Missbrauchsfälle am Aloisiuskolleg

Zweiter Bericht zur Aufarbeitung offengelegt

Im Aloisiuskolleg präsentieren (von links) Annette Haardt-Becker, Arnfried Bintig, Robert Wittbrodt, Johannes Siebner und Dirk Steuber den zweiten Aufklärungsbericht zu den Missbrauchsfällen vor.

15.03.2013 BAD GODESBERG. Den zweiten Aufklärungsbericht zu den Missbrauchsfällen am Aloisiuskolleg (Ako), speziell zu den "Grenzverletzungen im Ako-pro-Scouting", präsentierte am Freitag Ako-Rektor Pater Johannes Siebner. Er habe den von Arnfried Bintig verfassten 135 Seiten langen Bericht mit Bestürzung gelesen.

"Ich bin erschüttert, was wir hier erfahren. Ich bin beschämt ob der vielen Einzelschicksale und ob der perfiden und brutalen Vorgehensweise des ehemaligen Leiters des Ako-pro-Seminars über so lange Zeit."

Der Bericht handelt von sexualisierten Gesprächen, Aufforderungen zu sexuellen Handlungen bis zu direkten sexuellen Übergriffen. Er schildert Dinge, die ein in der Verantwortung stehender Bonner Pädagoge über Jahre ungeahndet von Schutzbefohlenen erzwungen haben soll. Der Bericht schildert das Leid, die Traumatisierung, das Gezeichnetsein von Opfern und ihren Angehörigen bis heute.

Wie berichtet, hatte der vergangenes Jahr verfasste Abschlussbericht von Julia Zinsmeister dem Ende 2010 aus Ako- und Ako-pro-Diensten ausgeschiedenen Mann vorgeworfen, an der Bildungseinrichtung ein geschlossenes System von Lieblingen und Verlierern betrieben sowie sich Grenzverletzungen bis zum strafbaren sexuellen Missbrauch schuldig gemacht zu haben. Doch Zinsmeister hatte bekannt, das Thema Ako-pro nur mit heißer Nadel gestrickt zu haben.

Die Betroffenen rebellierten, und Siebner setzte den Psychologie-Professor Bintig auf die Fortsetzung unter neuer Prämisse an. Er habe neben den Grenzverletzungen auch die "Aufarbeitung der Aufarbeitung am Ako" seit Ausbruch des Skandals im Februar 2010 beleuchten wollen, erklärte Siebner gestern. Gerade da habe sich Bintig als "Glücksfall" für das Fortschreiben des Aufklärungsprozesses erwiesen.

Tatsächlich beleuchtet der Bericht weit mehr als die geschilderten Taten, nämlich die Strukturen, die genau diese Übergriffigkeit innerhalb des Ako-pro-Scoutings ermöglichten. Hier liegt die Stärke Bintigs, das Gefüge von den Machtmissbrauch begünstigenden Faktoren und fehlenden Korrektiven zu erklären. Das Versagen sowohl einzelner Personen wie der Strukturen des Vereins und des Kollegs habe Bintig deutlich offen gelegt, lobte Siebner.

"Diese Tatsache erfüllt mich mit Scham. Es wird beschrieben, wie sehr Kinder und Jugendliche zu Opfern von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch wurden - über viele Jahre." Ausdrücklich betone er, dass sich die Ako GmbH in Verantwortungskontinuität für Kolleg und Verein befinde. "Es kann und darf da kein Wegducken geben und keinen Verweis auf die vermeintliche Selbstständigkeit des Ako-pro-Seminar e.V.". Der Bericht bestätige eindrücklich, dass die Frage nach der Verstrickung von Ako und Ako-pro richtig gestellt war.

Wobei Siebner, Bintig sowie Annette Haardt-Becker von der Hilfsorganisation "Innocence in Danger" durchaus zugaben, dass auch nach diesem Bericht noch viel Aufarbeitungsbedarf bestehe. Letztlich nenne er die für die Jahre vor 2010 relevanten Verantwortungsträger für Ako-pro im Bericht nicht, gab Bintig zu. Es habe aber bis in die Ordensspitze "Verantwortungsdefizite rund ums Ako" gegeben, sagte Thomas Busch, der Sprecher von Jesuitenprovinzial Stefan Kiechle. "Da gehört auch der damalige Rektor Pater Theo Schneider dazu."

Auch der Orden sei interessiert daran, dass Schneider sich zu Ako-pro äußere. Es gebe "eine gewisse Verantwortung des Akos", dass der beschuldigte ehemalige Angestellte nicht mehr im Jugendbereich arbeiten möge, sagte Siebner. Und der neue Ako-pro-Vorsitzende Dirk Steuber fügte hinzu, vielleicht bewirke jetzt die Veröffentlichung des Berichts genau das: "Dass der Mann nicht mehr pädagogisch tätig sein kann." (Ebba Hagenberg-Miliu)