe. Junge Leute seien jedoch vorsichtiger geworden: An der Rheinallee gehe sie nicht alleine vorbei, und sie meide am Abend Orte wie den Kurpark oder die Koblenzer Straße.

Nur einen Steinwurf vom Tatort entfernt, wartet seit Juni 2016 das One-World-Café auf junge Gäste. Nach dem Wegzug des „K 7“ von der Kurfürstenallee nach Pennenfeld hatte die City über Jahre keinen Jugendtreff mehr.

Die Jugendhilfe Godesheim und das Hermann-Josef-Haus hatten zumindest ihr One-World-Mobil in die City geschickt. Als dessen Arbeit mit Start des Cafés gestrichen werden sollte, gingen auch Kommunalpolitiker auf die Barrikaden. Seither fährt die Jugendarbeit im Zentrum dank Sponsoren zweigleisig: Die Jugendlichen, die per se nicht in einen Treff kommen, werden von Sozialarbeitern am Kur- und Panoramapark sowie der Rheinallee per Mobil aufgesucht. Den festen Standort gibt's im Hansa-Haus.

Die richtig harten Jungs gehen nicht ins Jugendzentrum

Beides werde gut angenommen, bestätigt Kerstin Rüttgerodt vom Godesheim. Im Café treffe sich zum Wochenprogramm ein gemischtes Publikum. „Die Jugendarbeit läuft im Café und im Mobil gut“, sagt auch Wolfram Kuster, Gründer der Initiative „Go Respekt“.

Die richtig harten Jungs gingen natürlich nicht hin. Aber die nachwachsende Generation sei im Kontakt mit den Sozialarbeitern. Kuster knüpft aktuell Fäden zum Marokkanischen Kulturverein, um dessen Jugendliche mit dem Café in Kontakt zu bringen. Außerdem spricht er mit Kindergärten und Grundschulen, um schon dort ein Sozialcoaching anzuregen. „Es kann mir keiner sagen, dass die später harten Jungs nicht schon in frühen Jahren Anzeichen zeigen.“

Im Café und im Zentrum präsent sind auch die jungen unbegleiteten Flüchtlinge, die vom Godesberger Verein Ausbildung statt Abschiebung (AsA) betreut werden. „Sie haben sich geschämt, dass andere Jugendliche mit Migrationshintergrund die Tat an der Rheinallee begangen haben sollen, und hatten Angst vor Ablehnung“, sagt Mitarbeiterin Sara Ben Mansour dazu.

Das Projekt „Brücken bauen“ bringe sie aber immer besser auch in Godesberger Vereine hinein. Das Jugendreferat des katholischen Seelsorgebereichs wollte auf Anfrage zu seinen Aktivitäten „keine Info geben“.

Universität entwickelt gesamtstädtisches Gewaltpräventionskonzept

Nach GA-Informationen denkt die Stadt über eine Aufstockung der Betreuung im Café nach, um einen Streetworker auszuschicken. Demnächst starten nach Tannenbuscher Modell Konferenzen, bei denen Jugendhilfe, Schulen, Justiz und Polizei für die Situation einzelner Jugendlicher Lösungen suchen, bestätigt Vize-Stadtsprecher Marc Hoffmann.

Bezüglich eines gesamtstädtischen Gewaltpräventionskonzepts stehe man im Dialog mit Schulen und Trägern. Stimmten die Gremien des Stadtrats zu, werde die Sozialpsychologie der Philipps-Universität Marburg das Konzept entwickeln.