Volapük

Wie die künstliche Weltsprache entstanden ist

BAD GODESBERG. Aufstieg und Fall eines Idioms vom Reißbrett: Vor 135 Jahren erdachte ein badischer Pfarrer die künstliche Weltsprache Volapük.

Fremdsprachen zu lernen, ist anstrengend und voller Frustrationserlebnisse. Warum nicht lieber eine eigene Sprache erfinden? Wann immer irgendein Film- oder Buchautor das tut, ist Begeisterung garantiert - etwa über das "Elbische" J.R.R. Tolkiens oder das "Klingonische" aus den Star-Trek-Filmen.

Sprachen zu erdenken, gilt heute als kopfschüttelnd respektierte Kunstform für sehr individualistische Individualisten. Ganz anders im 19. Jahrhundert: Dass alle Völker sich auf eine weltweite Einheitssprache einigen könnten, hielt man damals für einen echten Weg zum Weltfrieden. Den ersten ernstzunehmenden Versuch machte die Menschheit vor 135 Jahren: Damals begann die steile, aber kurze Karriere des Volapük, der ersten konstruierten Sprache, die (wenn auch mit vielen Haken und Ösen) tatsächlich im Alltag funktionierte.

Erdacht hat sie der badische Pfarrer Johann Martin Schleyer (ein Großonkel des von der RAF ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer). In der Nacht zum 31. März 1879, so schrieb er, sei ihm eine Art von göttlicher Eingebung gekommen: "In einer rätselhaften, geheimnisvollen Weise, in dunkler Nacht, als ich über viele Jämmerlichkeiten unserer Zeit nachdachte, stand das Gebäude meiner Weltsprache vor meinem geistigen Auge."

Fundament dieses Gebäudes war die Idee, dass Stammwörter "einfach, also einsilbig" sein sollten; Schleyer holte sie zumeist aus dem Englischen, veränderte sie aber nach eigenwilligen Prinzipien. Zum Beispiel sollten alle Konsonantenkombinationen wegfallen, ebenso alle R's - wegen der Chinesen, die das angeblich nicht aussprechen können.

Gut gemeint, aber mit eher befremdlichen Ergebnissen: Nach dieser Methode wurde aus friend (Freund) zum Beispiel "flen", aus fire (Feuer) wurde "fil" und aus tempest (Sturm) wurde "tep". So entstand auch der Name der Sprache: Aus world (Welt) wurde "vol" und aus speak (sprechen) wurde "pük" - also "Volapük", Sprache der Welt.

Problem Nummer zwei: Schleyer konnte seinen Pfarrer-Beruf auch beim Sprachenerfinden nicht verleugnen. Er konstruierte eine Grammatik, ähnlich komplex wie Latein und Altgriechisch, mit allerlei Vor- und Nachsilben für allerlei komplizierte Zeitformen: Perfekt und Imperfekt; Futur 1 und 2; Plusquamperfekt und "Aorist". Auch das Zusammensetzen der Silben sorgte für Durcheinander. Etwa im Wort "lemel": Je nachdem, ob man es als "le-mel" oder als "lem-el" verstand, konnte es "Ozean" bedeuten oder "Kaufmann".

Zu Anfang kümmerten diese Systemfehlerchen keinen. "Menadé bal pükí bal" (etwa: Eine einzige Sprache für die eine Menschheit) - unter diesem Wahlspruch begann die Volapük-Bewegung sich rasch über die Welt zu verbreiten. Im Jahre 1888 soll es in 23 Ländern rund 250 Volapük-Vereine (mit insgesamt einer Million Mitgliedern) und fast 1500 Volapük-Schulen gegeben haben.

So rasch der Aufstieg gekommen war, so rasch kam aber auch der Fall. Schon 1888 brach die Volapük-Bewegung auseinander: Sein geistiges Kind war Schleyer so sehr ans Herz gewachsen, dass er sich mit jedem Mitstreiter überwarf, der - und sei es noch so sinnvolle - Verbesserungsvorschläge hatte. Den Todesstoß versetzte seiner Idee dann jenes Bessere, das der Feind des Guten ist. 1887 war das Esperanto auf der Bühne erschienen, das heute als Goldstandard der erdachten Sprachen gilt: Größtenteils auf lateinischen Vokabeln aufgebaut und mit sehr simpler Grammatik versehen, ist es (wenn man denn eine erfundene Sprache lernen will) viel einfacher und leichter verständlich.

Esperanto hat heute je nach Definition zwischen 100.000 und zwei Millionen Anhänger in 120 Ländern. Ganz anders Volapük: Bei Schleyers Tod im Jahr 1912 galt es als fast völlig erloschen. Ein paar wenige Enthusiasten blieben übrig und retteten ihre Lehr- und Wörterbücher über die Zeit des Vergessens und über zwei Weltkriege hinweg. Über lange Zeit hing das Weiterleben der Sprache an nur einem Mann: dem Engländer Ralph Midgley, der seit 30 Jahren die Monatszeitschrift "Vög Volapüka" herausgibt, die "Stimme des Volapük".

Hilfe kam - ausgerechnet - mit der Erfindung des Internet. Seit auch die Freunde exzentrischer Themen sich weltweit finden und unterhalten können, gibt es wieder eine winzige, aber agile Volapük-Gemeinde von je nach Definition zehn bis 150 Leuten. Sie pflegen die Urgroßmutter der Do-it-yourself-Sprachen als intellektuelles Vergnügen, erfreuen sich an Grammatik-Feinheiten und am Wörterbasteln. Selbst mit der Konkurrenz von einst herrscht gelassener Friede: Wenn Esperanto-Autoren in ihre Geschichten Figuren einbauen, die selbst ein Weltsprachler nicht versteht - dann lassen sie sie Volapük sprechen.

Infos: www.volapük.com (wichtig: ü, nicht ue!). - Literatur: Johann Schmidt: Lehrbuch der Weltsprache Volapük (von 1933, neu herausgegeben von Hermann Philipps). 140 S., 9,50 Euro, unter www.epubli.de