Diskussion in Bad Godesberg

Viele Jugendliche fühlen sich in Bad Godesberg sicher

PENNENFELD. Ein Jahr nach der tödlichen Attacke auf Niklas Pöhler hat der Verein Lese-Kultur zum Gespäch mit Psychiater Joachim Bauer eingeladen. Er schildert, wie ein Kreislauf der Gewalt entsteht.

Wie entstehen Aggressionen, wie kommt es zu Gewaltausbrüchen? Diesen Fragen ging Psychiater und Neurobiologe Joachim Bauer am Montagabend im Amos-Comenius-Gymnasium nach. Zu der Veranstaltung hatte der Verein Lese-Kultur Godesberg eingeladen, Anlass war die tödliche Attacke auf den 17-jährigen Niklas Pöhler vor einem Jahr.

„Schmerz löst Aggressionen aus“, sagte Bauer, der einigen vom Münchner NSU-Prozess bekannt sein dürfte. Er hatte jüngst Beate Zschäpe verminderte Schuldfähigkeit attestiert. Doch auch soziale Ausgrenzung aktiviere das so genannte Schmerzzentrum im Hirn. Das gelte auch, wenn Freunde ausgegrenzt würden. Mitgefühl, ist in diesem Fall das Stichwort.

Fall Niklas P. hat viel Wut ausgelöst

Die Folge: „Wenn ich die Aggressionen nicht rauslassen kann, folgt die Depression“, so Bauer. Oder ausgegrenzte Menschen schließen sich zusammen, mobben ihrerseits und schlagen zurück. „So entsteht ein Kreislauf der Gewalt.“ Um das zu verhindern, verfügten Menschen über das Stirnhirn, „das uns innehalten und abwägen lässt“. Dieses allerdings müsse wie ein Muskel trainiert werden, funktioniere aber je nach Sozialisation nicht bei jedem – und werde durch Alkohol gehemmt, so Bauer.

Wie sich diese Ausführungen auf den Fall Niklas und Bad Godesberg übertragen lassen, wollte Moderatorin Ebba Hagenberg-Miliu wissen. Dieses entsetzliche Ereignis habe viel Wut ausgelöst, vor allem auch, weil der Schuldige noch nicht gefunden sei, sagte Bauer. So werde das Bedürfnis ausgelöst, sofort zurückzuschlagen. „Es ist schwierig, aber die Öffentlichkeit muss innehalten und akzeptieren, dass es eine Wartezeit gibt.“ Die Behörden bräuchten die Zeit, weiter zu ermitteln.

Um aktiv etwas zu tun, regte Bauer die Gründung eines Bündnisses gegen Gewalt an – ähnlich dem in Winnenden, das die Mutter eines Opfers des Amoklaufs gegründet hatte. „Migranten und deutsche Jugendliche könnten sich zusammentun und dies initiieren, es wäre toll, so etwas auf den Weg zu bringen“, sagte Bauer in Richtung des Amos. Was man Jugendlichen beibringen sollte, um Aggressionen zu verhindern, fragte ein Lehrer. Elementar sei das Prinzip der gewaltfreien Kommunikation. „Wortwechsel führen schnell zur Eskalation.“ Deswegen sei auch Deeskalation ein wichtiger Faktor.

Jugendliche seien heute nicht aggressiver als früher

Und wie beurteilen die Jugendlichen die Situation in Bad Godesberg? Viele meldeten sich – und waren sich einig. Man fühle sich sicher, schlimmer als in anderen Städten sei es hier nicht, das Positive werde einfach nicht kommuniziert. „Gewalt ist halt laut“, meinte einer. No-Go-Areas gebe es nicht – lediglich um den Kurpark scheinen einige einen Bogen zu machen. Wenn auch nicht alle. „Ich fahre dort abends häufig lang“, beschrieb ein Schüler. Dort hielten sich zum Teil alkoholisierte Jugendliche auf, die anfingen zu pöbeln. „Das ignoriere ich.“

„Die Jugendlichen sind heute nicht aggressiver als früher“, meinte Bauer. Durch die Begegnung der Kulturen habe man einfach einen neuen Herd, aus dem Gewalt entstehen könne. In den westlichen Kulturen stünde die Autonomie im Zentrum, in den arabischen und asiatischen gehe es um Zugehörigkeit. Um diese Differenz zu überwinden, sei es wichtig, „dass wir Übergänge möglich machen“, so Bauer.